Rund ein Drittel der Menschen in Baden-Württemberg fühlt sich einsam. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie der Bertelsmann-Stiftung. Verschiedene Projekte im Land sollen helfen.
In Mannheim hat zum Beispiel am Samstag der Create & Cry Clube ein Kreativworkshop gegen Einsamkeit organisiert. Nur fünf Sekunden Zeit hatten die Teilnehmenden, um einen Vogel zu malen, dann musste der Zettel an die nächste Person weitergegeben werden. Das Ziel solcher Abende: neue Leute zwanglos kennenlernen.
Kreativität gegen Einsamkeit
Zum ersten Mal mit dabei war auch Janika. Vor zwei Monaten ist sie für ihr Masterstudium nach Mannheim gezogen. Einsamkeit ist bei ihr durchaus ein Thema. In ihren ersten Wochen sei es herausfordernder gewesen, in eine neue Stadt zu ziehen, als sie gedacht habe. Der Druck dabei groß, sich schnell irgendwo zugehörig zu fühlen. "Ich merke, okay, das geht doch nicht so schnell, das braucht einfach doch Zeit zu wachsen. Ich weiß, ich bin eigentlich nicht einsam, ich habe ein gutes soziales Umfeld und trotzdem manchmal dann oft so Gefühle irgendwie hochkommen bei mir."
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Studie: Mehr als 8 Prozent der Befragten fühlen sich stark einsam
Damit ist sie nicht allein. Laut einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung fühlt sich mehr als jede dritte Person in Baden-Württemberg einsam. Insgesamt 30,1 Prozent der Befragten sagten, dass sie sich "moderat einsam" fühlen und 8,1 Prozent gaben an, sie seien sogar "stark einsam". Für die Studie wurden 1.842 Personen befragt, die repräsentativ für die Bevölkerung Baden-Württembergs im Hinblick auf Schulabschluss, Regierungsbezirk, Alter sowie die Kombination aus Alter und Geschlecht sind.
Minister Lucha: Einsamkeit kann jeden treffen
Finanziell wurde die Studie vom Gesundheitsministerium unterstützt. Einsamkeit sei ein Thema, das weit verbreitet sei und Menschen aller Altersgruppen, Lebenssituationen und Regionen betreffe. Minister Manfred Lucha (Grüne) sagte dazu am Montag bei der Pressekonferenz: "Jeder, der Begegnungen mit Menschen hat, ist schon ein kleiner Einsamkeitsbeauftragter." Jeder müsse danach schauen, dass seine Mitmenschen nicht vereinsamten.
Armut, Migrationshintergrund und schlechte Nachbarschaft verschlimmern Einsamkeit
Laut der heute vorgestellten Studie hat Einsamkeit auch Auswirkungen auf die Gesundheit und die Lebenszufriedenheit und sei ein kollektiv gesellschaftliches Problem. Denn: Es wirke sich auch auf das Vertrauen in die Demokratie aus, so die Studienmacher. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass das Einkommen eine Rolle spielt. Menschen mit einem niedrigen Einkommen unter 2.000 Euro gaben signifikant häufiger an, moderat einsam (31 Prozent) oder stark einsam (13 Prozent) zu sein. Ein Grund dafür ist laut Studienmachern die Möglichkeit der sozialen Teilhabe.
Ein weiterer Faktor kann ein Migrationshintergrund sein. Insgesamt 54 Prozent der Befragten mit einem Migrationshintergrund fühlen sich entweder moderat oder stark einsam, gegenüber 34 Prozent bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Auch ein starker Zusammenhalt in der Nachbarschaft hat Auswirkungen auf das Einsamkeitsgefühl. In der Gruppe der Befragten, die den Zusammenhalt in der Nachbarschaft als schlecht bewertete, lag auch die moderate Einsamkeit mit 43 Prozent höher als bei denjenigen, die den Zusammenhalt neutral (30 Prozent) oder gut bewerteten (24 Prozent).
Mannheimer Initiative fordert mehr Unterstützung vom Land
Trotz der hohen Zahl an Menschen, die sich in Baden-Württemberg einsam fühlt, sieht Minister Lucha das Land schon jetzt gut aufgestellt: "Wir verfügen bereits über vielfältige Projekte und Netzwerke, um einsame Menschen in ihren jeweiligen, spezifischen Lebenswelten zu erreichen."
Das sieht Ramona Lengert anders. Die Gründerin des Create & Cry Clubs fordert mehr Unterstützung von der Politik: "Ich wünsche mir von der Politik, dass es endlich ernst genommen wird und dass es mehr präventive Angebote gibt. Dass es mehr kollektive Räume gibt, wo jeder Mensch hinkommen kann, die kostenlos sind und dass vorhandene Vereine und Initiativen auch leichter an Fördergelder kommen."
Ab 22. November 2025 in der ARD Mediathek „Exit Einsamkeit – die Doku”
Warum anschauen?
Exit Einsamkeit“ zeigt, was viele schon erfahren haben: Wie sich Einsamkeit wirklich anfühlt – und wie schwer, aber auch wie schön es sein kann, wieder Nähe zuzulassen und den Weg aus der Stille zu finden.
Land startet Ideenwettbewerb gegen Einsamkeit
Ramona Lengert möchte mit ihren Kreativworkshops niedrigschwellige Angebote bieten, bei denen man Leute kennenlernen, aber auch die eigenen Gefühle erkunden kann. "Gerade Einsamkeit beschäftigt ja unfassbar viele junge Menschen und es gibt aber total wenig Angebote." Und meistens würden die Angebote, die es gibt, Geld kosten und da würden wieder viele Menschen ausgeschlossen. "Da wollte ich irgendwie aktiv was dagegen tun und so ist die Idee vom Create & Cry Club entstanden", so Lengert weiter. Mittlerweile sind sie in drei Städten aktiv: Konstanz, Freiburg und Mannheim.
Auf politischer Ebene will Minister Lucha die Studie nun dafür nutzen, um eine einheitliche Strategie gegen Einsamkeit weiterzuentwickeln. Hierfür wird das Sozialministerium fünf Ideenwettbewerbe ausrufen, um innovative Projekte gegen Einsamkeit in besonders betroffenen Zielgruppen zu fördern. Die Ausschreibung dafür soll laut Minister am Montag starten.