Was könnte ich für eine Krankheit haben? Solche und andere Gesundheitsfragen hat fast jede zweite Person in Deutschland laut einer repräsentativen Umfrage 2025 schon mal einem KI-Chatbot gestellt.
Die Anfragen werden aber meistens in Chatbots gestellt, die für solche medizinische Anfragen gar nicht gedacht sind. Dabei gibt es immer mehr KI-Sprachmodelle, die gezielt für Medizin- und Gesundheitsfragen entwickelt werden, wie Buoy Health, Ada oder SkinGPT.
Immer mehr Patienten fragen vor dem Arztbesuch einen KI-Chatbot
Hausarzt Wolfgang von Meißner nutzt in seiner Praxis in Baiersbronn im Schwarzwald selbst viel KI und merkt, dass auch immer mehr Patienten statt Doktor Google vor dem Arztbesuch Doktor KI fragen, also den Chatbot um eine erste Einschätzung bitten:
"Sie wollen schon von mir als Arzt hören, was ich denn jetzt für wahrscheinlich oder unwahrscheinlich halte. Ich glaube auch, dass sie wollen, dass ich da in gewisser Weise Verantwortung dafür übernehme." – Wenn Patienten überhaupt in die Praxis kommen, denn zuhause steht mit dem Chatbot rund um die Uhr ein Ansprechpartner zur Verfügung.
Die neusten KI-Modelle können sich mittlerweile auch an frühere Eingaben erinnern. Wer die KI-Chatbots regelmäßig nutzt, hat schnell das Gefühl: Der KI-Chatbot kennt mich, zumindest in Ansätzen. Aber gerade diese Memory-Funktion, dieses Erinnern, ist ein Knackpunkt – vor allem wenn es um medizinische Fragen geht, erklärt KI-Entwickler Daniel Teigland aus Tübingen:
"Das Problem ist: Jetzt habe ich in meiner Memory-Funktion ganz viele umgangssprachliche, vielleicht faktisch inkorrekte Dinge. Dann frage ich meine medizinische Frage, aber mein Modell wurde künstlich extrem verschlechtert aufgrund der Gespräche, die ich davor hatte, die unfaktisch waren, weil ich eben über Dinge wie Emotionen geredet habe. Jetzt bekomme ich also emotionales Feedback auf meine medizinischen Fragen."
KI-Chatbots geben oft fehlerhaften gesundheitlichen Rat
Die Erinnerungen können also das Risiko für unpassende und falsche Angaben erhöhen. Das könne zu gefährlichen Selbstdiagnosen führen, sagt Kerstin Denecke, Expertin für digitale Gesundheit der Berner Fachhochschule in der Schweiz. Wenn in Patienten große Ängste ausgelöst werden, dann könne sich letztlich die medizinische Behandlung verzögern, wenn sie dadurch nicht zum Arzt oder zur Ärztin gehen. Die Quellenlage sei unklar, erklärt Denecke.
ChatGPT: Neuer Gesundheitsbereich beantwortet in den USA Fragen zu Krankheiten
Es gibt aber erste Hinweise, was KI im Gesundheitsbereich aktuell leisten kann. Anfang 2026 hat OpenAI mit ChatGPT Health in den USA ein eigenes Angebot eingeführt, also speziell für medizinische Fragen rund um die Gesundheit. Patienten können dort direkt Fragen zu ihrer Diagnose stellen, quasi als Zweitmeinung, jederzeit verfügbar durch KI. Doch wie verlässlich arbeitet das KI-System?
Eine im Fachmagazin Nature veröffentlichte Studie hat die neue Funktion von OpenAI direkt getestet. Dabei hat das KI-Sprachmodell systematisch medizinische Notfälle heruntergespielt. Bei Notfällen hat das KI-System bei etwa jeder zweiten Anfrage die akuten Symptome tendenziell unterschätzt und eher zur Beobachtung geraten. Häufig wäre aber ein schneller Klinikbesuch der bessere Rat gewesen. KI-Expertin Kerstin Denecke erkennt dabei ein Muster in den KI-Modellen:
"Es fragt ja auch selten zurück und sagt, dass ihm Informationen fehlen für eine ordentliche Reaktion. Etwas, was ein Mensch machen würde, der weiß, welche Informationen essentiell sind, um so eine Triage durchzuführen."
KI-Diagnosen vergleichbar mit Wetterbericht
Viel deutet darauf hin, dass KI in wichtigen medizinischen Fragen auch in absehbarer Zukunft nicht die alleinige Verantwortung übernehmen kann. Trotzdem geht Hausarzt Wolfgang von Meißner davon aus, dass der Zeitpunkt kommen wird, zu dem die KI wahrscheinlich weniger Fehler macht als der Mensch. Für manche Teilbereiche der Medizin sei er tatsächlich schon da, so der Mediziner.
KI-Modelle können demnach viel Arbeit abnehmen und auch bei Diagnosen unterstützen, auch wenn sie nicht perfekt sind. Er sieht KI als Werkzeug, auf das Patientinnen und Patienten aber auch medizinische Fachleute schon bald nicht mehr verzichten wollen. KI-Entwickler Daniel Teigland vergleicht die KI-Nutzung in dem Fall mit dem Wetterbericht:
"Wir haben einfach akzeptiert, dass wenn da drinsteht, dass es morgen regnet, dass das auch totaler Quatsch sein kann. (...) Wir wissen, das kann sein, das ist nicht schön, aber es bringt trotzdem mehr als nicht reinzuschauen und genau so würde ich das auch sehen."
Die Entwicklung spezialisierter KI-Systeme für Gesundheit beginnt jetzt erst
Anders als beim Wetterbericht fehlen bei den KI-Antworten noch Wahrscheinlichkeitsangaben. Also zum Beispiel, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine KI-Antwort richtig ist, wenn zum Beispiel nach Symptomen einer Krankheit gefragt wird. Forschungsprojekte suchen schon nach Lösungen, bisher aber ohne Erfolg.
Gleichzeitig werden KI-Sprachmodelle für einen größer werdenden Teil der Gesellschaft immer häufiger zum Ansprechpartner für fast alle Lebensfragen - fast immer mit demselben KI-Chatbot. Dabei hoffen Fachleute vor allem auf spezialisierte KI-Systeme - für Fragen rund um die Gesundheit trainiert. Neben dem eigenen Gesundheitsbereich von ChatGPT gibt es bereits erste Versuche, doch so richtig nimmt die Entwicklung von spezialisierten KI-Systemen für alle Fragen rund um die Medizin und eigene Gesundheit gerade erst an Fahrt auf.