Die deutsche Schriftstellerin Sarah Stricker wurde in Speyer geboren, lebt aber seit 16 Jahren in Tel Aviv. Ihr erster Roman "Fünf Kopeken" gewann den Mara-Cassens-Preis, die höchst dotierte Auszeichnung für ein deutschsprachiges Debüt und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
SWR Aktuell: Frau Stricker, Israel und die USA haben den Iran angegriffen. Der Iran hat selbst gemeldet, dass er jetzt mit einer Welle von Raketen gegen Israel zurückschlägt. Sie sind in Tel Aviv, wie ist bei Ihnen momentan die Lage? Sind Sie schon im Schutzraum?
Sarah Stricker: Im Schutzraum bin ich mehr oder minder seit zwei Stunden mittlerweile. Bei uns hat der Tag damit begonnen, dass wir erstmal Alarm gekriegt haben, dass es den Angriff im Iran gegeben hat. Und dass es sehr wahrscheinlich ist, dass es innerhalb von Minuten eine Reaktion geben kann. Dann hat es doch so eine Stunde gedauert und seitdem gab es jetzt schon mehrfach Alarm. Aber bisher sind es noch vereinzelte Raketen.
SWR Aktuell: Haben Sie denn schon was gehört von Einschlägen in der Nähe? Oder gehen Sie davon aus, dass das alles abgewehrt werden kann vom Iron Dome?
Stricker: Ich gehe davon aus, bisher konnte das abgewehrt werden, aber das wird ganz sicher nicht so bleiben. Beim Krieg im Juni war es ja so, dass der Iran oft auf einen Schlag 100, 200 Raketen abgefeuert hat. Bisher sind es immer so ein, zwei, drei auf einmal. Aber das wird auf jeden Fall nicht so bleiben. Da würde man den Gegner maßlos unterschätzen. Bei uns ist es so, dass die meisten Wohnungen entweder einen Bunker im Haus haben oder sogar einen Sicherheitsraum innerhalb der Wohnung. Und da sitzen wir halt einfach den ganzen Tag.
SWR Aktuell: Haben Sie das Gefühl, dass die Bevölkerung in Israel von diesem Angriff jetzt überrascht worden ist? Oder haben alle mehr oder weniger damit gerechnet, dass es jetzt irgendwann losgeht?
Stricker: Nein, wir waren nicht überrascht. Ich habe heute Morgen einmal um fünf aufs Telefon geguckt und habe gedacht: Krass, schon wieder nichts passiert - das kann eigentlich nicht sein. Auch eher mit so einem Gefühl: Wie viele Deadlines will Trump dem Iran denn noch geben. Also, wir haben eigentlich alle damit gerechnet, dass es gestern Nacht losgeht. Wenn dann die Sirenen losheulen und man noch im Bett liegt und hochspringt und sich vorbereitet, ist es schon noch eine wahnsinnige Anspannung.
Diese furchtbare Wartezeit zehrt so wahnsinnig an den Nerven. Jetzt ist es halt soweit.
Seit sechs, sieben Wochen sind wir die ganze Zeit in Alarmbereitschaft. Alle paar Tage heißt es: die Botschaft in Libanon wurde geräumt, es könnte losgehen. Die Botschaft in Israel wurde geräumt, es könnte losgehen. Diese furchtbare Wartezeit zehrt so wahnsinnig an den Nerven. Jetzt ist es halt soweit.
Es wird garantiert lange dauern - lange, lange. Wir hatten jetzt gerade einen Krieg von zwei Jahren. So lange wird es nicht dauern. Aber nein, das wird nicht kurz sein
SWR Aktuell: Ich bedanke mich auf jeden Fall schon mal ganz herzlich, dass Sie sich die Zeit genommen haben und sage: Toi, toi, toi nach Tel Aviv.
(Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde am frühen Samstagvormittag geführt)