Kurz vor Weihnachten tagt noch die Bildungsministerkonferenz in Berlin. Eine Forderung der Ministerinnen und Minister der Länder: Mehr Demokratiebildung für Schülerinnen und Schüler.
Ich war ein großes Arschloch.
Ehemaliger Neonazi besucht Unterricht
Die Puricelli-Realschule plus in Rheinböllen ist eine Modellschule für Partizipation und Demokratie in Rheinland-Pfalz. Und bindet in den Unterricht auch Besuche von Menschen ein, die direkt von Ereignissen berichten können - weil sie dabei waren.
"Ich war ein großes Arschloch", steht auf einer der Folien im Vortrag von Manuel Bauer. Er ist heute zu Gast an der Puricelli-Realschule plus in Rheinböllen und erzählt in zwei Sitzungen vor den Schülern von der siebten bis zur zehnten Klasse von seiner Jugend.
Seit er 14 Jahre alt war, stand er mindestens ein Mal im Jahr vor Gericht. Am Ende wurde er zu fast drei Jahren Gefängnis verurteilt: Wegen Körperverletzung, schwerer räuberischer Erpressung und der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole. Denn Manuel Bauer war Neonazi.
Jugendliche sind bewegt von Erzählungen
Er erzählt den Neunt- und Zehntklässlern von einem Nachmittag nach der Schule, als er mit seinen Freunden an der Bushaltestelle einen Zwölfjährigen angegriffen hat: "Da habe ich die Asche von meiner Zigarette weggepustet, meine Hand genommen, seinen Kopf gegen die Hauswand gedrückt und den Glutkegel von der Zigarette an der Seite von seinem Auge ausgedrückt und den Kopf so gegen die Wand gedrückt, dass er sich nicht bewegen konnte."
Die Schüler hören aufmerksam zu, gelegentlich gibt es empörtes Flüstern, wenn Bauer erzählt, was er und seine "Kameraden", wie er sagt, damals gedacht und geredet haben. Die Jugendlichen sind sichtlich bewegt von dem, was Bauer erzählt.
Wenn man diese Begriffe hört, das löst schon was in einem aus.
Intensiver als andere Unterrichtsstunden
Erst vor Kurzem hatten sie einen anderen Besucher bei sich zu Gast: Nils Oskamp, der von Rechtsextremisten krankenhausreif geprügelt wurde. Sich nun die Täter-Seite anzuhören, ist für viele nicht einfach.
Für die Schülerinnen und Schüler ist diese Art von Auseinandersetzung mit dem Thema deutlich intensiver als es eine normale Unterrichtsstunde sein könnte. "Ich bin selbst nicht zu 100 Prozent deutsch", sagt die 15-jährige Helena.
Sie geht in die neunte Klasse der Puricelli-Schule: "Wenn man diese Begriffe hört, das löst schon was in einem aus." Sie findet diese Form von Unterricht aber sehr gut: "Ich denke, wenn man als Person selbst live drin war, kann man anders Beispiele nennen als die Lehrer, wenn die das einfach von anderen Menschen erzählen."
"Das können wir Lehrer so gar nicht"
Das sieht die Lehrerin Chiara Sohny ähnlich. Sie hat den Vortrag gemeinsam mit den Jugendlichen verfolgt – und auch sie hat er nicht kalt gelassen. "Die Geschichte mit dem Jungen und der Zigarette - da habe ich richtig Gänsehaut bekommen. Und das können wir Lehrer so eindrücklich gar nicht schildern, das kann nur jemand, der dabei war", so Sohny.
Die Puricelli-Realschule plus ist eine "Schule ohne Rassismus". Deswegen sollen Themen wie Demokratie und Respekt nicht nur im Unterricht behandelt werden, sondern immer im Schulalltag eine Rolle spielen, sagt Chiara Sohny. "Wir probieren, im Alltag ein Bewusstsein zu schaffen: Was ist richtig und was ist falsch? Und wo müssen die Schüler füreinander einstehen? Aber auch: Wo müssen sie auch uns Lehrer auf Sachen aufmerksam machen, die nicht richtig sind?", so Sohny.
"Darüber nachdenken, was wir liken und posten"
Der Vortrag von Manuel Bauer hat auch den 16-jährigen Raphael nachdenklich gestimmt. Der Zehntklässler findet, dass diese Form, sich mit dem Thema Extremismus zu befassen, sehr eindrucksvoll ist.
Er nimmt für sich ein Thema mit, das er in seinem Alltag beherzigen will: "Dass das Thema Social Media beim Rechtsextremismus so eine große Rolle spielt, da sollten wir mehr darüber nachdenken, was wir liken und was wir posten, und das mehr hinterfragen."
Manuel Bauer: "Aufklärung und Selbsttherapie"
Diese Reaktionen freuen Manuel Bauer. Er ist 2005 mit Hilfe der Organisation "Exit Deutschland" aus der Neonazi-Szene ausgestiegen, sah sich auch Anfeindungen und Bedrohungen seiner ehemaligen "Kameraden" ausgesetzt, musste umziehen.
Inzwischen klärt er in Schulen über Rechtsextremismus auf. "Ich kann nicht rückgängig machen, was damals passiert ist", sagt er heute. "Das ist auch so eine Art Selbsttherapie, wenn ich jetzt darüber rede."
Die Schülerinnen und Schüler reagierten oftmals betroffen, sagt er, manche würden während seines Vortrags den Raum verlassen. "Aber es gibt auch die andere Seite: Da sind Initiativen entstanden, wo ich das Feedback bekomme, dass man sich aktiv an etwas mitbeteiligt hat aufgrund des Vortrags, das finde ich super."