In seiner Eröffnungsrede zitierte Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD) den ukrainisch-jüdischen Soldaten Anatoly Shapiro. Der beschrieb die Befreiung des Konzentrationslagers als Bilder, die er nie vergessen würde: "Skelette von Menschen, der Schnee schwarz, die Krematorien noch warm."
Hering: Nur durch Schweigen möglich
Hering betonte, dass der Holocaust, bei dem sechs Millionen Juden, darunter eine Million Kinder, sowie Sinti, Roma, und andere verfolgte Gruppen ermordet wurden, durch das Mitwirken oder Schweigen vieler Deutscher möglich wurde. Er zog Parallelen zu aktuellen politischen Tendenzen und der Verbreitung von Hass und Antisemitismus in der Gesellschaft.
Wer zulässt, dass anderen die Freiheit geraubt wird, der verliert am Ende die eigene Freiheit.
Schon vor 1933 seien Demokratien in Europa unter Beschuss durch Extremisten und Nationalisten gewesen. Nirgends sei es so radikal und brutal wie in Deutschland geworden. Bereits in der Weimarer Republik habe die NS-Propaganda aus wenigen, sich ständig wiederholenden Schlagworten und einfachen Lösungen bestanden.
Aufbau einer jüdischen Gemeinde im "Land der Täter"
Der 104-jährige Zeitzeuge und Holocaust-Überlebende Nicolaus Blättermann, der seine ganze Familie verloren hatte, teilte seine Erfahrungen in der jüdischen Gemeinde Bad Kreuznach. Dort in Deutschland, im "Land der Täter" baute er eine Synagoge für Jüdinnen und Juden in einem alten Kirchengebäude der amerikanischen Armee auf.
Fehlender Widerstand
Dr. Ronen Steinke, Journalist und Jurist, sprach über den Mut zum Widerstand und damit auch über die fehlende Zivilcourage während des Nationalsozialismus. Er verwies auf Forschungsergebnisse, die zeigen, dass Widerstand gegen NS-Gräueltaten durch Soldaten nie mit dem Tod oder langer Haft bestraft wurde und kritisierte die damalige fehlende Bereitschaft, sich zu widersetzen.
Er warnte davor, dass auch heute Minderheiten als Sündenböcke für komplexe Probleme benutzt werden und appellierte an die Zivilcourage der Menschen.
Schweitzer: Antisemitismus zeigt sich wieder offen
Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) betonte, dass es kein Ende des Gedenkens geben dürfe und dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu unserer Verantwortung gehöre. Er verurteilte zudem die Aufforderungen eines "amerikanischen Oligarchen" auf dessen Social Media Plattform, das Gedenken einzustellen, als einen Angriff auf den demokratischen Konsens.
Er sprach seinen Dank an die Verantwortlichen der Neuen Synagoge Mainz aus, die Veranstaltung an diesem besonderen Ort abhalten zu können - einem Teil des ersten jüdischen Welterbes "SCHUM-Städte".
Schweitzer thematisierte auch die Präsenz von antisemitischen Einstellungen in allen Bereichen der Gesellschaft und die Tatsache, dass Antisemitismus sich heutzutage nicht mehr versteckt, sondern offen unsere Gesellschaft bedroht, auch durch Social Media.
Er sprach an, dass Juden in Angst leben und Menschen überlegen müssten, ob sie jüdische Symbole offen tragen können. Er forderte, dass es selbstverständlich sein müsse, in Deutschland eine Kippa tragen zu können.
Tag jährt sich zum 80. Mal Befreiung des KZ Auschwitz: Erinnerung in Mainzer Synagoge und anderen Orten in RLP
Vor 80 Jahren wurde das KZ Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Zum Jahrestag wird in Rheinland-Pfalz vielerorts an die Verbrechen des NS-Regimes erinnert und der Opfer gedacht.