Es war ein Vorfall, der europaweit für Aufsehen sorgte: Im Sommer 2023 entgleiste im Schweizer Gotthard-Tunnel ein Güterzug. Seit Anfang Juni dieses Jahres ist die Ursache bekannt: ein gebrochenes Rad – ausgelöst durch Risse, die unbemerkt über Monate entstanden waren. Nur mit Glück wurde im Gotthard niemand verletzt. Der Schaden war immens: umgerechnet rund 160 Millionen Euro, plus mehrere Wochen Sperrung.
Die Bilder des Unglücks lassen auch Menschen im Mittelrheintal zwischen Bingen und Koblenz nicht los. Hunderte Züge donnern täglich auf den Bahnstrecken links und rechts des Rheins entlang. Darunter auch: Güterzüge mit Gefahrgut. Die Gleise führen teils nur wenige Meter an Wohnhäusern und Gehwegen vorbei. Wer hier lebt, spürt jeden Zug. Frank Groß vom Bürgernetzwerk Pro Rheintal bringt die Sorge auf den Punkt:
Wenn das hier in dem engen Tal passiert und die Waggons rasen in die Häuser rein mit 100 Stundenkilometern, 90 Tonnen pro Waggon – das sind kleine Bomben: Es wäre eine Katastrophe hoch Drei.
Gutachten zu Güterzug-Unfall im Gotthard-Tunnel: Neue Flüsterbremsen bringen neue Risiken
Was Anwohnern vor allem Sorgen bereitet: sogenannte LL-Sohlen, moderne Flüsterbremsen. Eigentlich für die Menschen im Mittelrheintal etwas Gutes. Seit Jahren protestieren sie hier gegen Bahnlärm. Jetzt geht von genau den neuen Teilen offenbar auch eine neue Gefahr aus. Die Ermittler beim Unfall in der Schweiz fanden heraus: LL-Sohlen führen schneller zu Überhitzung der Räder. Die Folge: Mikrorisse, die sich unbemerkt ausweiten können - bis das Rad bricht.
"Wir haben uns von Anfang an Sorgen gemacht, weil die LL-Sohle ist eine Billiglösung", sieht sich Pro-Rheintal-Sprecher Frank Groß durch das Gutachten bestätigt. "Die leitet die Hitze schlecht ab, und das macht die Räder kaputt – schlimmer als früher die Graugussbremsen."
Alte Vorgaben für Wartung von Güterzügen
Die Vorgaben für die Räder-Wartung stammen noch aus Zeiten jener Graugussbremsen: alle acht Jahre oder alle 660.000 Kilometer. Die Schweizer Untersuchungsbehörde SUST nennt das "nicht mehr zeitgemäß".
In den Wartungsintervallen sieht auch Dietmar Silzer, Leiter Qualitätsmanagement bei Rail Maint, ein Problem: "Wenn Risse zu spät entdeckt werden, können sie lebensgefährlich werden." Rail Maint ist ein Instandhaltungswerk in Kaiserslautern. Hier werden Räder mit Ultraschall, UV-Licht und einer Art Röntgenverfahren geprüft. Gängige Verfahren, um Fehler zu erkennen und Räder auszusortieren.
Häufiger mit diesen Methoden zu warten, sei allerdings "sehr aufwändig und sehr teuer", sagt Professor Markus Hecht von der TU Berlin. Einen möglichen Ausweg sieht Hecht in einer akustischen Prüfmethode: Ein Schlag auf das Rad erzeugt einen Ton – mithilfe künstlicher Intelligenz lässt sich analysieren, ob das Rad in Ordnung ist. Doch: Ein solches System steckt noch in der Entwicklung. Ein flächendeckender Einsatz: Zukunftsmusik.
Bürger im Mittelrheintal fordern Tempolimit für Güterzüge
Was akut helfen kann? Die Bürger im Mittelrheintal fordern: ein Tempolimit für Güterzüge innerorts. Ginge es nach ihnen, wären nur noch 50 Stundenkilometer erlaubt. "Damit wäre schon mal ein großer Teil der Gefahr gebannt", sagt Groß. Vom Bundesverkehrsministerium heißt es dazu auf Anfrage: Weder Tempolimits noch strengere Wartungsvorgaben seien derzeit geplant. Für die Sicherheit auf der Schiene seien die Bahnunternehmen verantwortlich.
Bahnunternehmen prüfen Konsequenzen aus Güterzug-Unfall
Und was sagen die? VTG und DB Cargo, die beiden größten Unternehmen der Branche, prüfen laut eigener Aussage derzeit, welche Konsequenzen sie aus dem Schweizer Unfallbericht ziehen. DB Cargo spricht von "verschiedenen Optionen". Konkrete Pläne nennen beide nicht. Über ein Fachgremium der Europäischen Eisenbahnagentur (ERA) stehen mehrere Unternehmen seit dem Unfall im Austausch.
VTG und DB Cargo betonen, bereits mit Einführung der LL-Sohlen strengere Wartungsregeln und häufigere Kontrollen eingeführt zu haben. Laut VTG erfolgen diese in der Regel spätestens nach 140.000 bis 160.000 Kilometern – abhängig vom Verschleiß. Eine grundsätzliche Verkürzung der Wartungsintervalle sei aktuell nicht vorgesehen. Ein generell erhöhtes Sicherheitsrisiko durch LL-Sohlen sieht VTG derzeit nicht.
Wirklich beruhigen dürfte das die Anwohner im Mittelrheintal vorerst nicht.