Hans Kozisek steht im Keller seines Hauses in Rech an der Ahr und erinnert sich an den Sommer 2021. Als die Flut kam, zerstörten die Wassermassen auch seine Heizung und verteilten das auslaufende Heizöl im Haus. In den ersten Wintern danach heizte er notdürftig mit einem Kachelofen, jetzt steht hier eine Wärmepumpe. "Für uns war klar, dass in dieses Haus keine Ölheizung mehr kommt. Das war eine Katastrophe, die wir nicht mehr erleben wollten", erklärt Kozisek.
Die Vision: Modellregion statt Öltanks im Ahrtal
In der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 liefen im gesamten Ahrtal Öltanks aus. Das Heizöl verschmutzte Böden, Flüsse und ganze Straßenzüge nachhaltig. Für die Kommunen und die Politik stand beim Wiederaufbau schnell fest: Das Ahrtal soll künftig nachhaltig werden. Die rheinland-pfälzische Landesregierung versprach offiziell eine langfristige, unbürokratische Unterstützung beim Wiederaufbau. Doch fünf Jahre später zeigt sich: Mancher Ort ist jetzt Vorreiter, anderswo blieb es bei Einzelentscheidungen.
Rech: Seit 2024 mit neuem Nahwärmenetz
Kozisek lebt in so einem Vorreiterort. Er ließ sich an das neue Nahwärmenetz anschließen, das in Rech 2024 in Betrieb ging. Sein Sohn Nikki Kozisek war die treibende Kraft dahinter. Er kümmert sich im Auftrag mehrerer Gemeinden um den Wiederaufbau und hat dafür gesorgt hat, dass in und vor allem unter dem Ort seit 2024 ein sogenanntes Kaltes Nahwärmenetz in Betrieb ist. Das ist ein unterirdisches Energiesystem, das Gebäude klimaneutral versorgen soll. Im Gegensatz zu klassischen Fernwärmenetzen transportiert es kein heißes Wasser, sondern ein Wassergemisch auf einer niedrigen Temperatur.
Damit es zum Einsatz kommen kann, müssen tiefe Löcher in die Erde gebohrt werden. In Rech liegen Dutzende dieser Bohrlöcher 150 Meter tief unter einem Parkplatz und einem Kinderspielplatz. In diese Löcher wird ein Wassergemisch eingeleitet, das sich unter der Erde leicht erwärmt. Es geht von hier an die angeschlossenen Haushalte, wo es schließlich mit Hilfe von Wärmepumpen weiter erhitzt wird. In Rech ist rund ein Viertel der Menschen ans Kalte Nahwärmenetz angeschlossen.
Wo die Energiewende funktioniert - und wo sie stockt
Von den 13 Gemeinden an der rheinland-pfälzischen Ahr oberhalb von Bad Neuenahr-Ahrweiler gibt es neben Rech nur noch in vier weiteren Gemeinden schon oder demnächst ein Nahwärmenetz: in Dernau, Mayschoß, Altenahr und Hönningen.
In den anderen acht Orten im Tal ist bislang nichts passiert. Die Gründe benennt Rolf Schmitt, der sogenannte Dorfkümmerer von Marienthal, deutlich: Fehlendes Geld, ein Mangel an Menschen, die das Projekt vorantreiben, zu wenig Unterstützung durch die Politik. In dem Ort, der inzwischen zu Dernau gehört, ging nach der Flut das erste Nahwärmenetz in Betrieb. Laut Schmitt sind mittlerweile mehr als 90 Prozent der Haushalte angeschlossen. Möglich war das, weil Menschen wie er sich dafür stark gemacht haben.
Von Bundes- und Landespolitik hätte er sich mehr Förderung gewünscht: "Man hätte ja auch ketzerisch sagen können, nehmt 200 Millionen in die Hand, sorgt dafür, dass alle Dörfer ein Nahwärmenetz bekommen. Und dann wäre das ganze Thema erledigt gewesen."
Ehrenamt statt Großkonzerne: "Wir machen es selber"
Wir haben dann am Ende entschieden, wir machen es selber. Es soll ein hundertprozentiges kommunales Projekt sein, nicht gewinnorientiert.
Auch in Dernau und Mayschoß waren es ehrenamtlich Engagierte, die den klimafreundlichen Neubeginn vorangetrieben haben. Gerd Baltes (Energie Mayschoß GmbH) und Gerd Wolter (Energie Dernau GmbH), zwei davon, erzählen von schleppenden Anfängen, fehlgeschlagenen Verhandlungen mit Firmen und viel Überzeugungsarbeit, die sie bei den Einheimischen leisten mussten: "Ich bin der festen Überzeugung, wenn wir ziemlich zeitnah nach der Flut die Förderzusagen zusammen gehabt hätten, hätten wir heute eine höhere Anschlussquote", bilanziert Gerd Wolter. Das sei kein Vorwurf an die Politik. "Sondern das hat eben seine Zeit gebraucht und das hat uns Anschlussnehmer gekostet."
Sie hätten auch versucht, junge Firmen für das Projekt zu begeistern - doch scheiterten Kooperationen mit kommerziellen Firmen an deren Gewinnorientierung. "Wir haben dann am Ende entschieden, wir machen es selber. Es soll ein hundertprozentiges kommunales Projekt sein, nicht gewinnorientiert", erklärt Wolter. Mehrere Jahre habe es zudem gedauert, bis klar war: Bund und Land übernehmen 60 Prozent der Investitionskosten. Ein Zeitraum, den viele private Haushalte beim Wiederaufbau nicht abwarten konnten.
Landrätin freut sich über Fortschritte beim Ausbau
Obwohl viele Gemeinden weiterhin kein Nahwärmenetz haben - Cornelia Weigand (parteilos), Landrätin des Kreises Ahrweiler ist zufrieden mit der Entwicklung: "Wer durch die Orte fährt, sieht viele Wärmepumpen vor den neuen oder sanierten Gebäuden", äußert sie sich auf eine Anfrage des SWR hin. "Auch hoffe ich, dass weitere Gebäudebesitzerinnen und -besitzer sich für Wärmepumpen-Heizungen entscheiden. So kann der Kreis beim Thema Heizen voran gehen und sich klimafreundlich wie zukunftsfähig entwickeln."
Dossier: Leben nach der Flutkatastrophe
Gegenüber der Rhein-Zeitung zeigte sie sich in einem Gespräch im Mai 2022 noch ambitionierter: Sie sagte damals, sie sei "davon überzeugt", dass das Ahrtal in vielen Bereichen eine Modellregion werden könne, "zum Beispiel bei den Themen Nahwärmenetze, Mobilität und beim Auf- und Neubau von Gebäuden sowohl kommunal als auch privat".
Fazit: Die Lücke zwischen Wunsch und Realität
Doch warum blieb die Vision vom Ahrtal als Modellregion auf halber Strecke stecken? Ein Grund ist die Aufbauhilfeverordnung des Bundes: Geld gab es vor allem für den Wiederaufbau des alten, zerstörten Zustands. Wer klimafreundliche, moderne Alternativen finanzieren wollte, stieß auf rechtliche Blockaden und einen lähmenden Förder-Dschungel. Kommunalpolitiker Guido Orthen, Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler, kritisiert scharf, dass der bürokratische Aufwand eine flächendeckende Modellregion von Anfang an verhindert habe.
Nahwärmenetze sind - so die ernüchternde Bilanz fünf Jahre nach der Flut - nur dort entstanden, wo sich Menschen vor Ort zusammengetan, Geld besorgt und das Netz selbst gebaut haben. Ein Teil des Ahrtal heizt heute anders, nachhaltiger als früher - und zwar dank der Menschen im Tal selbst.