"Kein Strom in knapp 30 Orten zwischen Kaiserslautern und Kusel" - das wurde am Dienstag gemeldet. Ebenfalls vom Strom abgekappt waren am Dienstagabend die rheinhessischen Gemeinden Sprendlingen, St. Johann und Badenheim, 6.000 Menschen waren betroffen. Nun wird heiß diskutiert - hat die Hitze etwas mit den Stromausfällen zu tun?
Henrik te Heesen ist Professor für Erneuerbare Energien am Umweltcampus Birkenfeld. Im SWR-Interview gibt er eine Einschätzung.
SWR Aktuell: Rheinland-Pfalz liegt unter einer dicken Heizdecke, in mehreren Orten ist der Strom ausgefallen. Es soll an defekten Kabeln gelegen haben. Gibt es zwischen Hitze und kaputten Kabeln einen Zusammenhang?
Henrik te Heesen: Wie ich es sehe, auch nach den bisherigen Informationen durch die Netzbetreiber, gibt es keinen direkten Zusammenhang. Auch wenn die abschließende Bewertung fehlt, denke ich: Das ist einfach ein zeitlicher Zufall, dass in der großen Hitze die Kabel kaputt gegangen sind.
Es ist eine Herausforderung, die die Netzbetreiber im Griff haben.
SWR Aktuell: Hat Hitze überhaupt einen schädlichen Einfluss auf die Infrastruktur der Stromversorgung - also Kabel oder Trafohäuschen?
te Heesen: Eigentlich ist das nicht der Fall. Unter extremen Bedingungen sind Stromnetze zwar stärker belastet, aber das hat andere Gründe, als dass die Kabel an sich unter Stress kommen. Heiße Kabel verlieren an Leistungsfähigkeit, aber sie gehen nicht kaputt. Und auch die Trafostationen können durch die Sonne überhitzen, weil sie nicht gedämmt oder gekühlt sind. Aber das spielt als Gefahr eine ganz untergeordnete Rolle.
SWR Aktuell: Extreme Hitze wird künftig im Sommer häufiger vorkommen. Heiß diskutiert werden Befürchtungen, dass die vielen Solaranlagen dann zum Problem werden könnten. Können Sie erklären, was genau die Ängste sind?
te Heesen: Die Gefahr an extrem heißen Tagen wie in dieser Woche ist: Es gibt sehr viel Solarstrom im Netz, weil wir in Deutschland und auch in Rheinland-Pfalz massiv zugelegt haben bei der Anzahl der Photovoltaikanlagen. Gleichzeitig gibt es Zeiten, in denen der Stromverbrauch deutlich sinkt - zum Beispiel am Wochenende, wenn die Industrie nicht produziert. Für die Netzbetreiber ist es dann eine Herausforderung, Erzeugung und Verbrauch auf dasselbe Niveau zu bringen.
SWR Aktuell: Ist diese Herausforderung für die Netzbetreiber handelbar?
te Heesen: Es ist eine Herausforderung, die die Netzbetreiber im Griff haben. Es ist für sie kein Problem, die Kontrolle zu behalten und es droht kein überregionaler Stromausfall. Anders gesagt: Es ist eine Herausforderung, aber es ist nicht kritisch.
SWR Aktuell: Wie lösen die Netzbetreiber diese Herausforderung?
te Heesen: Wenn am Wochenende der Strombedarf in Rheinland-Pfalz wegen geringerer Industrie-Produktion sinkt und gleichzeitig viel Solarstrom produziert wird, greifen die Netzbetreiber ein: Windräder werden abgestellt, Kohle- und Gaskraftwerke heruntergedreht und es wird mehr exportiert - das ist eine größere Herausforderung, aber das ist zu schaffen.
Verbraucher sollten die Preisdelle am Mittag mitnehmen.
Am einfachsten ist es, die fossilen Kraftwerke herunterzufahren, um das Stromangebot zu drosseln. Auch große Solar-Freiflächenanlagen lassen sich abschalten, anders als die kleinen privaten Anlagen. Da gibt es keine Möglichkeit einzugreifen. Die Netzbetreiber haben das alles technisch gelöst, es ist aber mehr Arbeit als an Wochentagen.
SWR Aktuell: Welche Rolle spielen heutzutage die eingeschalteten Klimaanlagen an heißen Tagen?
te Heesen: Das ist zwar mehr geworden, aber das ist im Netz nicht wirklich spürbar, weil es von der Größe her nicht wirklich relevant ist.
Nach Stromausfall in Budenheim Blackout durch Sabotage, Drohnen, Hacker - wie verletzlich unser Stromnetz ist
Kleiner Vorfall, große Wirkung: Ein Erdschluss hat kürzlich das Stromnetz in Budenheim 24 Stunden lang lahmgelegt. Es stellt sich die Frage: Hätten Saboteure leichtes Spiel, einen Blackout herbeizuführen?
SWR Aktuell: Eine Hitzewelle hat also einen sichtbaren, aber kontrollierbaren Effekt. Wo ist die Hitzewelle noch zu spüren - abgesehen vom eigenen Leib?
te Heesen: Ganz klar an den Strombörsen und den Strompreisen. Gibt es ein Szenario wie eben beschrieben - also Wochenende, wenig Verbrauch, hohe Produktion - dann spiegelt sich das Überangebot in negativen Preisen wieder. Wer Strom an der Börse kauft, bekommt dafür Geld bezahlt. Davon profitieren natürlich zunächst nur die Industrien, die direkt an der Börse ihren Strom kaufen.
SWR Aktuell: Und wie können Verbraucher ihre Ausgaben senken?
te Heesen: Wer Geld sparen will, der sollte Spülmaschine, Waschmaschine oder Herd am besten mittags laufen lassen. Da sind die Strompreise je Kilowattstunde wegen des vielen Solarstroms am geringsten. Zwischen 20 und 22 Uhr ist dagegen die Stromlast - also der Verbrauch - hoch, die Produktion dagegen gering. Da sehen wir dann die Strompreisspitzen. Da müssen dann erst wieder die fossilen Kraftwerke hochgefahren werden und teils auch Strom importiert werden, damit die am Abend abnehmende Menge an Solarstrom ausgeglichen wird.
Also: Zwischen 8 und 10 Uhr am Abend möglichst wenige Maschinen laufen lassen und die Mittagsdelle mitnehmen, das zahlt sich aus.
SWR Aktuell: Was muss passieren, damit das ganze System noch geschmeidiger läuft?
te heesen: die Speicherkapazitäten sind noch nicht im selben Maße mitgewachsen, wie die Solarenergie ausgebaut wurde. Aber: Es gibt jetzt viele neue Anträge, zum Beispiel für eine große Speicheranlage in der Nähe von Trier. Die Amerikaner haben das vorgemacht mit großen Speichern in Kalifornien und Texas. Die Abend-Preisspitze haben sie dadurch mittlerweile abgefangen.