Kinderarztpraxen arbeiten in Rheinland-Pfalz oft am Limit. Das bekommen Eltern und Kinder direkt zu spüren, mit langen Wartezeiten oder langen Anfahrtswegen. Und wer einen neuen Arzt oder eine neue Ärztin sucht, sucht auch mal vergeblich.
In der Sprache des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums liest sich das so: "Insgesamt ist Rheinland-Pfalz mit Kinderärztinnen und Kinderärzten gut versorgt, nur nicht in allen Regionen gleich gut." Das schreibt das Ministerium auf SWR-Anfrage.
Drohender Kinderarztmangel zum Beispiel in Kirn
Zu einer Stadt, die bald keine gute Versorgung mehr haben dürfte, zählt Kirn (Kreis Bad Kreuznach) mit seinen 8.500 Einwohnern. Hier findet Kinderarzt Bernd Zerfaß seit zehn Jahren niemanden, der seine Praxis übernehmen will. Zerfaß ist fast 70 Jahre alt, hat rund 1.600 kleine Patientinnen und Patienten und will seine Praxis nun sogar verschenken. Hier gibt es die ganze Geschichte:
Nachfolge ungeklärt Kinderarztmangel - Kirner Arzt verschenkt seine Praxis
Kinderarzt Bernd Zerfaß sucht verzweifelt nach einem Nachfolger. Um jemanden zu finden, will er seine Praxis sogar verschenken. Doch die Suche gestaltet sich schwierig.
Fast 20 Kinderärzte- und ärztinnen zu wenig im Land
In Rheinland-Pfalz fehlen rund 20 Kinderärztinnen und -ärzte, das geht aus Daten des Gesundheitsministeriums hervor. Im Eifelkreis Bitburg-Prüm sind demnach drei Kassensitze nicht besetzt, im Kreis Altenkirchen 2,5. In den Landkreisen Cochem-Zell, dem Rhein-Lahn-Kreis, dem Westerwaldkreis und der Stadt Ludwigshafen sind derzeit zwei Kinderarztsitze frei. Auch in weiteren Landkreisen fehlen Kinderärzte. Das Problem dürfte sich verschärfen, wenn Mediziner wie Bernd Zerfaß bald in Rente gehen.
Den Daten zufolge gibt es tendenziell ein Stadt-Land-Gefälle. In den Städten gibt es mehr Kinderärzte. Aber diese Zahlen sind anscheinend wenig aussagekräftig, wie das Beispiel der Stadt Koblenz zeigt. Laut Stadtverwaltung gibt es in Koblenz derzeit sieben Praxen, in allen arbeiten mehrere Medizinerinnen und Mediziner. Dennoch würden diese Praxen derzeit größtenteils keine neuen Patienten mehr aufnehmen, weil sie überlastet seien. Denn die Koblenzer Kinderärzte würden auch Kinder aus den umliegenden Landkreisen mitversorgen, weil es dort zu wenige Mediziner gebe.
Land RLP: Quote soll gegen Kinderärztinnen-Mangel helfen
Das Land will mit einer Quote dagegen steuern: Die zukünftigen Ärztinnen und Ärzte bekommen einen Studienplatz - müssen später aber zehn Jahre lang in einer Kinderarzt-Praxis in einem Gebiet mit "besonderem Bedarf" arbeiten. Auch Bewerberinnen und Bewerber ohne "Einser-Abitur" sollen eine Chance bekommen. Vor zwei Jahren wurde diese Landkinderarzt-Quote das erste Mal angekündigt - ab Herbst 2025 soll das Gesetz dazu in Kraft treten.
Kinderärzte aus Rheinland-Pfalz begrüßen den Plan des Gesundheitsministeriums grundsätzlich, eine "Landkinderarzt-Quote" in diesem Jahr einzuführen. "Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert", sagt zum Beispiel Peter Follmann aus Winnweiler im Donnersbergkreis. Seine Praxiskollegin Julia Windschügl hat Zweifel: "Ich weiß nicht, inwiefern man sich schon zu Beginn des Studiums so extrem festlegen kann, dass man jetzt Kinderarzt werden will. Bei mir kam dieser Wunsch tatsächlich erst später".
Eigene Praxis statt Festanstellung Vom Oberarzt zur eigenen Praxis: Warum zwei Kinderärzte am Donnersberg ein Wagnis eingehen
In Rheinland-Pfalz fehlt es an Kinderärzten, die eine Praxis übernehmen oder neu gründen wollen. Zwei, die das getan haben, sind Julia Windschügl und Peter Follmann in Winnweiler.
Im 5.000-Einwohner-Ort Winnweiler haben Follmann und Windschügl übrigens vor neun Monaten den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Trotz finanzieller Risiken und einer hohen Arbeitsbelastung. Für die Eltern der Region ein Glücksfall.
Kritik an geplanter "Landkinderarztquote"
Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte meldet sich zur Landkinderarzt-Quote zu Wort. Vorsitzender Karl Christian Wantzen fordert andere Schritte, um an der Situation nachhaltig etwas zu verbessern: "Was es braucht, ist die Abschaffung der Bedarfsplanung auf dem Land", betont Wantzen. Dann könnten sich Praxen zusammenschließen, Verwaltungskosten sparen und dadurch insgesamt mehr Ärztinnen und Ärzte einstellen.
Zudem müssten Kommunen die Ärzte stärker finanziell unterstützten, wenn diese sich niederlassen wollen. "Die Infrastruktur muss stimmen", sagt Wantzen vom Berufsverband. So müsste es gute Verkehrsanbindungen vor Ort geben oder die Möglichkeit für die Kinderärztinnen und -ärzte, ihre eigene Familie mit ihrer Arbeit gut zu vereinbaren, zum Beispiel durch eine gute Vor-Ort-Betreuung der Kinder.
Gesundheitspolitik Hausarzt dringend gesucht – Neue Ideen für die Grundversorgung
Hausärzte werden dringend gesucht – vor allem auf dem Land. Mögliche Lösungsansätze: mehr Arbeitsteilung, Onlinesprechstunden und Kommunen, die eigene Versorgungszentren betreiben.
Auch andere Regionen steuern auf Mangel zu
Wenn all das nicht umgesetzt werde, könnten noch mehr Regionen im Land auf einen Mangel an Kinder- und Jugendärzten zusteuern. Davor warnen zum Beispiel die "Südpfalzdocs", ein Verein junger Ärztinnen und Ärzte, die sich im Süden von Rheinland-Pfalz stark machen für eine bessere medizinische Versorgung.
In fünf bis sieben Jahren erwartet der Verein in der Südpfalz ein Problem, denn in den Praxen arbeiten schon jetzt viele ältere Ärztinnen und Ärzte. Bei denen ist die Rente nicht mehr weit. Dann könnten auch hier immer mehr Familien das erleben, was in anderen Regionen des Landes Alltag ist.