SWR Aktuell: Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, jetzt der Iran-Krieg - die Welt ist im Dauerkrisenmodus. Aber was macht das eigentlich mit unserer Psyche? Fragen an Dr. Andrea Benecke, Vizepräsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz.
Benecke: Ich glaube, wir machen uns alle Sorgen. Wir haben ja ganz viele Gedanken dazu. Also werden wir da hineingezogen in so einen Krieg? Kommt das immer näher? Können wir dagegen eigentlich irgendwas tun? Wir fühlen uns dieser ganzen Situation ein bisschen ausgeliefert, weil wir als normale Bürger kaum eine Chance der unmittelbaren Einflussnahme haben.
SWR Aktuell: Sie sind Psychotherapeutin. Spielen denn solche globalen Krisen auch in den psychotherapeutischen Gesprächen eine Rolle?
Benecke: Ja, wir sehen und hören das zunehmend, wenn Menschen zu uns kommen. Wir fragen ja dann immer auch, wie geht's Ihnen und was beschäftigt Sie? Wie wirken diese Gedanken, die man hat, eben auch letztlich auf die Psyche und auf die emotionale Lage. Und da spielen diese Dinge natürlich schon zunehmend eine größere Rolle.
Und das ist ja nicht nur die Krise im Nahen Osten oder der Krieg in der Ukraine. Dazu kommen dann ja auch noch die Sorgen um das Klima, um viele andere Dinge, um die wirtschaftliche Situation. Habe ich morgen noch einen Job, wenn jetzt Stellen abgebaut werden?
SWR Aktuell: Was für Möglichkeiten haben wir denn, um mit solchen Krisen und der Angst, die diese auslösen, umzugehen?
Benecke:Im Grunde kann m an das sagen, was wir auch schon bei Corona gesagt haben: Am besten dosieren, wie viel Informationen man da auf sich wirken lassen kann und will.
SWR Aktuell: Heißt das, besser mal den Fernseher auslassen, mal die Nachrichten nicht schauen?
Benecke: Ganz genau. Ich kenne viele Menschen, auch aus der Psychotherapie, die sagen, ich guck mir manche Dinge nicht mehr an. Wenn ich eine Zeitung habe, überlese ich manche Artikel, die gucke ich mir auch nicht mehr genau an, lese nicht mehr durch. Die Kanäle im Internet genauso. Am besten schauen, wie man da gut dosiert mit umgehen kann. Nicht alles konsumieren, was dort angeboten wird.
Was man ansonsten auch noch machen kann, ist schauen, wie kann ich denn vielleicht selbst Einfluss nehmen? Und das kann heißen für den Einen, dass er zu einer Demo geht und da seine Meinung kundtut. Für die Anderen kann das heißen, ich spende für Menschen in Kriegsgebieten. Ich tue was gegen die Klimakrise, so gut es in meiner Macht steht. Alles das sind Dinge, die dabei helfen, besser mit dieser sehr diffusen Situation, der Angstsituation und Sorgensituation umzugehen.
SWR Aktuell: Sie haben jetzt gesagt, auch in den therapeutischen Sitzungen spielen solche, ich nenne es jetzt mal Kriegsängste, eine Rolle. Ab wann sollte man sich Ihrer Meinung nach denn Hilfe suchen? Wo ist die Trennung zwischen "Ich mache mir Sorgen um das politische Geschehen" und einer psychischen Erkrankung?
Benecke: So ganz genau kann man die Grenze nicht festlegen. Aber wenn man diese sorgenvollen Gedanken so gar nicht mehr weg bekommt, wenn sie einen im Grunde ständig begleiten, wenn man sich ihnen immer mehr ausgeliefert fühlt, wenn man dann deprimiert wird, das ist sicherlich so eine Entwicklung, wo man sich dann schon Sorgen machen sollte und sich Hilfe suchen sollte.
Oder in Bezug auf Ängste, wenn man die eben auch nicht mehr los kriegt. Wenn man dann merkt, man kann gar nicht mehr schlafen, weil man so innerlich erregt ist, aufgeregt ist und das gar nicht mehr so steuern kann.
SWR Aktuell: Welche Hilfsangebote sollte man da annehmen Ihrer Meinung nach? Was wären die ersten Schritte?
Benecke: Also, man kann sich an Beratungsstellen wenden. Die sind niedrigschwellig verfügbar. Da kann man Termine machen und eben sich mal vorstellen. Und dort kriegt man sicherlich auch eine Einschätzung und gegebenenfalls Hilfsangebote.
Oder eine psychotherapeutische Sprechstunde aufsuchen. Auch eine Möglichkeit, wo eben dann sehr genau hingeguckt wird, ist das schon eine psychische Erkrankung, ist es das nicht? Wenn nicht, was kann denn dann vielleicht helfen? Auch die ärztlichen Kollegen und Kolleginnen sind sicherlich gute Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen, wenn es darum geht, da eine Einschätzung für sich zu bekommen.
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