Sechs Kinder treffen sich in einem Raum. Sie kommen aus unterschiedlichen Familien, gehen in verschiedene Schulklassen. Was sie eint ist eine Erfahrung, die an die 111.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland teilen: Ihre Eltern haben sich scheiden lassen. Im Kinderschutzbund Kaiserslautern haben sie den Raum, darüber zu sprechen.
Kinderschutzbund nimmt Scheidungskinder in den Blick
Die sogenannte TuSch-Gruppe – ein Gesprächskreis für Scheidungskinder – ist nur eines von vielen Angeboten, mit denen die Beratungsstelle Familien in schwierigen Phasen unterstützt. Wie sich die Kinder fühlen, wenn die Beziehung ihrer Eltern scheitert, gerät in manchem Rosenkrieg aus dem Blick. Die Zahl konfliktreicher Trennungen nehme seit Jahren zu, beobachtet das Beratungsteam.
Im SWR-Interview beantworten die Beraterinnen vom Kinderschutzbund:
- Wie fühlen sich Kinder, wenn ihre Eltern sich trennen?
- Was tun, wenn die Trennung oder Scheidung eskaliert?
- Wie hilft der Kinderschutzbund Kaiserslautern Familien?
- Wie sage ich meinem Kind, dass wir uns scheiden lassen?
- Was belastet, was ist schön bei der Beratungsarbeit?
Wie fühlen sich Kinder, wenn ihre Eltern sich trennen?
"Kinder fühlen sich bei einer Trennung manchmal selbst schuldig", berichtet Psychologin Karin Günther-Wunn aus dem Beratungsteam. Da sei es gut, wenn sie als Außenstehende die Situation für das Kind einordnet.
Eine weitere Herausforderung: Kinder würden nach einer Trennung "fast immer" versuchen, beiden Elternteilen gegenüber loyal zu sein.
Die Kinder versuchen, beiden Eltern gerecht zu werden. Das geht aber nicht immer.
Manchmal würden Kinder sich nicht trauen zu sagen, dass sie den anderen Elternteil vermissen, erklärt Günther-Wunn. Ein Beispiel: Wenn ein Kind bei seiner Mutter lebt und von der versorgt wird, würde es versuchen, der Mutter gegenüber "Gut Kind" zu sein.
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Bei Trennung, Konflikten am Arbeitsplatz, Streit ums Erbe: Mediation hilft, eine Einigung zu finden, mit der die Streitparteien gut leben können. Es müssen aber alle mitmachen.
Mehr Zeit mit dem anderen Elternteil einzufordern, würden viele Kinder nicht äußern – aus Angst, "auch noch die Mutter zu verlieren", schildert die Beraterin. "Die Kinder versuchen sich richtig zu verhalten, sagen aber nicht, was ihre eigenen Bedürfnisse sind", deswegen würde ihr Team versuchen, mit den Eltern das Wohl des Kindes in den Fokus zu rücken. Und möglicherweise Umgangsregeln anpassen.
Was tun, wenn die Trennung oder Scheidung eskaliert?
Das Team der Ehe-, Familien- und Lebensberatung hat heutzutage viel mehr mit konfliktreichen Trennungen zu tun als in vergangen Jahrzehnten. So berichtet es Leiterin Bärbel Michalik. "Das sind Fälle, bei denen die Eltern nicht mehr in der Lage sind, normal miteinander zu sprechen und die Kinder aus dem Blick verlieren."
Es geht nur noch um einen Schlagabtausch. Wer kriegt mehr? Wer steht besser da?
Die Kinder würden darunter leiden. "Das ist schon sehr traurig", sagt Michalik. Der Kinderschutzbund kommt vor allem dann ins Spiel, wenn die Situation eskalieren könnte, beispielsweise wenn ein Elternteil die Kinder nur in Begleitung sehen darf.
Bei einem solchen "Begleiteten Umgang" ist eine der Beraterinnen dabei, vermittelt zwischen den Paaren und deeskaliert, wenn nötig. Immer wieder spielten in den Familien auch Alkohol, Drogen oder psychische Krankheiten eine Rolle. Manchmal komme es auch zu Vorwürfen häuslicher oder sexualisierter Gewalt.
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Eine weitere Beobachtung, die Michalik und ihr Team aus Psychologinnen und Sozialpädagoginnen gemacht haben: Heutzutage würden sich mehr Paare mit jüngeren Kindern trennen. Und: zunehmend auch Paare mit Flucht- oder Migrationsgeschichte.
Diese Familien hätten sich in den vergangenen Jahren erstmal versucht anzukommen. Mittlerweile seien aber manche Paare an einem Punkt, an dem sie sich trennen. In diesen Fällen müsse das Team des Kinderschutzbunds auch mal einen Dolmetscher hinzuziehen, wenn sie beispielsweise das Treffen des Kindes mit seinem Vater begleiten.
Wie hilft der Kinderschutzbund Kaiserslautern Familien?
Was tun, wenn mein Kind gemobbt wird oder das Baby nur noch schreit? Am Standort Kaiserslautern berät das Team rund um Bärbel Michalik Familien zu Erziehungsfragen oder im Fall von Trennung und Scheidung. Dazu kommt eine Baby- und Kleinkinder-Sprechstunde sowie ein Angebot für Eltern mit "Schreikindern". Das Team hilft beim "Begleiteten Umgang" und Mediation.
Dazu kommen Kurse für Eltern und Kinder, Paartrainings, psychologische Diagnostik für Kinder, Rechtsberatung, eine Schülern-Eltern-Hilfe sowie die TuSch-Gruppe für sieben- bis zehnjährige Scheidungskinder. Zu weiteren Projekten des Kinderschutzbunds zählt der Second-Hand-Kleiderladen an der Moltkestraße, das Projekt "Wunsch-Oma" oder "Wunsch-Opa", das Kinder- und Jugendtelefon sowie das Lernpaten-Projekt.
Wie sage ich meinem Kind, dass wir uns scheiden lassen?
Wenn Eltern dem Team vom Kinderschutzbund diese Frage stellen, sei das schon ein gutes Zeichen, sagt Karin Günther-Wunn. Es sei gut, wenn Eltern früh kommen und sich Rat suchen. Sie empfiehlt im Gespräch mit den Kindern:
- Erklären: "Das und das passt bei uns als Paar nicht mehr zusammen."
- Klarstellen: "Ihr seid nicht schuld. Wir haben das als Erwachsene beschlossen."
- Ansicht der Kinder anhören, aber trotzdem Klarheit vermitteln: "Wir wollen hier einen guten Weg finden, zusammen."
- Es ist erlaubt zu sagen: "Ich bin wütend/ traurig" – das merken die Kinder ohnehin.
- Dabei aber den Ex-Partner nicht beleidigen oder verletzen.
- Formulierungen vermeiden wie: "Er/ Sie hat uns verlassen", es ist die Trennung von einem/r Partner/in, nicht vom Kind.
Was belastet, was ist schön bei der Beratungsarbeit?
Im Umgang mit Trennungen gerät das Team vom Kinderschutzbund immer mal wieder auch mit einem Elternteil aneinander. Anfeindungen, beispielsweise auch im Internet, kämen immer wieder vor.
Sozialpädagogin Christina Neuhaus aus dem Team empfindet es als schwierig, die Spannung zwischen sich streitenden Ex-Partnern auszuhalten. Sie habe auch schon mal die Polizei dazu rufen müssen bei einer konfliktreichen Trennung.
"Wir sind dazu übergegangen, Beratungen nur noch zu zweit zu machen", sagt Leiterin Bärbel Michalik. So könnten sich die Beraterinnen nach dem Gespräch mit einem Elternteil darüber austauschen und auch absichern, falls es mal zu Konflikten kommt. "Es ist auch Selbstschutz."
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Zu den schönen Seiten der Arbeit zählt für Neuhaus "die große Freiheit" in der Beratung. Sie könne mit der jeweiligen Familie in einer bestimmten Situation die individuell passende Lösung herausarbeiten.
Leiterin Bärbel Michalik und Karin Günther-Wunn gefällt vor allem die Beratung von Familien mit kleinen Kindern, "Eltern in ihrer Elternrolle bestärken" zu können. "Wenn die Eltern merken: Wir machen es nicht falsch, es ist einfach die Entwicklungsphase des Kindes. Da kommen wir durch", so Günther-Wunn.