Verein unterstützt Kinder in Notlagen

Kein Geld für ein Eis: Tausende Kinder in Kaiserslautern leiden unter Armut

Kinderarmut zeigt sich in Kaiserslautern an vielen Stellen. Hinter den erschreckenden Zahlen stehen viele einzelne Geschichten. Der Verein Lichtblick 2000 will helfen.

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Stand

Die Gefahr, in die Armut abzurutschen, ist in Rheinland-Pfalz höher als im Bundesdurchschnitt. Und sie steigt – vor allem in der Westpfalz. Das zeigt der jüngste landesweite Armutsbericht. Unter Armut leiden in Kaiserslautern tausende Kinder, denen sich der Verein Lichtblick 2000 annimmt.

Verein Lichtblick 2000 hilft armen Kindern in Kaiserslautern

Am Freitag will der Verein mit einem Vortrag im Innovationszentrum 42 Kaiserslautern den Finger in die Wunde legen. Wir fragen Vereinsvorsitzende Florence Asmus im SWR-Interview: Warum muss die Stadtgesellschaft in puncto Kinderarmut aufgerüttelt werden?

SWR Aktuell: Frau Asmus, Sie engagieren sich seit rund zehn Jahren im Verein Lichtblick 2000. Warum braucht es in Kaiserslautern einen Verein, der der Kinderarmut begegnet?

Florence Asmus: Es gibt in Kaiserslautern Familien, in denen es nach wie vor Usus ist, dass die Kinder auf verschimmelten Matratzen schlafen oder sich zu acht zwei Matratzen teilen, morgens in klammen, kaputten Klamotten in die Schule gehen, in zu kleinen, alten Schuhen oder im Winter nur in FlipFlops rumlaufen. Wir merken, dass da ganz dringend unsere Hilfe gebraucht wird.

SWR Aktuell: Wie groß ist das Problem hier in der Stadt?

Asmus: Die Zahlen zeigen: Kaiserslautern liegt bei der Kinderarmutsquote über dem Bundesdurchschnitt. Im letzten Jahr haben 2.956 Kinder hier in Haushalten gelebt, die Sozialleistungen beziehen. Und wir bemerken es auch in unserer Vereinsarbeit: Als unser Verein gegründet wurde, haben wir im Jahr etwa 5.000 Euro für einzelne Hilfsfälle ausgegeben. Im letzten Jahr waren es 70.000 Euro. Wir merken, dass die Hilfsanfragen deutlich mehr werden.

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SWR Aktuell: Gibt es dafür strukturelle Gründe in Kaiserslautern?

Asmus: Strukturell herausfordernd ist für manche Familien, dass die Mieten gestiegen sind. Dass die Nebenkosten so hoch sind, fast wie eine zweite Miete. Dass diese Wohnungen aber auch keinen guten Wohnraum bieten, die Familien leben auf engem Raum. Wir haben dazu wenig flexible Betreuungsplätze, die Leute – viele Alleinerziehende – kommen so kaum wieder in Arbeit. Es gibt in Kaiserslautern auch viele 'Aufstocker', die zusätzlich zu ihrem Job Wohngeld beziehen, weil das Geld für die Familie nicht ausreicht. Da braucht's uns als Unterstützer

SWR Aktuell: Sie gehen bei Ihrer Arbeit ja auch in die Familien rein, schauen: Woran fehlt es im Kinderzimmer? Wo sind Sie da in der Stadt unterwegs?

Asmus: Es gibt Bereiche, die besonders betroffen sind, zu den bekanntesten zählt der Asternweg und der Betzenberg. Das ganze Wohngebiet Asternweg/ Kalkofen ist so auch einmalig: Es ist über die Jahrzehnte immer ein Viertel mit besonderem Bedarf geblieben und die Strukturen sind über die Generationen verwachsen. Man kommt über die Straßengrenzen nicht hinaus. Aber bei den Familien, die wir besuchen, sehen wir auch: Es verlagert sich auch zum Fischerrück oder zur Innenstadt hin.

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SWR Aktuell: Wie helfen Sie mit Ihrem Verein?

Asmus: Wir helfen nicht mit finanziellen Leistungen, sondern mit Sachleistungen. Kommt eine Familie auf uns zu, fragen wir deren finanzielle Situation mit einem Fragebogen ab und schauen dann: Was braucht das Kind? Ein Kinderbett oder einen Schulranzen? Im Monat sind das knapp 20 Anfragen, die uns erreichen.

SWR Aktuell: Dabei bekommen Sie sicher einen guten Einblick in eine Familie. Inwiefern werden daraus auch langjährige Kontakte?

Wir unterstützen ja auf drei verschiedene Arten: Wir haben einmal die Ad-hoc-Anfragen von Menschen, die kurzfristig in eine finanzielle Schieflage geraten, beispielsweise wenn ein Einkommen wegbricht. Dann haben wir etwa 30 Patenkinder, die wir über Jahre begleiten und immer wieder unterstützen. Und dazu kommen größere Aktionen: Theaterprojekte an Schulen, einen mobilen Sportplatz für Lauterer Brennpunktgebiete, unser "Weihnachtsdorf" für 400 Kinder und Jugendliche. Oder wir haben gemeinsam mit dem Verein CVJM Kaiserslautern für bedürftige Kinder das Erlebniswochenende "Sunshine Camp“ organisiert.

Das sind nicht Kinder, die aus ihren Familien raus müssen, sondern da ist ganz viel Familienzusammenhalt da, viel Liebe, aber auch die finanzielle Schuld.

SWR Aktuell: Welche Begegnung hat Sie zuletzt besonders berührt?

Asmus: Wir versuchen auch soziale Teilhabe zu ermöglichen und laden manche Kinder zu Weihnachten in ein italienisches Restaurant ein – ein absolutes Highlight und für viele auch das erste Mal in ihrem Leben. Beim letzten Mal hat ein Mädchen sich eine Pizza bestellt, daran genagt, aber sie nicht gegessen. Ich habe gefragt, ob sie ihr nicht schmeckt, doch sie hat geantwortet: Die Pizza sei köstlich, aber sie wolle den Rest für ihre Mutter mit nach Hause nehmen, weil die ja auch nichts zu essen habe. Da bekommt man Gänsehaut und merkt: Das sind nicht Kinder, die aus ihren Familien raus müssen, sondern da ist ganz viel Familienzusammenhalt da, viel Liebe, aber auch die finanzielle Schuld.

SWR Aktuell: Stichwort soziale Teilhabe. Woran merken Sie, dass Armut auch ausgrenzt?

Asmus: Beim Eisessen. Eine Familie hat sich von uns gewünscht, einmal zusammen Eis essen gehen zu können. Für die meisten Leute ist das was Alltägliches, die fragen sich nur: 'Scheint die Sonne genug?' Aber für solche Familien ist das ein Riesen-Event. Anderes Beispiel: Einige Jugendliche können es sich nicht leisten, mit ihren Freunden am Wochenende mal feiern zu gehen. Eines unserer Patenkinder hat erzählt, es sei sehr bedrückend, sich immer von den Freunden auf eine Cola einladen lassen zu müssen. Das ist nicht auf Augenhöhe.

SWR Aktuell: Verständlich.

Asmus: Aber dieses Patenkind hat sich mit vielen Nebenjobs, zum Beispiel auf dem Markt, befreit. Er hat jetzt eine Ausbildung begonnen und uns berichtet: Jetzt ist er derjenige, der andere einlädt.

SWR Aktuell: Was würden Sie sich von der Gesellschaft wünschen?

Asmus: Man sollte nicht kategorisieren, keine Vorurteile aufbauen, wenn es um Großfamilien geht oder wenn jemand aus einem gewissen Viertel kommt. Ich würde mir von der Gesellschaft wünschen, dass sie die Situation der Menschen als gegeben ansieht und schaut: Kann ich, wenn ich schon hinsehe, auch helfen? So hat sich eine Rentnerin mal bei uns gemeldet, die in der gleichen Straße wie eine bedürftige Familie wohnt und sich da als 'Vertretungs-Omi' etabliert hat. Sie sagte: Ihre Rente sei knapp, aber sie wolle den Kindern mal einen Schwimmbadbesuch ermöglichen, ob wir ihr da finanziell helfen können? Das ist ja super! Wenn die Gesellschaft aufeinander so achten würde und schauen könnte, wie man ein Stück aufeinander zugehen kann. Aber so braucht es eben Korrektive.

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