Gewalt, Pornografie oder andere verstörende Videos ploppen plötzlich auf dem Handy von Zehnjährigen auf. Genau so ist es an der Mannlich-Realschule Plus in Zweibrücken passiert - das haben Eltern durch Zufall vor zwei Jahren entdeckt. Inhalte, die Kinder überfordern, verängstigen und langfristig verstören können.
"Eltern haben gemerkt, dass sich immer mehr Kinder im Unterricht nicht mehr konzentrieren konnten. Manche haben sogar gestört. Wir fragten uns, ob das mit dem Handykonsum zusammenhängt – aber niemand hätte gedacht, was für schreckliche Videos auf den Handys der Kinder sind", erzählt Markus Siegrist, Elternbeirat an der Schule.
In Gesprächen wurde klar: Viele Eltern wussten gar nicht, was ihre Kinder sich anschauen. Als sie begannen, die Handys zu kontrollieren, entdeckten sie Schockierendes. "Im Klassenchat einer 5. Klasse wurden Selbsttötungsvideos und pornografische Inhalte geteilt. Die Eltern waren entsetzt und wir wussten: So kann das nicht weitergehen", so Siegrist. Damals hatte er eine Tochter in der 6. Klasse.
"Im Klassenchat einer 5. Klasse wurden Selbsttötungsvideos und pornografische Inhalte geteilt. Die Eltern waren entsetzt."
Schüler der Schule in Zweibrücken waren unkonzentriert
Auch Schulleiter Markus Meier ist der Meinung: "Wenn man ein Kind alleine mit einem Smartphone lässt, ist das Smartphone wie eine Waffe." Außerdem verbringen Kinder zu viel Zeit am Handy oder Tablet. Der Schulleiter erzählt von Kindern, die täglich 13 Stunden am Handy sind. "Durch beispielsweise TikTok wird ja auch die Konzentrationsspanne der Kinder immer kürzer", erklärt er. So sieht es auch Siegrist: "Wenn ein Kind bis drei Uhr nachts am Handy ist, dann kann es morgens nicht fit im Unterricht sein."
Also setzten sich Eltern, Lehrer, der Elternbeirat und Schulleitung zusammen und suchten nach Lösungen. Die zündende Idee kam schließlich von Schulleiter Markus Meier selbst. Zwei Jahre später war das Pilotprojekt "Handyfreie Klasse" geboren.
Projekt "Handyfreie Klasse" in Zweibrücken wird wissenschaftlich untersucht
Eine 5. Klasse darf zwei Jahre lang keine Smartphones nutzen. Die Universität Trier begleitet das Projekt wissenschaftlich. "Noch nie gab es in Deutschland handyfreie Klassen, die wissenschaftlich begleitet wurden", sagt Samuel Schmelzer von der Uni Trier. Er vergleicht die Klasse ohne Handys mit zwei Parallelklassen, in denen Smartphones erlaubt sind. "Wir vergleichen dann den Schlaf, die Stimmung oder zum Beispiel die Konzentration der Kinder mit Handys und ohne", erklärt er.
Eltern aus Zweibrücken kaufen Kindern kein Smartphone
Alle Eltern der Klasse haben sich freiwillig dazu verpflichtet, ihren Kindern kein Smartphone zu kaufen. Caroline Janzen hat eine zehnjährige Tochter in der Klasse ohne Handys. Die Mutter hat sich sofort für dieses Modell entschieden. "Ich hoffe einfach, dass meine Tochter in der Kommunikation die ganzen Beziehungen live führt und nicht über Smartphones", sagt sie.
Wenn das Projekt erfolgreich verläuft, auch wissenschaftlich, sollen künftig weitere Klassen oder sogar ganze Schulen von diesem Modell profitieren, hofft Schulleiter Markus Meier. Ziel ist es, die Konzentration zu verbessern, die Kommunikation zu fördern und das soziale Miteinander zu stärken.