Melanie, 41 Jahre alt, ist ausgebildete Schneiderin und Mutter von zwei Kindern. Wegen der Kinder hat sie jahrelang nicht gearbeitet. In ihren alten Beruf möchte sie nicht mehr zurück, aber sich mit Kindern befassen, das ist ihr Ding.
Seit ihre eigenen Kinder sie nicht mehr rund um die Uhr brauchen, hat sie eine Halbtagsstelle als Assistenzkraft in einer KiTa. Eine spezielle Ausbildung braucht sie dafür nicht. Melanie ist eine erfundene Person, aber ein typisches Beispiel für Aushilfskräfte in der KiTa.
KiTa in Speyer sieht Quereinsteiger als Bereicherung
Sandra Buhl, Leiterin der KiTa Löwenzahn in Speyer, hat schon einige "Nichtfachkräfte" in ihrer Kita integriert - so, wie die fiktive Melanie. Zurzeit sind allerdings alle Mitarbeitenden der Kita qualifizierte pädagogische KiTa-Fachkräfte. Eine glückliche Situation, denn anders als Nichtfachkräfte können sie auch in Randzeiten und allein in einer Kindergruppe eingesetzt werden. Damit sind die langen Öffnungszeiten der Kita abgedeckt und der Dienstplan lässt sich einfacher gestalten.
Wir hatten zum Beispiel mal einen Schreiner, der bei uns als Nichtfachkraft gearbeitet hat. Und eine Yogalehrerin hatten wir auch schon. Die hat dann mit den Kindern Yoga gemacht.
Fragt man Sandra Buhl nach ihren Erfahrungen mit den Quereinsteigern kommt sie ins Schwärmen. "Für uns sind diese Menschen eine Bereicherung", erklärt sie. "Wir hatten zum Beispiel mal einen Schreiner, der bei uns als Nichtfachkraft gearbeitet hat. Und eine Yogalehrerin hatten wir auch schon. Die hat dann mit den Kindern Yoga gemacht." Die klassische Erzieherin, der Schreiner und die Yogalehrerin in einer KiTa - in der Pädagogik nennt man das multiprofessionelle Teams.
Speyer sucht präventiv Erzieher "Lange Nacht der Kitas" in Speyer gegen Fachkräftemangel
Speyer geht neue Wege bei der Suche nach Erzieherinnen und Erziehern: Vier Kitas öffnen zum ersten Mal am Donnerstag für Erwachsene, um für den Beruf zu werben.
Ohne Aushilfskräfte geht es in KiTas oft nicht
"Die Nichtfachkraft ist nur ein weiteres Augenpaar in der KiTa", sagt Michael Stöckel. Er ist Leiter der Abteilung Kindertagesstätten / Kindertagespflege bei der Stadt Speyer. Stöckel ist für zwölf KiTas und rund 250 Mitarbeitende zuständig.
Die Nichtfachkraft erstelle keine Erziehungsleitfäden, keine pädagogischen Konzepte und führe auch keine Entwicklungsgespräche, betont er. Diese Unterscheidung ist ihm wichtig. "Aber bevor wir den vorgeschriebenen Personalschlüssel in den KiTas nicht einhalten können, stell ich lieber ungelernte Kräfte ein", sagt er.
Die Personalverordnung für KiTas in Rheinland-Pfalz schreibt vor, dass mindestens 70 Prozent des Personals eine Fachausbildung haben muss. Die restlichen 30 Prozent dürfen durch Assistenzkräfte (Pädagogische Fachkräfte in Assistenz und profilergänzende Fachkräfte) ergänzt werden. Die Grafik unten zeigt, dass KiTas mit vielen Fachkräften, nämlich über 80 Prozent des pädagogischen Personals, im Laufe der Jahre weniger wurden.
In KiTas in RLP sind 76 Prozent Fachkräfte beschäftigt
In Rheinland-Pfalz wurde dieser Wert bisher eingehalten. Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung lag die durchschnittliche Fachkraft-Quote 2024 bei 76 Prozent, damit liegt das Land an der Spitze der westdeutschen Bundesländer. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass die Quote schon höher war. 2019 lag sie bei 79 Prozent und ist seither kontinuierlich gesunken. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass die 70 Prozent-Quote wahrscheinlich langfristig nicht zu halten sei.
Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium hat reagiert. Seit Februar 2024 können sich auch Menschen aus verwandten Berufsfeldern als pädagogische KiTa-Fachkraft qualifizieren. Ergotherapeutinnen oder Logopäden gelten zum Beispiel nach zweijähriger Berufserfahrung und einer pädagogischen Basisqualifikation von 16 Monaten als vollwertige KiTa-Fachkraft und werden nach Tarif bezahlt. Das sind nach acht Jahren Berufserfahrung 4.092 Euro brutto. Ungelernte KiTa-Kräfte verdienen bei gleicher Berufserfahrung 3.130 Euro.
Normalerweise dauert eine Ausbildung vier bis fünf Jahre. Durch die Lockerung sollen schneller neue KiTa-Fachkräfte gewonnen werden. Jedes Bundesland hat dafür seine eigenen Regeln aufgestellt, welche Voraussetzungen eine anerkannte Fachkraft erbringen muss. Daher ist ein Ländervergleich schwierig.
KiTa-Fachkräfte-Verband RLP sieht die Entwicklung kritisch
Der Verband der KiTa-Fachkräfte Rheinland-Pfalz sieht das erwartungsgemäß kritisch. "Die Qualität der pädagogischen Arbeit sinkt", sagt die Vorsitzende Claudia Theobald. "Die gut ausgebildeten Fachkräfte müssen die Bereiche mit übernehmen, welche die Assistenzkräfte oder Quereinsteiger überfordern. Auch talentierte Quereinsteiger brauchen viel Zeit für Einarbeitung und fachlichen Input, die wir aber im KiTa-Alltag nicht haben, beziehungsweise dazu führt, dass noch weniger Zeit für die Arbeit am Kind bleibt.”
Die Leiterin der Speyerer KiTa Löwenzahn, Sandra Buhl, bestätigt, dass die Neueinsteiger Anleitung brauchen. "Wie setzt man sich in eine Gruppe, sodass man alle Kinder im Blick hat. Wie motiviert man sie, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken. Wir geben den Neulingen Tipps und sie nehmen sie dankbar an", sagt Buhl.
Aushilfskräfte können für Ausbildung gewonnen werden
"Und in der Regel ist bei den Quereinsteigern auch ein pädagogisches Gespür vorhanden, denn die sich bewerben, machen das von Herzen." Darauf könne man dann aufbauen, findet Buhl. Sie sieht in dem Quereinsteiger-Modell eine große Chance mehr Fachkräfte zu gewinnen. Viele ihrer Assistenzkräfte hätten sich anschließend für eine Ausbildung zur KiTa-Fachkraft entschieden.
Die Aufgaben in einer KiTa haben sehr wenig damit zu tun, als Familie Kinder zu erziehen oder im Bekanntenkreis gern mit Kindern zu spielen.
"Entwicklungspsychologische und frühpädagogische Kenntnisse sowie Praxiserfahrung im Arbeitsfeld KiTa sind unerlässlich", betont Verbandsvorsitzende Theobald - und könnten nicht durch emotionale Reife und gesunden Menschenverstand wettgemacht werden.
"Große, sehr heterogene Kindergruppen über viele Stunden so zu managen, dass es jedem Kind gut geht, die nötige Unterstützung geleistet wird und entwicklungsförderliche Angebote gemacht werden, hat sehr wenig damit zu tun, als Familie Kinder zu erziehen oder im Bekanntenkreis gern mit Kindern zu spielen."
Ungelernte KiTa-Assistenzkräfte bekommen nur befristete Verträge
Und tatsächlich ist es so, dass die Einrichtungen und Träger der KiTas lieber Fachkräfte einstellen, wenn sie die Wahl haben. Zum einen, weil sie flexibler einsetzbar sind, zum anderen aber auch, weil die Einarbeitung reibungsloser funktioniert. Das hat Folgen für die Nichtfachkräfte. In den zwölf KiTas in Speyer beispielsweise bekommen sie nur befristete Arbeitsverträge. Bewirbt sich eine Kita-Fachkraft auf die Stelle, wird der Nichtfachkraft gekündigt.
"Wir sind da sehr transparent in den Bewerbungsgesprächen", sagt Michael Stöckel von der Stadt Speyer. "Aber wir versuchen, die Nichtfachkräfte in so einem Fall auch in anderen städtischen Kitas unterzubringen." Kündigungen kommen wahrscheinlich selten vor, denn nach Angaben des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums fehlen derzeit in den KiTas rund 1.500 Fachkräfte.