Cilly Berresheim lebt schon immer im Eifelort Thür. Die 94-Jährige ist fit für ihr Alter, kann in ihrem kleinen Einfamilienhaus noch viel alleine machen. Trotzdem braucht sie Hilfe im Alltag: zum Beispiel beim Putzen und Einkaufen, aber auch beim Duschen oder Strümpfe anziehen.
Mit den Nachbarn wäre es ganz was anderes, viel persönlicher.
Nachbarn sollen Senioren im Alltag unterstützen
Bisher übernimmt ein Pflegedienst viele der Aufgaben. In Zukunft soll sich das ändern. Cilly Berresheim gefällt die Vorstellung, dass sich bald auch Nachbarn aus dem Dorf um sie kümmern sollen: "Wenn jemand aus dem Ort käme, dann kenne ich die Familie oder die Nachbarn. Ich könnte mit den Leuten reden. Der Pflegedienst macht seine Sache gut. Aber die kommen, tippen was in ihr Gerät ein, dann müssen die so und so viel Minuten da sein, und fertig. Mit den Nachbarn wäre es ganz was anderes, viel persönlicher."
Mit dem Pilotprojekt "QuartierPflege - Nachbarn pflegen Nachbarn" möchte Ortsbürgermeister Lukas Ellerich (CDU) die Altenpflege in seinem Ort ganz neu aufstellen. Sie soll trotz einer immer älter werdenden Gesellschaft auch in Zukunft gut funktionieren. Denn etwa zehn Prozent der Menschen in dem 1.500-Einwohner-Dorf "sind oder werden pflegebedürftig", sagt Ellerich. Das sei in Thür genauso wie in vielen anderen Dörfern in Rheinland-Pfalz.
Keine Konkurrenz zu ambulanten Pflegediensten
Die Idee der Quartierpflege sieht so aus: Auf einen Pflegebedürftigen kommen vier bis sechs Menschen aus dem Dorf. Zusammen bilden sie eine Sorgegemeinschaft. Jeder Nachbar soll da unterstützen, wo er oder sie es am besten kann: zum Beispiel gemeinsam kochen, bei der Gartenarbeit oder einfach ein paar Stunden reden.
"Wir wollen gar nicht in Konkurrenz treten zu den ambulanten Pflegediensten, sondern die Aufgaben übernehmen, für die sonst keine Zeit und kein Personal da ist. Aufgaben, die sonst die Familie übernommen hätte", sagt Ortsbürgermeister Ellerich. Perspektivisch könnten die Nachbarn auch einfache Pflegearbeiten übernehmen, zum Beispiel bei der Körperpflege oder beim Toilettengang helfen.
Das ist jetzt die ultimative Herausforderung.
Einige Nachbarn sind schon bereit für das Pflegeprojekt
Erste Nachbarn haben sich für das Projekt schon freiwillig gemeldet. Claudia Pauken zum Beispiel: Die 56-Jährige ist auch in Thür aufgewachsen und hat schon Erfahrungen in der Altenpflege. Sie könnte sich gut vorstellen, in Zukunft häufiger zum Beispiel für Cilly Berresheim da zu sein: "Ich habe keine Berührungsängste. Wir kennen uns schon so lange. Und ich mache das gerne. Mir geben die Gespräche mit älteren Menschen auch immer viel zurück.
Menschen in Thür sollen "Generationenvertrag eingehen"
Ortsbürgermeister Ellerich hofft, dass durch das neue Pflegemodell mehr ältere Leute ihr Leben lang in Thür bleiben können. Allerdings weiß der junge CDU-Politiker auch, dass es nicht einfach wird: "Um 100 alte Menschen zu unterstützen, brauchen wir nach unserem Modell 400 bis 600 Leute, die helfen. Das ist jetzt die ultimative Herausforderung."
Wenn viele mitmachen, sagt er, habe das Modell aber das Potenzial, die schwierige Situation in der Pflege deutlich zu verbessern. "Mein Wunsch ist schon, dass viele die Größe des Problems erkennen und mithelfen wollen, es zu lösen. Dass wir unsere Dorfgemeinschaft dadurch stärken und füreinander einstehen." Idealerweise, sagt er, gehen die Menschen im Ort einen kleinen Generationenvertrag miteinander ein: "Dass die, die jetzt noch pflegen können, vielleicht später dann auch irgendwann selbst gepflegt werden. Und wir alle schön zusammen in Thür alt werden können."
Kreis wird kommunalen Pflegedienst gründen
Der Kreis Mayen-Koblenz finanziert das Projekt erstmal mit 120.000 Euro. Mit dem Geld soll ein kommunaler Pflegedienst mit zwei Vollzeitstellen gegründet werden. Die Fachkräfte sollen die nachbarschaftliche Hilfe koordinieren, die Leistungen mit der Pflegekasse abrechnen und zum Beispiel auch Workshops und Fortbildungen für die Nachbarn organisieren. Was die Bezahlung angeht, sieht das Modell verschiedene Möglichkeiten vor: Die Nachbarn können die Pflegearbeit ehrenamtlich machen, sie könnten aber auch als Minijobber oder Teilzeitkräfte eingestellt werden.
Die "QuartierPflege" soll erstmal klein anfangen. Zunächst sollen wenige ältere Menschen wie Cilly Berresheim betreut werden. Wenn in Thür alles gut anläuft, könnten noch andere Gemeinden im Kreis Mayen-Koblenz mit in das Projekt einsteigen.