Bei der Podiumsdiskussion in der Nassauer Stadthalle war deutlich erkennbar, wie sensibel das Thema für die Bürgerinnen und Bürger ist. Viele von ihnen hatten Günter Leifheit zu Lebzeiten gekannt und geschätzt: als großzügigen Sponsor, erfolgreichen Unternehmer und Arbeitgeber und sozial engagierten Menschen.
Sein Name ziert in Nassau (Rhein-Lahn-Kreis) nicht nur den Hauptsitz des von ihm gegründeten Haushaltswarenherstellers Leifheit, sondern auch das Kulturhaus, das private Gymnasium und weitere städtische Bauten, die er mitfinanziert hat. Vielen fällt es offenbar schwer, ihr Bild des 2009 verstorbenen Ehrenbürgers mit dem in Einklang zu bringen, was Historiker Joachim Scholtyseck am Mittwochabend vortrug.
Neue Untersuchungsergebnisse wurden in Nassau vorgestellt
Jahrelang hatte der Geschichtswissenschaftler zur NS-Vergangenheit von Günter Leifheit geforscht und kam zu dem Schluss, dass der Unternehmer in jungen Jahren offenbar ein überzeugter Nationalsozialist gewesen ist. Damit bestätigte Scholtyseck im Wesentlichen die Erkenntnisse, die sein Kollege Stefan Holler in seinem Gutachten aus dem Jahr 2024 veröffentlichte und damit für großes öffentliches Interesse gesorgt hatte.
Im Anschluss gab es in Nassau und Garmisch-Partenkirchen, wo Leifheit ebenfalls wohltätig gewirkt hatte, Diskussionen um den Umgang. Deswegen gaben die beiden Kommunen zusammen mit der Leifheit-Stiftung aus Nassau und der gemeinnützigen GmbH LongLeif aus Garmisch-Partenkirchen eine neue Studie bei Joachim Scholtyseck in Auftrag. Sie sollte die Lebensgeschichte des Unternehmers vor 1945 näher untersuchen.
Firmensitz in Nassau Historiker soll NS-Geschichte von Firmengründer Leifheit untersuchen
Günter Leifheit war ein beliebter Förderer der Stadt Nassau, dann deckte eine Studie seine NS-Verstrickungen auf. Ein Historiker soll nun seine Vergangenheit aufarbeiten.
Mitgliedschaft in mehreren Nazi-Organisationen
Beide Historiker konnten mit zahlreichen Quellen belegen, dass Leifheit freiwilliges Mitglied der Hitlerjugend, der NSDAP und der Leibstandarte SS "Adolf Hitler", einer Eliteeinheit der Waffen-SS, gewesen war. "Er ist als 11-Jähriger in diese Bewegung hineingeraten und hat sich dann in den Folgejahren zu einem durchaus geprägt ideologischen Nationalsozialisten entwickelt", erklärt Scholtyseck. Er habe unter dem Naziregime Karriere gemacht.
Historiker finden keine Belege für Kriegsverbrechen
Da Leifheit sich nach dem Krieg weder der Entnazifizierung noch einem Gerichtsverfahren stellen musste, fanden sich jedoch keine Belege dafür, dass er an Kriegsverbrechen beteiligt war. Scholtyseck hat dafür nach eigenen Angaben intensiv alte Militär- und Prozessakten durchsucht und keine entsprechenden Hinweise gefunden. Er räumt jedoch ein, dass es theoretisch möglich sei, dass eines Tages noch irgendwo etwas auftauchen könne.
Auch wenn Leifheit offenkundig keinem der Sonderkommandos, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden, angehört hat - beide Historiker halten es für unwahrscheinlich, dass er von den Gräueltaten nichts gewusst hat.
Keine Hinweise auf Teilnahme an Nazi-Treffen
Wie Leifheit später im Leben zu dieser Zeit stand, ist nicht bekannt, da er sich dazu nie öffentlich geäußert hat. Beide Historiker gehen aber davon aus, dass der Unternehmer wahrscheinlich nichts mit den SS-Veteranentreffen zu tun hatte, die in den Jahren 1968 bis 1978 regelmäßig in Nassau stattgefunden haben. Laut Scholtyseck wäre es für Leifheits Geschäftserfolg auch kontraproduktiv gewesen, sich daran zu beteiligen.
Joachim Scholtyseck sagt dazu: "Er hat sicherlich in der Bundesrepublik mit diesen Dingen nichts mehr zu tun haben wollen. Er ist möglicherweise auch zu einem Demokraten geworden. Aber es hätte dazugehört, dass er ehrlich mit diesen Dingen umgeht." Ähnlich wie viele andere Männer seiner Generation habe er über seine Vergangenheit geschwiegen und diese sogar verleugnet.
Eigene Untersuchung der Leifheit AG
Auch die Leifheit AG hatte eine eigene Untersuchung in Auftrag gegeben, um herauszufinden, ob es einen Zusammenhang zwischen der NS-Vergangenheit Günter Leifheits und dem später gegründeten Unternehmen gibt. Nach Angaben der Aktiengesellschaft wurden dafür etwa 1.500 bis 2.000 Seiten aus verschiedenen öffentlichen Archiven und Unternehmensbeständen ausgewertet und ergänzende Hintergrundgespräche geführt. Daraus ließen sich demnach keine personellen oder wirtschaftlichen Verbindungen ableiten.
Es gebe auch keine Hinweise darauf, dass "ehemalige Kameraden eine prägende Rolle in der ersten Belegschaft spielten". Zudem sei auch die Vergangenheit der Firma Kaiser geprüft worden, die der Familie von Leifheits damaliger Ehefrau Ingeborg gehörten. Sie habe "wesentliche finanzielle Mittel für die Unternehmensgründung" eingebracht. Es gebe aber auch keine Hinweise dafür, dass die Firma Kaiser zur NS-Rüstungsindustrie gehört oder Zwangsarbeiter eingesetzt habe.
Stadtrat soll über Konsequenzen entscheiden
Wie soll die Stadt also nun mit dem Erbe Leifheits umgehen? Das will Stadtbürgermeister Manuel Liguori (SPD) demnächst mit dem Stadtrat besprechen. Für ihn ist aber klar, dass dieser Aspekt der Naussauer Geschichte Teil der Erinnerungskultur und somit auch der städtischen Identität werden soll. "Denn das Vergessen ist ja das große Problem der heutigen Zeit. Manche Parolen aus der damaligen Zeit sind heute schon wieder salonfähig. Und da den Anfängen zu widerstehen und klare Kante zu zeigen, das ist für uns als Stadt Nassau sehr wichtig."
Welche konkreten Konsequenzen aus der neuen Studie folgen, werde im Stadtrat beschlossen, sagt Liguori. "Ich denke, ein Teil wird sein, unsere Ausstellung über Günter Leifheit zu ergänzen." Auch auf der Homepage der Stadt könnten die Inhalte der neuen Studie Platz finden. Weitere Schritte seien denkbar.
Leifheit-Stiftung will jetzt für Transparenz sorgen
Auch die Leifheit-Stiftung will sich in der nächsten Vorstandssitzung damit befassen, sagt Geschäftsführer Ingo Nehrbaß. Er könne sich vorstellen, dass die Inhalte der Untersuchungen von Scholtyseck und der Leifheit AG auf der Internetseite der Stiftung eingebunden werden. Die Stiftung werde auch weiterhin Projekte unterstützen, die als Mahnmal für die NS-Vergangenheit stehen. Außerdem soll es an dem Nassauer Gymnasium, dem Leifheit Campus, einen Workshop mit dem Historiker geben.
"Wir haben uns verpflichtet gesehen, auch aus Gründen der Transparenz, diese Geschichte noch einmal professionell, unabhängig aufarbeiten zu lassen", sagt Nehrbaß. Obwohl die Stiftung schon vorher von Günter Leifheits NS-Vergangenheit wusste, entschied sie erst 2024, eine entsprechende Untersuchung in Auftrag zu geben. Zuvor sei das nicht für nötig befunden worden, weil die ältere Generation in Nassau zumindest oberflächlich Bescheid gewusst habe und die Stiftung auch mehr in Richtung Zukunft fokussiert gewesen sei. "Und wir haben auch nicht daran gedacht - so ehrlich muss man sein - da nochmal einzuschreiten und das Ganze transparent zu machen", so Nehrbaß.
Leifheits NS-Vergangenheit sorgt für Diskussionen
Mit dieser Transparenz ist in Nassau aber nicht jeder glücklich. Bei der Podiumsdiskussion wurden auch Stimmen laut, die sich wünschen, dass nun ein Schlussstrich unter das Thema gezogen werde: "Deckel drauf und weitermachen!" Sie sahen Leifheit durch die Untersuchungsergebnisse entlastet, da er zur Nazi-Zeit noch sehr jung und indoktriniert war. Seine Karriere unter dem Regime werteten einige als Aufstiegswillen.
Andere Nassauerinnen und Nassauer widersprachen dieser Auffassung. Sie waren sich weniger sicher, dass Leifheit nach dem Krieg seine Haltung geändert habe. Sie sprachen sich ebenfalls für einen transparenten Umgang mit Leifheits Geschichte aus. Auch Joachim Scholtyseck meint, dass es keinen Schlussstrich geben dürfe: "Eine aufgeklärte Zivilgesellschaft muss dazu stehen. Das gehört zur Demokratie dazu, dass man sich damit beschäftigt."