Es kommt nicht oft vor, dass ein Polizist ganz offen über die psychische Belastung in seinem Job spricht. Stefan Linder schon. Er und seine Kollegen haben bei der Flutkatastrophe 2021 bis zu 14 Stunden täglich mit verzweifelten Angehörigen gesprochen, Vermisste gesucht oder Tote identifiziert. Darüber hat er in seinem Buch geschrieben, das gerade erschienen ist.
Polizisten gehören zu der Sorte: "Sei stark, sei perfekt, halte durch!" Ex-Kommissar Stefan Linder: Psychische Belastung nach der Ahrflut
Der ehemalige Kriminalhauptkommissar Stefan Linder aus der Vordereifel hat vor vier Jahren die Vermisstenstelle bei der Ahrflut geleitet. Darüber hat er ein Buch geschrieben.
SWR Aktuell: Wie sehr hat sich der Einsatz an der Ahr von anderen unterschieden?
Stefan Linder: Es ist eine Naturkatastrophe von sehr, sehr großem Ausmaß, von vielen zig Kilometern Länge und eigentlich ist die ganze Ahr ein "Tatort" gewesen. Die Rettungskräfte mussten in jedes Haus, sie mussten in jedes Auto gucken, ob sich da Tote befinden. Das hat die ganze Geschichte auch noch ein bisschen besonders gemacht, nachdem die Rettungs- und Bergemission dann beendet war. Dann ist man tatsächlich auch strukturiert auf Leichensuche gegangen. Die Kommunikationsstruktur war zusammengebrochen. Wir hatten etwa 95% gemeldete Vermisste, die dann wieder aufgetaucht sind, lebend ermittelt wurden oder sich gemeldet haben.
SWR Aktuell: Wie sehr hat Sie die Arbeit psychisch und körperlich belastet?
Linder: Ich war körperlich vollkommen am Ende. Ich hatte vielleicht noch 30 bis 40 Prozent Energie und habe mich mit Albträumen herumgeschlagen, habe Nachtschweiß gehabt und Appetit hatte ich auch nicht. Ich hatte auch in den ersten zwei Wochen der Arbeit vier, fünf Kilo abgenommen, weil ich auch nichts gegessen habe. Dieser große, große Dauerstress, vermute ich, ist der Grund gewesen, der auch vieles verändert hat.
SWR Aktuell: Wissen Sie, wie viele Polizeibeamte unter einer posttraumatischen Belastungsstörung aufgrund ihres Einsatzes an der Ahr leiden?
Linder: Ich weiß, dass mir Leute gesagt haben, ich würde es gerne machen, aber ich kann dein Buch nicht lesen, weil ich jetzt noch Albträume habe. Und ich bin mir sicher, dass doch eine ganze Reihe von Kollegen betroffen sind, aber Polizisten outen sich nicht so gerne. Die laufen nicht durch die Gegend und sagen, dieser oder jener Einsatz hat mich schon betroffen gemacht, sondern Polizisten gehören zu der Sorte: "Sei stark, sei perfekt, halte durch". Und das tun sie ja auch alle.
Drei Jahre nach der Flut Schleppender Wiederaufbau im Ahrtal belastet Flutbetroffene
Ärger mit Versicherungen und schleppende Auszahlungen der Hilfsgelder: Auch drei Jahre nach der Flut an der Ahr kommt der Wiederaufbau mancherorts nur langsam voran.
SWR Aktuell: Sie haben in Ihren mehr als 40 Jahren Dienstzeit viele Tote gesehen, viel Leid der Angehörigen mitbekommen. Wie haben Sie das verarbeitet?
Linder: Mein Therapeut hat gesagt: "Jeder Tote bleibt in den Kleidern hängen." Ja, das kann man gut verarbeiten, aber die Menge ist das Entscheidende. Das ist wie ein Panzer, der durch die Gegend fährt, der ständig auf dieselbe Stelle einen Beschuss bekommt und irgendwann ist das auch durch.
Das Interview führte SWR-Reporterin Martina Gonser.