Das Ahrtal, irgendwo am mittleren Lauf. Fünf rote Schnäbel picken im Fluss und fressen sich fett für ihre Reise nach Afrika. Der ehemalige Förster und Schwarzstorchexperte Jürgen Wagner aus Heckenbach kann es kaum glauben. "Normalerweise gibt es solche Wildtiere nicht auf Bestellung", sagt er. Das sei eine wirklich ungewöhnliche Sichtung. Denn eigentlich seien sie sehr scheu und hielten sich vor Menschen fern.
Würden wir jetzt näher rangehen, würden die sofort abhauen
Der Naturfotograf Michael Andres steht auch da. Er hat Wagner informiert, dass da gerade fünf Störche an einem Fleck zu sehen sind. Bewaffnet mit Kamera und Fernglas beobachtet er die Tiere: "Toll", flüstert er leise vor sich hin und drückt den Auslöser. Sie sind etwa 250 Meter entfernt. "Würden wir jetzt näher rangehen", sagt er, "würden die sofort abhauen". Deswegen bräuchte er auch ein sehr großes Objektiv um ordentliche Bilder zu schießen.
Schwarzstörche waren in Westdeutschland ausgestorben
Fast 100 Jahre lang hätten sich die Tiere in der Region überhaupt nicht mehr blicken lassen, sagt Wagner. Heute aber gilt das Ahrtal als wichtigster Schwarzstorch-Hotspot in ganz Rheinland-Pfalz. Jedes Jahr kommen bis zu zehn Brutpaare in die Großregion. Im Schnitt bekommen sie zweieinhalb Jungen. In ganz Rheinland-Pfalz wird mit 60 Brutpaaren gerechnet, bundesweit etwa 600.
Dank seiner fischreichen Bäche und ruhigen Täler bietet das Ahrtal perfekte Bedingungen für Schwarzstörche. Ihre Leibspeisen sind Forellen, Groppen, Neunaugen und auch Signalkrebse, die es an der Ahr ja zuhauf gibt.
Die Horste halten wir so geheim, dass selbst meine Frau und mein Sohn nicht wissen, wo die sind.
Ob man sich auch mal einen Horst anschauen könnte? "Die Horste halten wir so geheim, dass selbst meine Frau und mein Sohn nicht wissen, wo die sind", sagt Wagner. Sowohl Förster als auch Naturschützer geben keine Standorte preis - zum Schutz der Tiere. Denn menschliche Störungen, besonders zur Brutzeit im Frühjahr, können dazu führen, dass ein Horst verlassen wird.
So ein Horst kann übrigens bis zu 300 Kilo wiegen. Jedes Jahr wird weiter an ihm gebaut, Moos ausgepolstert, Äste ergänzt. Manche Horste bestehen über ein Jahrzehnt und werden von den gleichen Paaren immer wieder bezogen. Ist ein Partner verstorben, sucht sich der andere einen neuen - aber das Revier bleibt bestehen, erklärt Wagner.
Fliegerische Meisterleistungen durchs Geäst
Die steilen Bachtäler seien auch deswegen ideal, sagt Wagner, weil die Tiere ihre Horste unterhalb des Kronendachs bauen, bevorzugt in Buchen oder Eichen. Sie müssen so liegen, dass der Vogel unterhalb der Blätter, in dem Geäst, noch in den Horst fliegen kann. Bei einer Flügelspannweite von über zwei Metern sei das eine fliegerische Meisterleistung, so Wagner.
Die Jungen fliegen ganz allein nach Afrika
Zwei Wochen lang habe er auch hin und wieder Jungvögel gesehen, sagt Fotograf Andres. Die meisten von ihnen dürften aber mittlerweile schon wieder auf ihrer Reise nach Westafrika sein. Und das ganz ohne die Eltern. Für ihn ist es ein Rätsel, dass die Jungtiere wüssten, wo sie langmüssten. "Vermutlich genetisch vorprogrammiert", sagt Andres. Ihre Reiseroute geht übrigens über die Straße von Gibraltar.