"Manchmal ist es einfach nur das Zuhören und Aushalten können" , sagt Katrin Weiland vom Verein "Frauen gegen Gewalt e.V. Westerburg", der die Trägerschaft für den neuen Frauennotruf im Landkreis Neuwied übernommen hat. Der erfahrene Verein betreibt bereits seit 1990 eine spezialisierte Fachberatungsstelle zum Thema sexualisierte Gewalt im Westerwald. "Viele Frauen erzählen so etwas selbst ihrer besten Freundin vielleicht nicht."
Sehr viele Frauen, die häusliche Gewalt erleben, erleben in ihrer Beziehung auch sexualisierte Gewalt.
Katrin Weiland erklärt, dass viele Frauen sich nach einem sexuellen Übergriff schämten, Andere nicht belasten wollten oder schlichtweg nicht in der Lage seien, über die Erlebnisse zu sprechen. Deswegen seien Stellen wie der Frauennotruf Neuwied so wichtig. Hier arbeiten speziell geschulte Ansprechpartnerinnen, "wo man das Ganze einfach mal abladen und darüber sprechen kann" - und das auf Wunsch auch anonym. Aber: Es handelt sich dabei nicht um ein therapeutisches, sondern um ein Beratungsangebot.
Beraterinnen begleiten Frauen zu Behörden
"Frauen gegen Gewalt" betreibt unter anderem auch den Frauennotruf Westerburg und die Interventionsstelle Westerwald. Diese Vernetzung hat den Vorteil, dass Frauen so auch an andere Stellen weitergeleitet werden können. Zum Beispiel, wenn sie nicht nur von einer Form von Gewalt betroffen sind: "Sehr viele Frauen, die häusliche Gewalt erleben, erleben in ihrer Beziehung auch sexualisierte Gewalt", sagt Weiland. Die Beraterinnen begleiteten die betroffenen Frauen auf Wunsch auch zur Polizei oder zum Gericht.
Sie helfen zudem, bürokratische Hürden zu überwinden. Denn oft besteht auch eine Abhängigkeit vom Partner. Deswegen arbeitet der Verein unter anderem mit Sozialhilfeträgern, Schuldnerberatungen, Beratungsstellen von Frauenhäusern oder Jugendämtern zusammen.
Opfer brauchen mehr Unterstützung
Woran es aber generell oft noch mangele, sei ein gutes psychotherapeutisches Netzwerk, sagt die zuständige Sozialarbeiterin beim Frauennotruf Neuwied. Außerdem sieht sie auch Handlungsbedarf bei der Strafverfolgung von sexualisierter Gewalt: "Die Anerkennung, dass Menschen das tatsächlich erlebt haben - was ja unter Umständen das ganze Leben beeinflusst - da sind wir noch ganz weit von weg."
Jede dritte Frau ist im Laufe ihres Lebens von Gewalt betroffen und bei jeder Vierten ist es tatsächlich der aktuelle oder der Ex-Partner, von dem die Gewalt ausgeht.
Das unterstreichen auch die steigenden Zahlen, betont Daniela Kiefer, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Neuwied: "Jede dritte Frau ist im Laufe ihres Lebens von Gewalt betroffen und bei jeder Vierten ist es tatsächlich der aktuelle oder der Ex-Partner, von dem die Gewalt ausgeht." Nahezu jede siebte Frau in Deutschland erlebe im Laufe ihres Lebens sexualisierte Gewalt. Dafür müsse dringend ein Bewusstsein geschaffen werden, findet Kiefer.
Frauennotruf mit eigenen Räumen in Neuwied
Der Frauennotruf bietet seine Beratung aber nicht nur telefonisch und online an, sondern ermöglicht auch das vertrauliche, persönliche Gespräch in seinen Räumen in der Augustastraße 39 in Neuwied. Meistens wird aber vorher ein Termin dafür ausgemacht. So soll sichergestellt werden, dass Frauen zeitnah und wohnortnah Hilfe bekommen.
SWR1 Sonntagmorgen Gewalt gegen Frauen nimmt zu
Die Zahlen erschüttern. Fast 1.000 Frauen wurden 2023 Opfer von Tötungsversuchen, 360 starben. So das Bundeskriminalamt zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen.
Neben der Beratung kümmert sich der Verein auch um die Netzwerkarbeit in der Region. Denn als neue Institution im Landkreis muss sich der Frauennotruf Neuwied bekannt machen und Kontakte aufbauen, zum Beispiel zu Krankenhäusern, Schulen und Ämtern. Denn Frauennotrufe kümmern sich auch um Prävention und Öffentlichkeitsarbeit. So werden laut Katrin Weiland auch Lehr- und Fachkräfte beispielsweise in der Frage geschult, "woran erkenne ich sexualisierte Gewalt, auch bei Kindern und Jugendlichen?"
Landkreis Neuwied freut sich über neues Hilfsangebot
Seit dem vergangenen Jahr hatte sich der Kreis Neuwied um ein eigenes Hilfsangebot für Opfer sexualisierter Gewalt bemüht. Der Grund: Die bestehenden Angebote sollten eigentlich auslaufen. Lange war nicht klar, ob es für den geplanten Frauennotruf Neuwied ausreichend Geld gibt. Um den Frauennotruf Neuwied aufzubauen, war der Kreis auf Zuschüsse vom Land angewiesen. Diese wurden schließlich im Januar von der Landesregierung bewilligt.
Neues Frauenhaus im Kreis Neuwied geplant
Auch der Neuwieder Landrat Achim Hallerbach (CDU) ist erleichtert, dass es jetzt ein eigenes Hilfsangebot für Frauen gibt, die von sexueller Gewalt betroffen sind. Das sei bereits seit vielen Jahren ein Thema im Kreis gewesen, sagt er. "Ich bin daher froh, dass wir nun auch den politischen Boden bereiten konnten, um unser Hilfesystem für die Bürgerinnen im Landkreis nachhaltig zu verbessern."
"Gemeinsam nach vorne gehen" So blickt das Frauenhaus in Frankenthal auf das neue Gewalthilfegesetz
Im Bundesrat wurde am Freitag das neue Gewalthilfegesetz verabschiedet. Wir haben mit dem Frauenhaus in Frankenthal über das neue Gesetz gesprochen.
Und die Gleichstellungsbeauftragte Daniela Kiefer freut sich, dass es ab 2026 auch noch ein Frauenhaus mit einer Fachberatungsstelle geben wird.