Interview mit Kriminalhauptkommissar

Wie die Polizei in Koblenz nach Vermissten sucht

In Rheinland-Pfalz ist die Zahl der Vermissten in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich angestiegen. Aktuell gelten 260 Menschen als vermisst. Der Koblenzer Kriminalpolizist Tobias Volk erklärt im Interview, wie nach ihnen gesucht wird.

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Von Autor/in Christina Nover

Tobias Volk ist seit mehr als 30 Jahren bei der rheinland-pfälzischen Polizei und seit vier Jahren bei der Kriminalpolizei Koblenz. Dort leitet der Kriminalhauptkommissar den Fachbereich "Tote und Vermisste". Zwischen Juli und Dezember 2024 haben ihn nach eigenen Angaben rund 230 Vermisstenmeldungen beschäftigt.

SWR Aktuell: 230 Vermisstenfälle, das klingt nach ziemlich viel Arbeit, oder nicht?

Tobias Volk: Diese Zahl muss man relativeren. Wir haben hier in Koblenz-Arenberg ein Kinder- und Jugendheim, da gibt es eine Gruppe von Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren, da ist jeder für etwa 15 bis 20 Vermisstenfälle verantwortlich. Das liegt daran, dass die Einrichtung sich absichern muss. Sobald ein Kind abgängig ist - und sei es nur für ein paar Stunden, und auch, wenn die Erfahrung sagt, dass das Kind wieder kommt - wird eine Vermisstenmeldung gemacht.

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SWR Aktuell: Wie gehen Sie in so einem Fall vor?

Tobias Volk: Wie in jedem anderen Vermissten-Fall auch. Letztlich müssen wir Maßnahmen einleiten - auch wenn in 99 Prozent der Fälle alles gut ausgeht, sicher weiß man das ja nie. Das Wohlergehen der Vermissten steht im Vordergrund. Von einigen der Kinder und Jugendlichen habe ich mittlerweile die Handynummer, und wenn ich da dann anrufe und höre, dass es ihnen gut geht, dann ist schon mal viel Druck aus dem Vermisstenfall raus.

Dann sind die auch mal so dreist und rufen bei uns an und sagen: 'Ich bin nicht mehr vermisst - bringt mich bitte zurück!'

SWR Aktuell: Und wenn Sie die Jugendlichen nicht erreichen? Was passiert sonst noch?

Tobias Volk: Es wird zunächst das direkte Umfeld abgesucht, dann Orte, an denen sich die Vermissten bekanntermaßen aufhalten. Manchmal melden sich die Jugendlichen dann auch irgendwann von selbst und nehmen die Polizei als Fahrdienst in Anspruch. Zum Beispiel, weil sie in die Stadt gegangen sind und sie es dann doch mal etwas weiter weg verschlagen hat. Dann sind die auch mal so dreist und rufen bei uns an und sagen: 'Ich bin nicht mehr vermisst - bringt mich bitte zurück!'

SWR Aktuell: Ab wann gilt ein Mensch eigentlich als vermisst? Wann wird die Polizei aktiv?

Tobias Volk: Bei Minderjährigen sobald der oder diejenige sein gewohntes Umfeld verlassen hat und unklar ist, wo er oder sie sich befindet. Bei erwachsenen Menschen ist die Abwägung schon etwas schwieriger. Da braucht es schon Umstände, wo man sagt: da besteht eine Gefahr. Etwa wenn es einen Abschiedsbrief gibt oder wenn ein dementer Mensch verschwindet und es herrschen Minustemperaturen. Da wird direkt reagiert und alle Möglichkeiten der Suche ausgeschöpft. Ansonsten darf ein erwachsener Mensch sich auch mal aus seinem Umfeld zurückziehen.

Man muss halt immer gucken als Polizist, dass man so viel macht, dass man sich in erster Linie selbst nichts vorwerfen kann.

SWR Aktuell: Wenn keine konkreten Hinweise auf eine Gefahr vorliegen, wie geht man denn da vor?

Tobias Volk: Das bedarf begleitender Ermittlungen, Gesprächen und auch einem gewissen Bauchgefühl. Auf der einen Seite muss man Menschen zugestehen, dass sie sich zurückziehen. Andererseits haben wir auch immer direkt verschiedene Alternativen im Kopf, was auch passiert sein könnte. Man muss halt immer gucken als Polizist, dass man so viel macht, dass man sich in erster Linie selbst nichts vorwerfen kann. Aber auch nicht vorgeworfen bekommt, dass man zu wenig gemacht habe. Ich sage da immer: Lieber früher ansetzen als zu spät.

SWR Aktuell: Welche Rolle spielen denn Öffentlichkeitsfahndungen bei der Suche?

Tobias Volk: Eine sehr große. Gerade was hilflose, ältere Menschen betrifft. Wenn wir da eine gute Personenbeschreibung haben oder gute Fotos, dann führen die oft schnell zum Erfolg. Aber man muss mit dem Instrument auch vorsichtig umgehen. Wenn man jemanden sucht, der vielleicht Suizidgedanken hat, dann kann das für die Person mitunter schlimme Folgen haben, wenn deren Foto im Netz ist. Da muss man immer schauen, dass man so eine Depression nicht noch mit einer polizeilichen Maßnahme, die eigentlich helfen soll, verschlimmert.

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Immer wieder kommt es zu aufwendigen Suchen nach vermissten Menschen mit Booten, Hubschraubern oder Spürhunden.

SWR-Aktuell: Welche modernen Hilfsmittel stehen der Polizei bei ihrer Suche nach vermissten Personen noch zu Verfügung?

Tobias Volk: Die präventive Handyortung wird häufig bei der Vermisstensuche eingesetzt. Das ist aber auch keine "Wunderwaffe". Das Handy muss dafür etwa eingeschaltet sein. Und der örtliche Hinweis, den man dann bekommt, umfasst in aller Regel ein relativ großes Suchgebiet. Es wird nämlich lediglich der Handymast ausgegeben, in dem das Handy zuletzt eingeloggt war. Somit hat man dann aber natürlich ein Gebiet, dass man absuchen könnte. Je länger die Suchaktion dauert, umso großer ist natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Handyakku leergeht und somit auch diese Maßnahme nicht mehr möglich ist.

SWR-Aktuell: Immer wieder gibt es groß angelegte Suchen mit zahlreichen Beamten, Feuerwehrleuten, Suchhunden oder auch Hubschrauber-Einsatz. Wer zahlt das eigentlich alles?

Tobias Volk: Das sind Steuergelder. Da wird nichts in Rechnung gestellt. Etwas anderes ist es, wenn es sich um eine Straftat handelt und es zu einem Verfahren kommt. Je nach Ausgang des Verfahrens muss dann der Staat oder der Verurteilte solche Kosten übernehmen. Aber bei normalen Vermisstenfällen passiert das nicht. Es sei denn, jemand hat das wirklich aus Dreistigkeit in Kauf gekommen, das im großen Maße nach ihm gesucht wird. Da kann man über eine Kostenrückforderung nachdenken.

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SWR-Aktuell: Gibt es einen Fall, der sich bei Ihnen besonders eingebrannt hat?

Tobias Volk: Ich bin ja schon lange bei der Polizei und habe schon einiges gesehen. Letztendlich hat man eine gewisse Professionalität, was man an sich heranlässt und was nicht. Aber das klappt natürlich nicht immer. Sobald man eine Parallele zu seinem Leben findet, nimmt man schon mal den ein oder anderen Gedanken mit nach Hause. Wenn man zum Beispiel Angehörige darüber informieren muss, dass man jemand Vermissten tot gefunden hat - diese menschlichen Schicksale, die berühren schon.

Das Interview führte Christina Nover.

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