Schon seit längerem kriselt es bei dem Automobilzulieferer ZF mit Sitz in Friedrichshafen am Bodensee. Am Donnerstag wurden die Stellenabbaupläne für den Standort Koblenz konkret. Wie das Unternehmen bekannt gab, sollen bis zum Jahr 2030 insgesamt rund 450 von derzeit etwa 2.100 Arbeitsplätzen wegfallen.
Gründe dafür seien der anhaltend schwache Automobilmarkt und handelspolitische Unsicherheiten wie die US-Importzölle oder Exportbeschränkungen für Seltene Erden aus China. Das alles habe die Lage für die Automobilzulieferindustrie deutlich verschärft. Darauf müsse das Unternehmen reagieren, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Und das auch am Standort in Koblenz.
Viele Stellen sollen bis Ende 2026 wegfallen
Nach ZF-Angaben arbeiten in Koblenz momentan rund 500 Menschen in der Produktion, knapp 1.250 in der Forschung und Entwicklung und weitere 350 in der Verwaltung. Der Stellenabbau wird demnach vor allem die Forschung und Entwicklung betreffen. Hier sollen rund 370 Arbeitsplätze wegfallen. Und weitere 80 in den Verwaltungsbereichen. "Für nahezu die Hälfte dieser Beschäftigten gibt es bereits sozialverträgliche Lösungen", heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens vom Donnerstag.
Betriebsbedingte Kündigungen weiter nicht ausgeschlossen ZF macht im ersten Halbjahr 195 Millionen Euro Verlust
Der kriselnde Autozulieferer ZF Friedrichshafen verschärft seinen Sparkurs. Am Donnerstag legte das Unternehmen neue Zahlen vor. Kurz zuvor hatten ZF und Betriebsrat mitgeteilt, man suche gemeinsam nach Lösungen für die Pkw-Antriebssparte.
Der Großteil der restlichen Stellen soll bis Ende 2026 gestrichen werden. Für die Betroffenen strebe man einen sozialverträglichen Abbau an, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, heißt es von ZF. Man habe den Betriebsrat deshalb zu zeitnahen Verhandlungen aufgefordert.
Betriebsrat und Gewerkschaft grundsätzlich bereit zu Gesprächen
Der Betriebsrat und auch die IG Metall erklärten am Freitag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz, sie seien grundsätzlich zu Gesprächen bereit. Allerdings nur, wenn die Gründe für den Abbau konjunkturell oder durch die Lage auf dem Automarkt zu erklären seien. Die Gewerkschaft spricht ihrerseits sogar von mehr als 500 Stellen, die in Koblenz wegfallen sollen.
"Einer marktbedingten Situation müssen wir uns stellen", beteuerte Ali Yener, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Koblenz. Allerdings: Wirtschaftlich getriebene, strategische Entscheidungen des Konzerns werde man nicht mittragen. "Die Schulden bei ZF sind da, ausgelöst durch Management-Entscheidungen in den Jahren 2015 bis 2020. Daran haben aber weder die Beschäftigten noch der Betriebsrat Anteil."
Ängste und Frust bei den Beschäftigten
Erdal Tatha, Betriebsratsvorsitzender bei ZF in Koblenz, spricht gegenüber dem SWR von "Schockstarre, Frustration und Protest der Kolleginnen und Kollegen", nach der Ankündigung des Unternehmens. Die Vertrauensbasis sei dahin. Denn: Eigentlich gibt es bestehende Verträge, die betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2026 ausschließen. ZF möchte mit dem Stellenabbau allerdings schon Anfang des kommenden Jahres beginnen.
Tatha befürchtet insgeheim, dass ZF die bisher am Standort Koblenz geleistete Entwicklungsarbeit strategisch in Niedriglohnländer wie China oder Indien auslagern möchte. "Wenn die Entwicklung nicht mehr vorhanden ist, wird auch die Produktion am Standort Koblenz leerlaufen", zeichnet er ein düsteres Bild. Am Standort Koblenz arbeiten nach Gewerkschaftsangaben 70 Prozent der Beschäftigten in der Entwicklung, der Rest verteile sich auf die Produktion.
Gewerkschaft: ZF-Vorstand muss sich stellen
Die IG Metall sieht den ZF-Vorstand jetzt am Zug, einen Schritt auf sie zuzukommen. "Der ZF-Vorstand muss sich jetzt stellen. Sollten gute Argumente aber nicht überzeugen, werden wir uns selbstverständlich mit den Beschäftigten und IG Metall-Mitgliedern beraten, welchen Weg wir einschlagen", sagt Ali Yener dem SWR. Dies könne rechtliche Schritte und in letzter Konsequenz auch Streiks zur Folge haben.
ZF: Koblenz bleibt wichtiger Teil des Konzerns
Trotz des geplanten Stellenabbaus stelle der Standort Koblenz mit perspektivisch rund 1.650 Beschäftigten auch langfristig einen wichtigen Baustein im Entwicklungs- und Produktionsnetzwerk von ZF in Deutschland dar, schreibt das Unternehmen in seiner Mitteilung. Und es werde damit weiter einer der wichtigsten Arbeitgeber der Stadt bleiben.
In der Produktion – in der es keine wesentlichen Personalanpassungen geben wird – soll der Schwerpunkt auf Bremsregelsystemen (IBC) liegen. Auch das Seriengeschäft im Bereich der Radbremssysteme bleibt in den kommenden Jahren in Koblenz, so ZF.
Der Standort im Kreis Ahrweiler und auch der Neubau des Werkes in Niederzissen seien "getrennt davon zu betrachten". Der geplante Stellenabbau betreffe ausschließlich den Standort in Koblenz.
Immer wieder Demo gegen Sparkurs auch in Koblenz
Die Gewerkschaft IG Metall protestiert schon seit einigen Monaten immer wieder gegen die Stellenabbau-Pläne bei dem Autozulieferer, und das auch in Koblenz. Der Konzern hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, bis zu 14.000 Stellen bundesweit streichen zu wollen. Am Standort Koblenz gibt es aber eine Betriebsvereinbarung, die bislang betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2026 ausschließt.
Krise in Autoindustrie: Auch Stabilus in Koblenz betroffen
Auch der Koblenzer Autozulieferer Stabilus will nach Unternehmensangaben weltweit rund 450 Stellen abbauen. Die Maßnahme ist Teil eines größeren Sparprogramms. Damit will Stabilus rund sechs Prozent seiner weltweit rund 8.200 Arbeitsplätze streichen. Ob auch am Standort Koblenz Stellen wegfallen, ist noch unklar. Zur Begründung für das Sparprogramm verwies Konzernchef Michael Büchsner auf die schwierige Lage in der Automobilzulieferbranche.