Am Tag nach der Wahl ist Sertac Bilgin vor allem als Seelsorger unterwegs. Für seine Wählerinnen und Wähler. Und für sich selbst. Schon den ganzen Tag über rufen ihn Menschen an, manche weinen, sagt er. "Manche haben aber auch noch nicht realisiert: Ich habe gewonnen, aber ziehe nicht nach Berlin in den Bundestag."
Hintergrund ist die Wahlrechtsreform: Ein Stimmensieg im Wahlkreis bedeutet nicht mehr wie bisher, dass die gewählte Person auch in den Bundestag einzieht. Das Ergebnis der Zweitstimmen muss die Erststimmen decken. Das heißt: Parteien müssen mit der Zweitstimme genug Sitze gewonnen haben, damit auch alle Direktmandate berücksichtigt werden können. Bei der CDU in Rheinland-Pfalz ist das bei drei Wahlkreisen nicht der Fall.
Bundestagswahl 2025 Drei CDU-Wahlkreisgewinner in RLP erhalten kein Direktmandat
In Rheinland-Pfalz gibt es 15 Wahlkreise, 14 davon gingen an die CDU. Doch drei der Kandidaten erhalten kein Direktmandat und ziehen somit nicht in den Bundestag ein.
Bundestagswahl: Sieger bei den Erststimmen wird nicht belohnt
Am Tag nach der Wahl steht Sertac Bilgin auf dem Berliner Platz in Ludwigshafen. Ein Elektrofahrzeug der Stadreinigung fährt vorbei, die Fenster gehen runter. "Ich hab dich gewählt!", ruft ein Mann raus, kurzer Daumen hoch, dann fährt er weiter. Keine Minute später läuft ein Mann an Bilgin vorbei: "Zurück in deine Heimat!" schreit er. Und geht weg.
Bilgin ist aufgewühlt. "Erklär das mal den Leuten, warum ich jetzt nicht nach Berlin ziehe", sagt er. "Die meisten verstehen das einfach nicht", sagt er.
Und so richtig verstehen kann er es selbst auch nicht: "Das Wahlrecht ist das wichtigste Gut, das wir in der Demokratie haben", sagt er. Man müsse da nachjustieren. "Das Parlament muss kleiner werden, aber nicht so", sagt er. "Im Endeffekt wird der Sieger nicht belohnt, das ist doch suspekt."
Bilgin will Ludwigshafens Probleme nach Berlin kommunizieren
Er bedauere es, dass er die vielen Probleme Ludwigshafens nun nicht direkt im Bundestag ansprechen kann: Die Infrastruktur, die Fördermittel, die nicht umgesetzt werden. Aber er will trotzdem die Politik beeinflussen, sagt er: "Der Wahlkreis ist meine Heimat. Ich bin der direkte Ansprechpartner für Probleme und Sorgen. Die werde ich nach Berlin kommunizieren."
Egal, Kopf hoch!
Während des Interviews laufen zwei junge Männer über den Berliner Platz, sie sehen Bilgin, kommen auf ihn zu. "Habibi, ich hab dich gewählt!", sagt einer von ihnen. "Ich komm aber nicht in den Bundestag", sagt Bilgin. "Was wieso nicht? Wegen der SPD?". "Ist das Wahlrecht, wir kommen nicht in den Bundestag. Egal, Kopf hoch! Hopp Großer". Bilgin umarmt den Wähler.
Zur Entspannung putzt Bilgin gerne seine Fenster, sagt er. Das sei für ihn wie Yoga. Entspannung kann er nun, nach dieser Wahl, gut gebrauchen. Am Montagmorgen hat er schon im ersten Stock geputzt. Später macht er im Erdgeschoss weiter, sagt er.