Immer wieder kommt es in den Sommermonaten zu Zwangsverheiratungen von jungen Frauen im Ausland. Familien reisen in ihre Herkunftsländer. Dort werden Mädchen, oft noch minderjährig, gegen ihren Willen verheiratet. Eine Rückkehr nach Deutschland bleibt vielen von ihnen verwehrt. Sie werden aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen.
Allein letztes Jahr hat die Frauenrechtsorganisation SOLWODI (Solidarity with Women in Distress) nach eigenen Angaben über 300 Betroffene in Deutschland wegen drohender Zwangsverheiratung beraten.
Zwangsheirat ist strafbar – doch passiert sie trotzdem
Zwangsheirat ist in Deutschland verboten und wird besonders dann strafrechtlich verfolgt, wenn Minderjährige betroffen sind. Trotzdem geschieht sie meist leise, verborgen und oft unbeachtet vom Umfeld der Mädchen. Das berichtet Miriam, eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation SOLWODI in Ludwigshafen. Sie stellt im Gespräch mit dem SWR fest: "Die Gründe für eine Zwangsverheiratung sind vielfältig." In einigen Ländern, wie etwa Georgien, entstünden solche Ehen oft aus gesellschaftlichem Druck, kulturelle Erwartungen und die Ehre der Familie spielen eine zentrale Rolle. In arabischsprachigen Ländern kämen häufig auch religiöse Motive hinzu.
Wenn der Hilferuf kommt
Betroffene Mädchen und Frauen melden sich in manchen Fällen selbst bei SOLWODI. Aber auch Schulsozialarbeiter- und arbeiterinnen, medizinisches Personal oder andere sozialen Einrichtungen schlagen Alarm, wenn sie etwas vermuten oder erfahren.
Kommt es zu einem konkreten Hilferuf, reagiere SOLWODI sofort: Die Betroffene wird aus dem potenziell gefährlichen Umfeld geholt und in eine eigens für sie angemietete Unterkunft gebracht. Diese Wohnungen werden auf die Namen der Mitarbeiterinnen gebucht, um jede Rückverfolgung zu vermeiden.
Zwangsheirat: Ortungsdienste am Handy abschalten
Die Frauen werden mit dem Nötigsten versorgt und bekommen auch eine Prepaid-Handykarte, erklärt die SOLWODI-Mitarbeiterin. Wichtig sei, dass sie ihre Ortungsdienste ausschalten und sich möglichst unauffällig verhalten. Das bedeutet: keine Fotos und keine Hinweise auf den Standort.
Unterstützung in eine neue Zukunft
Parallel beginnt die Organisation der weiteren Schritte: Wo kann die Frau langfristig unterkommen? In einem Frauenhaus, einer Jugendhilfeeinrichtung oder einem speziellen Schutzprojekt?
Auch bei bürokratischen Hürden lasse SOLWODI die Frauen nicht allein. Viele mussten bislang nie selbst Formulare ausfüllen oder ein Konto eröffnen, das haben ihre Familien für sie erledigt. SOLWODI begleitet sie zu Ämtern, hilft bei Anträgen, vermittelt psychologische Unterstützung.
In besonders gefährlichen Fällen ist auch die Aufnahme in ein Opferschutzprogramm möglich. Der Zugang ist allerdings je nach Bundesland unterschiedlich geregelt und mit Hürden verbunden.
Ein Fall, der besonders bewegt hat
Ein Fall ist Miriam besonders in Erinnerung geblieben: Eine junge Frau, die unter dem psychischen und physischen Druck ihrer Familie nach einer Zwangsheirat zusammenbrach, suchte Hilfe in einem Krankenhaus. Das medizinische Personal verständigte SOLWODI.
Gemeinsam gelang es, die Entlassung der Frau heimlich vorzuziehen, ohne dass die Familie davon erfuhr. Anschließend wurde sie zu einem sicheren Treffpunkt gebracht und in eine Schutzwohnung gebracht.
Nachdem die Frau in der Schutzwohnung unterkam, konnte die Organisation für die Frau einen Platz in einem "Notschlafheim" organisieren. In der Regel können die Frauen zehn Tage dort bleiben, ohne dass ihnen Fragen gestellt werden. Doch die zehn Tage reichten nicht aus, um alles Notwendige zu regeln. Glücklicherweise durfte sie länger bleiben.
Hilfe im Frauenhaus
Danach folgte ein Aufenthalt in einem Projekt in Süddeutschland. Doch das sehr strikte Kontaktverbot wurde von der jungen Frau gebrochen. Daraufhin musste sie die Einrichtung wieder verlassen. Schließlich fand SOLWODI einen Platz in einem Frauenhaus in der Pfalz.
Heute lebt die junge Frau in einem kleinen Appartement. Sie wird weiterhin von der Organisation begleitet, macht ihren Schulabschluss nach und träume davon, eine Ausbildung zu beginnen.
"Diese Geschichte hat mich sehr mitgenommen“" sagt Miriam von SOLWODI. Aber es zeigt: Wenn rechtzeitig eingegriffen wird, könnten Leben verändert und manchmal sogar gerettet werden.