Ein Tag der offenen Tür ausgerechnet dort, wo alle Türen immer und zu jeder Zeit geschlossen sein müssen: Das ist der "Recruiting Day", den die JVA Frankenthal nun veranstaltet hat, um junge Leute für den Beruf des Justizvollzugsbeamten zu begeistern. Oder wie Gefängnisdirektorin Gundi Bäßler es formuliert: "Wir brauchen Bewerber! Für Menschen mit Schlüssel. Die anderen werden uns ja schon von der Polizei gebracht!"
Hier in der JVA Frankenthal haben sie Humor, soviel ist sicher. Vermutlich braucht man den auch. Den rund 20 interessierten jungen Leuten, die am Nachmittag vor dem großen grünen Tor stehen, wird schnell klar: Justizvollzugsbeamte müssen viel mehr draufhaben, als Türen zu schließen und zu öffnen.
Tattoos und breite Schultern sind hilfreich
Kevin Bullock macht den Job schon seit zehn Jahren. Er ist groß, breitschultrig, hat tätowierte Arme und auch die Brust ist – soweit man es über der Uniform sehen kann – tätowiert. Man tritt ihm nicht zu nahe, wenn man sagt, dass er aussieht, wie man sich früher die Leute vorgestellt hat, die auf der anderen Seite der Gitter sitzen.
"So siehts aus, da gebe ich Ihnen Recht", lacht er. "Wir dürfen unsere Tätowierungen auch erst seit ein paar Jahren zeigen." Früher sei das nicht möglich gewesen. Er glaubt sogar, dass seine Tätowierungen in seinem Job eher ein Vorteil sind. Aber auch eine beeindruckende äußerliche Erscheinung schütze im Gefängnis nicht davor, dass es hin und wieder ungemütlich werden kann.
Vom Eierdieb bis zum Mörder
Denn Bullocks Kundschaft ist zuweilen schwierig im Umgang: "Vom Eierdieb bis zum Mörder, da ist alles dabei!“ Aber das blende man in dem Job schnell aus. "Ich könnte bei allen nachschauen, was sie gemacht haben. Aber das interessiert mich gar nicht: Es geht um die Resozialisierung. Ich will alle gleich behandeln."
Die Leute wegzuschließen ist nur ein Teil des Jobs, das betonen die erfahrenen Vollzugsbeamten an diesem Nachmittag immer wieder. Mindestens genauso wichtig sei es, die Menschen, die hier einsitzen, auf ein Leben in Freiheit ohne Straftaten vorzubereiten. "Die Aufgabe des Justizvollzugsbeamten ist es, Sicherheit zu gewährleisten, aber ihnen auch gleichzeitig auf Augenhöhe zu begegnen", sagt Gefängnisleiterin Bäßler.
JVA Frankenthal: Eingesperrt auf 8,3 Quadratmetern
Den Besuchern wird dann eine Zelle gezeigt. Der Mann, der hier lebt, wurde extra für ein paar Stunden woanders untergebracht. Im Hintergrund läuft ein Radio, und er hat sich erkennbar Mühe gegeben, die 8,3 Quadratmeter zu seinen vier Wänden zu machen: Überall hängen Fotos und Bilder von Familie und Freunden.
Für eine Gefängniszelle wirkt der Raum überraschend wohnlich und freundlich. "Ich kann auch gerne mal die Tür hinter Ihnen zu machen", kommentiert der Vollzugsbeamte Christian Kühn. "Mal gucken, ob Sie das nach fünf Minuten drinnen immer noch so sehen..."
Er grinst, aber es ist kein Scherz. Es ist ein Hinweis darauf, dass die Gefangenen, mit denen man es hier zu tun hat, sich in einer permanenten Ausnahmesituation befinden. 24 Stunden am Tag dürfen sie nicht entscheiden, was sie wann und wo mit wem tun. Da ist häufig Druck im Kessel, und ein Streit über etwas, das man von draußen betrachtet als Nichtigkeit sehen würde, kann drinnen komplett eskalieren.
"Natürlich werden wir auch beleidigt oder sogar angegriffen", sagt Christian Kühn. "Da muss man sich durchsetzen können und da muss man drauf vorbereitet sein - mental und körperlich." Er sei schon in so vielen Sprachen beleidigt worden, dass er dabei richtig was gelernt habe, sagt Kevin Bullock.
Viele kommen wieder, aber einige kommen durch
Es ist ein sehr ehrlicher Blick auf den Job, den die JVA Frankenthal an diesem Tag vermittelt. Auch der fast tödliche Angriff auf einen JVA-Mitarbeiter vor anderthalb Jahren wird nicht ausgespart. Aber die Beamten berichten eben auch davon, wie erfüllend es sein kann, wenn es dann mal gelingt, das Leben eines Menschen positiv zu beeinflussen. Was in ihrem Fall bedeutet, dass sie diesen Menschen nach seiner Entlassung nie wiedersehen.
"Zu Weihnachten kann es sein, dass ein Brief oder eine Karte kommt, wo uns jemand erzählt, dass er es geschafft hat, dass er sich ein neues Leben aufgebaut hat", erzählt Kevin Bullock. "Das ist dann für uns der Beweis, dass wir unseren Job gut gemacht haben."
Am Ende des Gefängnisbesuchs wird die Gruppe gefragt, ob sich jemand vorstellen könne, sich zu bewerben. Einige zeigen sofort auf, andere eher zögerlich. Am Ende sind alle Hände oben.