"Dein Kleid sieht toll aus! Das steht Dir sehr gut!" Manchmal sind das einfach nur nett gemeinte Komplimente. Aber immer wieder kommen solche Aussagen von männlichen Führungskräften und richten sich diskriminierend an Mitarbeiterinnen, die meist in der Hierarchie unter den Männern stehen.
In solchen Fällen spricht der Frauennotruf Mainz von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Anette Diehl arbeitet seit über 35 Jahren dort. Im Vergleich zu früher habe sie nicht unbedingt mehr Belästigungen wahrgenommen, aber "wir registrieren seit der "Me too"-Debatte ein vielfaches an Meldungen."
Frauennotruf will Aufmerksamkeit schaffen
Genau das ist es, was der Frauennotruf erreichen will. Die Betroffenen sollen wissen, an wen sie sich wenden können und auch, in welchen Fällen. "Vielen ist gar nicht klar, dass sie mit gewissen Aussagen diskriminiert werden", so Diehl.
Der Frauennotruf hat 2021 die Kampagne "It works!" gestartet. Mit ihr sollen Rechte von Betroffenen gestärkt, Netzwerke aufgebaut und Schulungen angeboten werden. Der Frauennotruf nimmt sich dabei die komplette Struktur von Unternehmen vor: Geschäftsführung, Abteilungsleiter, Auszubildende. "Wenn der Chef nicht sensibel für die Thematik ist, dann wird sich nicht viel ändern", sagt Anette Diehl.
Wir erhoffen uns, dass die Führungsebene den Schutz der Mitarbeitenden ernst nimmt.
"Der Fisch stinkt vom Kopf", bringt es Emma Leonhardt vom Frauennotruf auf den Punkt. Ein diskriminierungsfreies Klima könne nur gelingen, wenn es von oben angegangen werde und sich alle daran beteiligten: "Die Verantwortung liegt auch bei den Mitarbeitern." Die beste Dienstvereinbarung im Unternehmen nutze nichts, wenn sie nicht von allen akzeptiert und gelebt würde.
Auszubildende besonders gefährdet für sexuelle Belästigung
Leonhardt hat sich beim Frauennotruf auf die Auszubildenden fokussiert. Und die seien besonders schutzbedürftig. Sie sind oft jung und stehen in der Hierarchie meist ganz unten. Zudem hätten Azubis ein enges Abhängigkeitsverhältnis zum Arbeitgeber.
All das könne sexuelle Belästigung fördern - wenn die Unternehmen nicht gegensteuern. "It works!" soll aufklären, wann es sich um sexuelle Belästigung handelt, an wen man sich wenden kann und wie man geschützt werden kann.
Dass sich immer mehr Betroffene Hilfe holen oder gar Anzeige erstatten, empfindet Emma Leonhardt vom Frauennotruf Mainz als ein gutes Zeichen. Zwar gebe es immer noch sehr viele Menschen, deren Leid im Verborgenen bleibe, aber je mehr Menschen das Problem ernst nehmen und Meldung machen, umso "heller wird das Dunkelfeld."