"Ich sehe, dass die Leiterinnen und Leiter unserer Schulen verzweifelt sind", berichtet die Landrätin vom Kreis Bad Kreuznach, Bettina Dickes (CDU). "Wir haben viel mehr Kinder und Jugendliche, die Schwierigkeiten haben, sich in Gruppen aufzuhalten, die mit psychischen Problemen kämpfen."
Zusätzlich gebe es auch mehr junge Menschen, die die Sinnhaftigkeit nicht mehr darin sähen, regelmäßig in die Schule zu kommen. "Das sind zwei völlig unterschiedliche Gründe, aber beide greifen immer weiter um sich."
Höhere psychische Belastung seit Corona
Diese Entwicklung zeige sich vor allem seit der Corona-Pandemie, so Dickes: "Da haben die Schulen allgemein große Veränderungen im Sozialverhalten der Schülerinnen und Schüler festgestellt. Wie viele Menschen ertrage ich? Wie lange kann ich mich konzentrieren?"
Hinzu kämen Fälle, in denen es den Eltern zum Teil egal sei, ob ihr Kind zur Schule gehe. Und auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die depressiv seien oder Schulangst hätten, sei spürbar gestiegen. Das alles befördere die Schulverweigerung.
Der Begriff "Schulverweigerer" wird meist eher negativ verstanden – allerdings sind damit nicht nur Jugendliche gemeint, die einfach keine Lust auf Schule haben, sondern vor allem auch diejenigen, die eigentlich zur Schule gehen wollen, es aber aus vielfältigen Gründen nicht schaffen.
Schulabsentismus: Es geht um mehr als "Schule schwänzen" Ängste, Depressionen, Traumata - wenn Kinder es nicht zur Schule schaffen
Wenn Schülerinnen und Schüler regelmäßig dem Unterricht fernbleiben, dann spricht man von Schulabsentismus. Die Ursachen sind komplex und Hilfen gibt es zu wenige in RLP.
Fehlzeiten von Schülerinnen und Schülern nehmen zu
Auch Schulen in Mainz und Rheinhessen bestätigen, dass die Fehlzeiten von Schülerinnen und Schülern in den letzten Jahren zum Teil auffällig hoch seien. Laut einer Umfrage der Stadt Mainz, an der Schulen freiwillig teilnehmen konnten, hatten letztes Jahr schulübergreifend fast zwölf Prozent der Schülerinnen und Schüler auffällige Fehlzeiten. Etwas mehr als zwei Prozent fehlten sogar mehr als ein Drittel der Unterrichtszeit.
An einer Mainzer Schule, die nicht näher genannt werden möchte, gab es laut einem Sprecher vor kurzem noch eine zusätzliche Erhebung. Diese zeigte, dass zuletzt mehr als die Hälfte der Fünftklässler unentschuldigte Fehltage im Zeugnis stehen hatten.
Schulen versuchen Schulverweigerung gegenzusteuern
Auch der Kreis Alzey-Worms berichtet von steigenden Fallzahlen beim Schulabsentismus. An einer Schule im Kreis haben nach eigenen Angaben zuletzt vor allem Kinder und Jugendliche der 6. bis 8. Klassen besonders häufig unentschuldigt im Unterricht gefehlt.
Um dem noch mehr entgegenzuwirken, sei in diesem Schuljahr ein eigenes "Schulabsentismus-Team" an der Schule eingerichtet worden, bestehend aus Lehrkräften und Mitarbeitenden der Schulsozialarbeit. Außerdem würden Gespräche unter anderem mit dem Landkreis laufen, um gemeinsam weitere Maßnahmen zu erarbeiten. Im Kreis gibt es dazu ebenfalls eine eigene "Arbeitsgruppe Absentismus", die aus weiterführenden Schulen und Fachstellen besteht und von der Jugendberufsagentur plus koordiniert wird.
Anzeigen gegen schulverweigernde Jugendliche
In Einzelfällen, wenn die Schulpflicht seitens der Schulen kaum noch durchzusetzen ist, kommt es auch zu Anzeigen gegen Jugendliche oder ihre Erziehungsberechtigten. Eine Schule in Worms beispielsweise berichtet, dass sie immer wieder zu diesem Mittel greifen müsse, zum Beispiel im Fall einer Achtklässlerin. Sie sei in diesem laufenden Schuljahr bisher nur wenige Tage im Unterricht gewesen.
Das Problem sei aber, dass die notwendigen Konsequenzen fehlen würden, so eine Sprecherin der Schule, die ebenfalls nicht genannt werden möchte. Selbst Anzeigen und eventuell anschließende Bußgeldverfahren, die in der Regel sehr lange dauern würden, oder weitere Maßnahmen wie Sozialstunden oder Jugendarrest könnten oft nichts daran ändern, dass die Betroffenen der Schule fernbleiben. Das seien die Extremfälle.
Hilfsprojekte für Schulverweigerer
Für chronische Schulverweigerer gibt es Hilfsprojekte. Zum Beispiel das Projekt "Stellwerk" in Bad Kreuznach oder das "Schüler-Aktivierungs-Management" in Mainz, kurz SAM, von der Stiftung Juvente. Letzteres richtet sich an schulverweigernde Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren.
In Kleingruppen von maximal sechs Leuten werden sie unter der Woche täglich von pädagogischem Fachpersonal betreut und beschult – mit dem Ziel, sie irgendwann in eine normale Schule oder Weiterbildung zurückzuführen.
In ihrer gemeinsamen Zeit gehe es vor allem darum, den Selbstwert der Jugendlichen zu stärken, erklärt der Leiter des SAM-Projekts, Diplom-Pädagoge Ulrich Trescher. Denn der sei bei fast allen sehr gering. Daran würden sie arbeiten, zum Beispiel mit spielerischen Aktionen, gemeinsamem Kochen und kleineren Ausflügen.
Interview mit einem Kinder- und Jugendpsychiater Wenn Kinder nicht zur Schule wollen - Wie die Psychiatrie hilft
Dr. Frank Herrmann ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus Trier. Er und sein Team helfen Kindern, die nicht mehr zur Schule gehen wollen.
Mehr Depressionen und Angststörungen
Auch sie würden wahrnehmen, dass mittlerweile viele ihrer Schützlinge depressiv seien oder Angststörungen hätten, erzählt Ulrich Trescher: "Fast ausnahmslos alle, die zu SAM kommen, haben diagnostizierte psychische Schwierigkeiten oder brauchen sogar therapeutische Unterstützung." Umso wichtiger sei es, gemeinsam dagegen zu steuern und den betroffenen Kindern und Jugendlichen zu helfen.