Interview mit einem Kinder- und Jugendpsychiater

Wenn Kinder nicht zur Schule wollen - Wie die Psychiatrie hilft

Dr. Frank Herrmann ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus Trier. Er und sein Team helfen Kindern, die nicht mehr zur Schule gehen wollen.

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Von Autor/in Nicole Mertes

SWR Aktuell: Dr. Frank Herrmann, Sie sind Chefarzt der Kinder und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus in Trier und arbeiten schon seit vielen Jahren in dieser Abteilung. Wenn es um das Thema Schulverweigerung geht - welche Entwicklung beobachten Sie?

Dr. Frank Herrmann: Es ist auf jeden Fall deutlich mehr geworden. Wir haben manchmal Kinder hier, die sind ein Jahr lang nicht zur Schule gegangen. Die Spanne wird deutlich größer, wie lange diese Schulverweigerung schon vorhält. Früher wurde es schneller angegangen. Insgesamt ist diese Problematik deutlich mehr geworden.

Dr. Frank Herrmann, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Mutterhaus Trier
Dr. Frank Herrmann ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Mutterhaus Trier. Klinikum Mutterhaus Trier

SWR Aktuell: Bis Kinder zu Ihnen kommen, ist ja oft schon einiges passiert. Schulsozialarbeit und Schulpsychologen wurden eingeschaltet, dann das Jugendamt. Wie sehr sind diese Kinder und Jugendlichen schon belastet?

Dr. Frank Herrmann: Wenn schon eine längere Schulverweigerung vorliegt, sind wir häufig der letzte Ankerpunkt, die letzte Anlaufstelle. Unsere geschlossene Station ist dann die einzige Möglichkeit, wo die Kinder noch hinkommen können.

SWR Aktuell: Am Anfang steht ja die Diagnostik, Sie versuchen herauszufinden, was der Grund ist, wenn Kinder nicht mehr zur Schule gehen wollen. Welche Antworten geben Ihnen die Kinder und Jugendlichen?

Dr. Frank Herrmann: Ganz häufig sind es Ängste, es können auch depressive Störungen oder Traumata sein. Dann muss man versuchen, pädagogisch das zu durchbrechen, damit die Kinder wieder zur Schule gehen können. Wir haben hier eine Klinikschule, wo Kinder den ersten Schritt erlernen können, wieder zur Schule zu gehen. Manchmal anfangs nur eine Stunde, dann bis zu drei oder vier Stunden.

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SWR Aktuell: Wie läuft der Alltag auf der geschlossenen Station für die Kinder und Jugendlichen ab?

Dr. Frank Herrmann: Morgens um 7 Uhr ist Wecken, dann ist so eine halbe Stunde Zeit, sich frisch zu machen. Um 8 Uhr ist Frühstück. Ab halb 9 ist Schule. Das kann mal bis 11 oder bis 12 sein. Dann machen wir Mittagessen, es gibt eine Hausaufgabenzeit. Es gibt regelmäßig Ausgang. Während des Tagesablaufs haben die Therapeuten ihre Stunden mit den Kindern, also Einzel- oder Gruppentherapie. Wir haben soziale Kompetenz-Gruppen, Heilpädagogik, Ergotherapie, Sporttherapie. Das wird alles in den Tagesablauf eingeplant, für jedes Kind individuell. Wenn Eltern kommen, gibt es eine Elternzeit zusammen, dann können die Eltern mit den Kindern auch in den Ausgang gehen. Bei den meisten ist es so, dass sie Samstag auf Sonntag nach Hause gehen, wir nennen das Belastungserprobung, damit der Kontakt zur Familie weiter da ist.

Ein Klassenraum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Mutterhaus Trier
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Mutterhaus Trier gibt es auch eine Schule. Julia Weyer Klinikum Mutterhaus Trier

SWR Aktuell: Das ist eine sehr klare Struktur. Würden Sie das auch Eltern empfehlen, damit sie zuhause schnell reagieren, wenn Kinder oder Jugendliche damit anfangen, nicht mehr zur Schule gehen?

Dr. Frank Herrmann: Das empfehlen auch die Schulen gleich am Anfang. Struktur ist einfach das A und O. Wir haben tatsächlich auch ganz viele Kinder, die, nachdem sie eine zeitlang bei uns sind, nicht mehr von uns weg wollen. Es gibt eine feste Struktur, aber es ist vor allem immer ein Ansprechpartner da, hauptsächlich unser Pflege- und Erziehungsdienst. Das führt dann dazu, dass Kinder nicht mehr wegwollen. Dann müssen wir mit den Eltern und dem Jugendamt versuchen, Lösungen zu finden, um zu Hause eine ähnliche Struktur aufzubauen, damit ein Zurückkommen doch gut möglich ist.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus in Trier wird auch viel gemalt.
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus möchte eine Struktur geben. Es gibt eine Schule und auch viele Freizeitaktivitäten wie Malen. Julia Weyer Klinikum Mutterhaus Trier

SWR Aktuell: Was passiert denn auf Ihrer Station, wenn jemand morgens nicht aufsteht, um zur Schule auf der Station zu gehen? Das kommt doch sicher auch vor.

Dr. Frank Herrmann: Das kommt auf der geschlossenen Station relativ häufig vor. Wenn einer absolut verweigert, werden wir versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Dann muss man den Kindern und Jugendlichen sagen, du hast jetzt hier deine Regel missachtet, es kann sein, dass du die nächsten Stunden in deinem Zimmer bist, kannst heute Nachmittag nicht in den Ausgang gehen. Vorzüge, zum Beispiel eine Handyzeit, können nicht genutzt werden. Wir haben verschiedene Möglichkeiten, dass man dann vielleicht doch aufsteht.

Ein Blick in einen Fluf in der Kinder und Jugendpsychiatrie des Klinikums Mutterhaus Trier
Ein Flur in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Mutterhaus Trier. Julia Weyer Klinikum Mutterhaus Trier

SWR Aktuell: Wie viele Kinder und Jugendlichen schaffen nach einer Zeit in der geschlossenen Psychiatrie den Weg zurück in die Schule?

Dr. Frank Herrmann: Etwa 80 Prozent der Kinder, die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind und diese Problematik haben, gehen nochmal zur Schule. Man muss natürlich dann den Verlauf abwarten. Wenn sich zu Hause nichts geändert hat, werden die Schwierigkeiten sehr schnell wiederkommen. Wir versuchen in unserer Institutsambulanz, eine Nachbetreuung anzubieten. Insgesamt sind die Hilfen sehr gut, um wieder zurückzukommen in die Schule.

Der Blick aus dem Fenster der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Mutterhaus in Trier
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum Mutterhaus Trier. Hier sind auch Kinder- und Jugendliche, die wegen psychischer Probleme nicht mehr zur Schule gehen konnten. Julia Weyer Klinikum Mutterhaus Trier

SWR Aktuell: Was ist mit den Kindern und Jugendlichen, die es nicht schaffen?

Dr. Frank Herrmann: Dann müssen wir mit den Eltern und dem Jugendamt andere Hilfen besprechen, zum Beispiel, dass es vielleicht tatsächlich nicht eine Rückkehr nach Hause gibt, sondern in eine Jugendhilfe-Einrichtung, die genau wie wir die Schule direkt vor Ort haben.

SWR Aktuell: Früher war die Schulzeit auch nicht immer schön. Wenn Schulverweigerung heute immer häufiger vorkommt - sind Kinder nicht mehr so resilient?

Dr. Frank Hoffmann: Ich glaube, Kinder müssen heute deutlich mehr verkraften. Sie haben mit viel mehr Eindrücken und Ängsten klar zu kommen, als dies früher der Fall war. Viele Eltern haben auch mehr Ängste um ihre Kinder und können ihnen nicht mehr die Freiheiten geben, wie dies früher der Fall war. Insgesamt ist die Kindheit heute nicht mehr so unbeschwert wie früher.

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Autor/in
Nicole Mertes
Nicole Mertes ist Redakteurin im SWR Studio Trier.

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