In den Weinbergen und auf Obstfeldern sind fast alle auf Saisonarbeiter angewiesen. Denn alleine ist es auch für den größten Familienbetrieb meist nicht zu schaffen, alle Früchte gleichzeitig abzuernten, wenn der Zeitpunkt dafür optimal ist.
Michael Gottschalk führt mit seiner Frau den Obsthof in Ingelheim in der dritten Generation. Die Familie hat traditionell Saisonarbeiter, die sie beschäftigt und unterbringt. Zuletzt kamen Helfer aus Polen, seit drei Jahren arbeiten Rumänen auf dem Hof.
Mindestlohn und Sozialabgaben machen die Arbeit teuer
Für die Ernte von rund elf Hektar Äpfel und Birnen braucht der Hof sechs zusätzliche Arbeitskräfte für mindestens zwei Monate. Da diese im Jahr länger als 70 Tage in Deutschland beschäftigt sind, müssen für sie Sozialabgaben gezahlt werden.
Der Mindestlohn liegt in diesem Jahr bei 12,82 Euro pro Stunde. Zuzüglich der Kosten für die gesetzliche Kranken-, Pflege-, Renten-, und Arbeitslosenversicherung kommt Gottschalk brutto auf 15 Euro Stundenlohn, die er bezahlen muss.
Früher haben wir zwei Mark pro Kilo Äpfel bekommen bei Lohnkosten von fünf Mark pro Stunde, heute bekommen wir zwei bis drei Euro, zahlen aber 15 Euro.
Die Einnahmen hätten sich vielleicht verdreifacht, aber gleichzeitig seien die Ausgaben sechsmal so hoch wie früher, rechnet Gottschalk. Das funktioniere auf Dauer nicht.
Obstbauer in Mainz hat seinen Betrieb verkleinert
Dass Gottschalk mit seinen Sorgen kein Einzelfall ist, bestätigt nicht nur der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd, sondern auch Stephan Happel. Der "Appel-Happel" hat seine Äcker und Felder reduziert weil sie sich nicht mehr gerechnet hätten. Happel sagt, er disponiere jetzt nur noch zwei Erntehelfer statt fünf und hoffe, dass er sich dadurch noch eine Weile halten kann. Viele Kolleginnen und Kollegen in Rheinhessen mit Spargel- und Erdbeerfeldern hätten bereits ganz aufgegeben.
Ein Problem der Landwirte sei, dass sie mit ihren Ausgaben mehrere Monate in Vorleistung gingen: Neben Löhnen fallen zum Beispiel auch Lagerkosten und die Energiekosten für die Kühlung der Äpfel an. Wenn die Ware dann zum Teil erst im kommenden Jahr in den Handel kommt, weiß Happel nicht, wie viel Ausschuss er haben wird und welchen Preis er dann bekommen wird.
Einer der Erntehelfer auf dem Obsthof in Ingelheim ist der 24-jährige Csata Csanad Szilveszter. Er kommt seit seinem 18. Lebensjahr als Erntehelfer nach Deutschland und ist einer der ganz wenigen, die inzwischen ein paar Brocken deutsch sprechen. Er sagt, er brauche das Geld, das er hier verdient, um in seiner Heimat, Siebenbürgen in Rumänien zu leben und Geld für sein Auto zu haben. Zuhause arbeite er nicht, höchstens auf einer Baustelle.
Erntehelfer bekommen nur etwa neun Euro raus
"Szilveszter und den anderen bleiben netto nur neun, maximal zehn Euro", sagt Gottschalk. Es sei schwierig, ihnen die Abzüge zu erklären. Vor allem, dass sie in die Rentenkasse einzahlen müssen, obwohl sie höchstwahrscheinlich in Deutschland nie Anspruch auf Rente haben werden.
Dies und die Sprachbarrieren seien jedoch nicht das einzige, das ihn Zeit und Nerven koste. Die Menschen aus Rumänien seien in vielfacher Hinsicht andere Standards gewohnt als die aus Polen, die früher kamen, sagt er. Das führe oft zu Ärger, zum Beispiel in dem Mehrfamilienhaus, in dem er eine Wohnung für die Helfer angemietet habe. Mülltrennung sei den Rumänen schwer zu vermitteln. Und einige seien in ihrer Heimat nicht gewohnt, eine Toilette zu benutzen.
Ich weiß im Moment nicht, wie es weitergeht.
Finanziell könne er den Maschinenpark und die Erntehelfer im Moment nur bezahlen, weil er Kredite aufgenommen habe. Sein Vater habe früher noch Geld zurücklegen können, sagt Gottschalk. Davon habe man dann einen neuen Traktor kaufen können oder etwas anderes. Diese Zeiten seien vorbei.
Wenn er jetzt seinen Betrieb und den Hofladen aufgeben würde, sei das aber auch keine Lösung. Denn er müsse ja die Kredite zurückbezahlen. Also mache er weiter. Und wenn der Mindestlohn im kommenden Jahr weiter steigt? "Wir würden gerne mehr zahlen wenn wir es hätten, aber das haben wir halt nicht", sagt der Gottschalk.