Das Leben von Mareike Luisa Groß aus dem Donnersbergkreis hat sich im vergangenen Jahr komplett verändert. In ihrer Beziehung war die 26-Jährige eineinhalb Jahre von häuslicher Gewalt betroffen. Vergangenen Juli gelang ihr die Flucht. Auf dem Weg zurück ins Leben half ihr unter anderem die Opferberatungsstelle WEISSER RING. Nun lässt sie sich selbst zur Opferhelferin ausbilden, um andere in ähnlichen Lagen zu unterstützen.
SWR Aktuell: Fangen wir mit der Flucht aus Ihrer Beziehung an. Wie lief das ab?
Mareike Luisa Groß: An einem Abend Ende Juni kam es zum Eklat. Da trat mir mein Ex-Partner an den Kopf und brach mir letztendlich die Nase. Ich hatte Todesängste und habe es mit Ach und Krach zwei Wochen später geschafft, zu fliehen. Wir waren unterwegs und ich habe ihn dort quasi sitzen lassen. Ich bin unter dem Vorwand, einkaufen zu gehen, nach Hause gefahren, habe meine Katzen eingepackt, bin in eine Fluchtunterkunft abgehauen und habe die Polizei verständigt.
SWR Aktuell: Sie sind dann auf die Opferhilfe des WEISSEN RINGS aufmerksam gemacht worden und haben sich zu einem Erstgespräch verabredet. Wie war es für Sie, zum ersten Mal auf die Opferhelfer zu treffen?
Groß: Das Schöne am WEISSEN RING ist: Das war der erste Kontakt zu Außenstehenden, die nicht verurteilt haben. Es gab keine Schuldfrage. Es ging nicht darum, warum ich nicht früher gegangen bin oder warum ich das habe mit mir machen lassen. Man wird komplett wertfrei unterstützt. Und man wird gesehen. Das ist mit der Punkt, der in so einem Moment am wertvollsten ist, wenn man sich absolut verloren und haltlos fühlt.
SWR Aktuell: Das heißt aber, Sie haben von anderen davor diese Schuldfrage durchaus gestellt bekommen?
Groß: Ja, dieses typische: ,Du bist doch selbst schuld, wenn du das mit dir machen lässt! Wer weiß, was du gemacht hast, dass er so weit geht.' Und das ist in so einer Situation das Schlimmste, was man machen kann.
Ich hatte tatsächlich auch früher schon bei der Polizei angerufen und gefragt, ob man mich aus dieser gewalttätigen Beziehung holen kann. Es hieß aber immer, es muss erst etwas Handfestes passieren. Deswegen war dann auch an dem Abend der Flucht mein Wortlaut gegenüber der Polizei: ,Guten Abend, Groß mein Name. Ich habe schon ein paar Mal bei Ihnen angerufen. Es hieß jedoch immer, dass erst etwas Handfestes passiert sein muss. Meine Nase ist gebrochen. Kommt ihr dann jetzt?'
Man hat keine Schuld. Man hat sich nur auf einen toxischen Menschen eingelassen.
SWR Aktuell: Lassen Sie sich heute auch noch einreden, dass Sie teilweise Schuld hatten?
Groß: Nein. Ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl konkret in Worte fassen soll, als mir klar wurde, dass kein Mensch das verdient hat, was mir passiert ist. Die Schuld liegt beim Täter. Wie oft habe ich zu dem Mann gesagt: ,Geh doch einfach. Es passt nicht, dann geh doch einfach.' Das ist im Narzissmus ein großes Thema. Es geht um Macht und Kontrolle.
Er hat immer zugeschlagen, wenn er keine Argumente mehr hatte. Das ist dieses toxische Muster, das man einfach durchblicken muss. Man hat keine Schuld. Man hat sich nur auf einen toxischen Menschen eingelassen. Man bekommt eingeredet, man wäre selbst das Problem. Ab einem gewissen Punkt redet man sich das vielleicht auch selbst ein. Das ist Folge der Manipulation.
SWR Aktuell: Der WEISSE RING hat Ihnen auch dabei geholfen, die Erlebnisse zu verarbeiten. Was haben die Helfer darüber hinaus noch getan?
Groß: Ich hatte keinen Job. Ich durfte irgendwann nicht mehr arbeiten gehen, weil mein Ex-Freund mich da nicht hätte kontrollieren können. Ich hatte nur Bürgergeld und das ist größtenteils für Alkohol für ihn draufgegangen. Ich habe deshalb um die 200 Euro vom WEISSEN RING bekommen, um mir was zu essen und trinken kaufen zu können.
Ich habe auch einen Scheck für eine anwaltliche Erstberatung bekommen. Es wäre mir wichtig, anzumerken, dass ein kompetenter Anwalt die halbe Miete ist. Da gibt es viele schwarze Schafe. Ich habe zweimal den Anwalt gewechselt, bis ich gut beraten wurde. Auch von solchen Stellen wird man unter Umständen mehr verurteilt als unterstützt.
Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass man sich nicht wundern muss, dass sich so viele nicht trauen, sich Hilfe zu suchen. Denn wenn man bei den ersten Instanzen, mit denen man in Kontakt tritt, schon verurteilt oder bewertet wird, dann schwindet auch da wieder ein Stück Selbstbewusstsein.
Ich bin der Polizistin, die mich einen Tag nach der Flucht zur Aussage gebeten hat, unheimlich dankbar, weil sie die Erste war, die mir auf den Kopf zugesagt hat: ,Du bist Opfer häuslicher Gewalt. Das ist nicht normal, was der Mann mit dir gemacht hat.' Es ist sehr traurig, dass Täter in Schutz genommen werden und Opfer hinten runterfallen in der Maschinerie.
SWR Aktuell: Nach Ihrer Flucht mussten Sie komplett neu anfangen. Wie haben Sie das geschafft?
Groß: Ich habe innerhalb von vier Wochen ein komplett neues Leben angefangen. Ich habe mir eine neue Wohnung und einen Job gesucht. Ich bin Pflegehilfskraft. Ich bin arbeiten gegangen und dachte: ,Wie schön, ich habe mein Leben wieder.' Dann kam die Hütte geflogen, weil ich innerhalb von vier Monaten kurz vorm Burn-out stand. Weil ich das Trauma nicht verarbeitet habe, weil ich diese Selbstfürsorge nach hinten geschoben habe.
Ich war zwölf Tage am Stück arbeiten, einen Tag zu Hause und dann wieder zwölf Tage und das ist grundverkehrt. Natürlich soll man sein Leben weiterführen, aber das Allerwichtigste ist, so weh das tut und so schwer das ist, sich mit dem, was passiert ist, auseinanderzusetzen. Also habe ich Anfang dieses Jahres angefangen, darüber zu schreiben, was passiert ist. Dadurch ist ein Buch entstanden.
SWR Aktuell: Das Schreiben war Ihre Therapie?
Groß: Ja, einen Therapieplatz zu bekommen, ist leider sehr schwierig. Der WEISSE RING hat die Möglichkeit, einen Beratungsscheck für eine therapeutische Erstberatung auszustellen. Allerdings herrscht bei den Therapeuten Zeitmangel. Mittlerweile bin ich in Behandlung, aber gerade der Prozess des Schreibens war für mich die Möglichkeit, das Geschehene aufzuarbeiten und auch mal zuzulassen, weil Verdrängen alles nur noch schlimmer macht.
SWR Aktuell: Aber das heißt auch, wenn man nicht so ein Ventil findet wie Sie, ist man eventuell erst mal ganz schön auf sich allein gestellt.
Groß: Das kann lebensgefährlich sein. Umso wichtiger ist es, dass man in irgendeiner Form Rückhalt hat. Wenn der Freundeskreis fehlt, weil dieser durch eine solche Beziehung oft kleiner wird, oder wenn kein Kontakt zur Familie besteht, da man in solchen Situationen häufig isoliert wird, sollte man sich unbedingt Unterstützung von außen holen.
Und das ist das, was ich am WEISSEN RING so toll finde und warum ich mich dafür entschieden habe, selbst zu helfen. Ich war an dem Punkt, an dem ich mich so sehr nach einer helfenden Hand sehnte. Da habe ich mir gedacht: ,Nun will ich diese helfende Hand für andere sein.' Mittlerweile würde ich behaupten, dass ich die Person geworden bin, die ich schon viel früher in meinem Leben selbst gebraucht hätte.
SWR Aktuell: Das hört sich so an, als seien Sie an einem guten Punkt in ihrem Leben angekommen.
Groß: Ja. Es war ein harter Weg und ging mit sehr vielen Zweifeln einher. Aber heute stehe ich hier und kann vollster Überzeugung sagen: ,Leute, ich bin eigentlich total cool. Und wer mit mir nicht klarkommt, dem ist nicht zu helfen.' Es gibt den Spruch: ,Man kann nicht lieben, wenn man sich selbst nicht liebt.' Dem würde ich widersprechen. Man kann lieben, wenn man sich selbst nicht liebt. Das Gefährliche an der Sache ist aber, dass man sein Gegenüber dann mehr liebt als sich selbst. Und das ist der Punkt, an dem es gefährlich wird. Das Leben kann so schön sein, wenn man sich nicht mit toxischen Menschen umgibt.
SWR Aktuell: Es klingt so, als seien sie prädestiniert dafür, selbst Opferhelferin zu sein. Sie machen ja gerade die Ausbildung dazu beim WEISSEN RING.
Groß: Tatsächlich begegnet mir von außen teilweise auch Kritik: Ist es wirklich tragbar, wenn man Opfer auf Opfer loslässt? Aber im Landesbüro weiß jeder Bescheid, das ist offiziell abgeklärt. Man muss natürlich psychisch in der Lage sein.
Mein erster Opferfall, bei dem ich hospitiert habe, war ein Mordfall. Das ist schon heftig. Ich wurde nicht umgebracht, aber diese Gefühle von Todesangst kenne ich. Ich bringe ein ganz anderes Verständnis für die Betroffenen mit als jemand, der noch nicht mit Gewalt in Kontakt gekommen ist. Ich versuche, mich an meinen Erfahrungen zu orientieren: Wie ging es mir in der Situation? Was hätte ich gebraucht? Ich versuche, die Helferin zu sein, die ich damals gebraucht hätte, bevor ich Kontakt zum WEISSEN RING bekommen habe.
SWR Aktuell: Sprechen Sie mit den Betroffenen über Ihre eigenen Erfahrungen?
Groß: Wenn ich zu einem Opfer gehe, steht das Opfer mit seiner Geschichte im Vordergrund. Von selbst erzähle ich nichts. Das gehört da einfach nicht hin.
SWR Aktuell: Sie sind aktuell noch in der Ausbildung zur Opferhelferin. Wie läuft die ab?
Groß: Wenn man Opferhelfer werden möchte, muss man mindestens drei Hospitationen mitgemacht haben. Das heißt, man geht mit einem ausgebildeten Opferhelfer mit zu Opferfällen und guckt sich das erstmal an. Die Theorie ist ja immer ein bisschen anders als die Praxis. Dann kommen Einführungs- und Grundseminar. Das ist hybrid online und in Präsenz. Nach diesem Seminar mit erfolgtem Abschluss der Tests wird man zur ehrenamtlichen Opferhelferin ernannt.
SWR Aktuell: Man muss betonen, das ist ein Ehrenamt. Aber das ist keine Wischiwaschi-Geschichte. Da steckt viel Arbeit drin.
Groß: Das finde ich aber positiv. Wenn man wirklich Interesse hat, nimmt man das auf sich und entscheidet sich bewusst dafür, um anderen helfen zu können. Außerdem muss ich für den Lehrgang nichts zahlen und der ist auch für mich selbst eine super Möglichkeit der Weiterbildung.
SWR Aktuell: Sie waren nun schon bei einigen Gesprächen mit Betroffenen. Was sind die Herausforderungen, was die schönen Momente?
Groß: Herausfordernd ist der Weitblick. Zu sehen, was hinter einer Geschichte steckt, welche Anforderungen damit einhergehen. Das Schönste ist, wenn jemand sagt: Danke, dass ihr mir zuhört und danke, dass ich verstanden werde. Das ist für mich immer so ergreifend.
Es passiert so viel Schlechtes, dass es mir ein persönliches Anliegen ist, was Gutes in die Welt zu geben. Das war auch mit ein Grund, meine Geschichte zu veröffentlichen. Um ein Gefühl von Verstandenwerden zu vermitteln und Mut zu machen, dass das Leben lebenswert sein kann, wenn man sein Lebensziel verfolgt und sich um sich kümmert. Selbstfürsorge wird von der Gesellschaft immer noch als Egoismus abgetan. Da müsste ein Umdenken stattfinden.
Je weniger wir angerufen werden, desto besser ist es.
SWR Aktuell: Können Sie sich aussuchen, welche Menschen Sie betreuen?
Groß: Grundsätzlich bin ich für den Donnersbergkreis zuständig. Aber es gab tatsächlich Opferfälle, die ich abgelehnt habe. Zum Beispiel Kindesmissbrauch. Ich sehe aufgrund einer möglichen Retraumatisierung momentan von diesen Fällen ab. Das habe ich offen kommuniziert. Aber ich war schon bei Angehörigen von Tötungsdelikten. Und auch bei Fällen von Körperverletzung, häuslicher Gewalt, Einbruch, Vergewaltigung. Die Schicksale sind universell und weitreichend.
SWR Aktuell: Wie oft wenden sich denn in Ihrem Bereich Menschen an den WEISSEN RING?
Groß: Je weniger wir angerufen werden, desto besser ist es. Desto weniger Leid ist passiert. Es gibt Wochen, Monate, da kriegen wir keinen Fall. Es gibt Wochen, da bekommen wir jeden zweiten Tag einen neuen Opferfall.
SWR Aktuell: Ich möchte zum Abschluss gerne den Blick in Richtung Zukunft lenken. Wie soll die bei Ihnen aussehen?
Groß: Ich würde gerne die Ausbildung zur Außenstellenleiterin beim WEISSEN RING machen. Woran ich auch sehr viel Spaß habe, ist die Öffentlichkeits- und Präventionsarbeit. Ich betreue unheimlich gern Infostände. Es ist eine Information an die Welt: ,Hallo, wir existieren, du kannst dir Hilfe holen.' Man fühlt sich als Betroffene oft so verloren, weil man die Hilfe nicht sieht. Ich wusste auch nichts vom Weißen Ring. Mir ist es ein Herzensanliegen, das in die Welt zu bringen.
Das spannt den Bogen zu mir persönlich. Ich habe mich freiberuflich als Autorin und Speakerin selbstständig gemacht. Es ist wichtig, dass Hilfe geleistet wird. Noch wichtiger ist es, Prävention zu betreiben. Und im besten Fall manches verhindern zu können.