Prüfungen im KI-Zeitalter

Interview zu KI und Bildung: "Hausarbeiten als Prüfungsnachweis sind eigentlich tot"

Künstliche Intelligenz fordert auch Universitäten heraus. Henrik te Heesen, Vizepräsident der Hochschule Trier, erklärt im SWR-Interview welche Chancen und Probleme er sieht.

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Von Autor/in Ludger Peters

Henrik te Heesen lehrt an der Hochschule Trier im Fachbereich Umweltplanung und Umwelttechnik. Er sieht viele Chancen für Studierende und Lehrende durch Künstliche Intelligenz. Te Heesen glaubt aber auch, dass Prüfungen an Unis, wie sie bisher durchgeführt werden, in KI-Zeiten der Vergangenheit angehören. Und er warnt vor einer "KI-Zweiklassengesellschaft" unter Studierenden.

SWR Aktuell: Welche Rolle spielt KI in Schulen, Universitäten und Hochschulen für Studierende und Lehrende?

Henrik te Heesen: Für die Studierenden ist es ein wunderbares Tool zur Lernunterstützung. Auch für Schülerinnen und Schüler kann KI sinnvoll sein. Die KI kann dem Einzelnen ganz individuell helfen. Wenn ich was nicht verstanden habe, wenn ich Zusammenhänge erklärt bekommen möchte, kriege ich es auf mich abgestimmt erklärt.

Studierende können sich mit KI Musterklausuren anfertigen lassen.

Ich kann mir Übungsaufgaben für meinen Wissensstand generieren lassen. Das sind Dinge, die wir den Universitäten sonst mit großem Aufwand betreiben. Wir bieten Tutorien an - extra Veranstaltungen um Studierende zu unterstützen. Studierende können sich auch Musterklausuren machen lassen. Früher, da ist man dann in die Fachschaften gegangen, hat sich alte Klausuren der letzten Jahre, der letzten Semester besorgt. Das macht heutzutage die KI.

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SWR Aktuell: Und was bringt die KI Ihnen als Professor in der Lehre?

te Heesen: Wenn ich neue Ideen zu einer Vorlesung entwickeln will, die ich so schon häufiger gehalten habe, können mir KI-Anwendungen innerhalb kürzester Zeit mehrere neue Vorschläge machen. Das spart Zeit. Das darf man nicht unterschätzen. Ist ja keine Faulheit. Man ist ja interessiert und kriegt da relativ fix auch Ansätze, die man dann für sich prüfen kann. Man nimmt sie oder lässt sie. Das ist alles nicht perfekt, man muss auf jeden Fall nacharbeiten.

Ich sage mal, so 80 Prozent hilft die KI dann und die letzten 20 Prozent muss man dann noch selber machen. Man muss der KI schon sehr genau sagen, was man will. Aber wenn man das macht und weiß, wie man sie steuert, wie man sie in die richtige Richtung bewegt, dann gibt es gute Ergebnisse. Genauso kann ich mir die Klausur aus dem Vorjahr schnell mit Hilfe der KI ändern und habe eine neue.

SWR Aktuell: Leistungsstarke KI für das Studium gibt es nicht für umsonst. Da sind Monatsabos fällig. Wer mithalten will muss zahlen.

te Heesen: Genau, und das ist ein Problem. Was kann ich mir als Student leisten? Sind über 20 Euro pro Monat für KI drin im Bafög? Wir wollen keine Zweiklassengesellschaft, sondern gleiche Voraussetzungen. Es gibt mittlerweile eine Lösung des Virtuellen Campus Rheinland-Pfalz. Eine Plattform auf der Studierende KI-Anwendungen umsonst nutzen können.

Europäische KI-Lösungen sind meist nicht auf dem Stand der Technik

Da wird auch auf Datenschutz geachtet. Bei den US-amerikanischen Marktführern haben wir da ein Problem. Europäische KI-Lösungen sind in dem Punkt besser und bieten auch kostenfreie Versionen an. Diese KI-Lösungen sind aber meist nicht auf dem Stand der Technik, nicht so gut trainiert. Die kostenfreien haben auch nicht die Datenfülle. Klar, irgendwo muss man natürlich auch diese ganze teure Entwicklung bezahlen, die dahintersteckt, um diese KI-Tools zu entwickeln. Und da fehlt noch die Möglichkeit, dass wir allen den Zugriff geben können auf die besten Tools, die auch die besten Qualitäten und die besten Ergebnisse liefern.

SWR Aktuell: KI-Programme werden auch beim Schreiben von Hausarbeiten genutzt, die zu Hause während des Semesters angefertigt werden. Wie können Sie überprüfen, ob da mehr als Überschrift oder Gliederung und Aufbau von der KI übernommen wurde?

te Heesen: Streng genommen geht es nicht mehr. Die KI kann so gute Texte schreiben, mit Quellenangaben und Zitaten, dass man das als Lehrender nicht mehr unterscheiden kann von einem selbst geschriebenen Text. Es gibt zwar Tools, die das erkennen. Man kennt das aus der Plagiatssuche von Doktorarbeiten. Die KI-Texte sind aber keine Plagiate, weil es nicht abgeschrieben ist, sondern es sind neu verfasste Texte. Da können Textbausteine oder einzelne Bruchstücke aus anderen Texten zu finden sein, aber meistens wird es neu geschrieben.

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So eine Plagiatssoftware kann auch nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 30, 50 oder 80 Prozent sagen, dass der Text von woanders stammt. Wenn es zum Streitfall kommt, wird jeder Richter fragen, was mit den anderen 20 Prozent ist. Und dann im Zweifel für den Betroffenen entscheiden.

SWR Aktuell: Also keine Hausarbeiten als Leistungsnachweis mehr?

te Heesen: Diese Prüfungsform ist eigentlich tot. Und diese Art der Prüfungsleistung ist vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich ganz üblich an den Universitäten, dass man dann so eine 20-seitige Hausarbeit schreibt in den Semesterferien. Heute kann man so eine Arbeit, wenn man fit ist im Umgang mit KI-Tools, an einem Tag schreiben. Und das ist dann ein Text, da gehe ich mit einer guten zwei raus. Dafür hat man früher wochenlang in der Bibliothek recherchiert und Quellen gesucht. Das muss man anders gestalten.

SWR Aktuell: An was denken sie da? Das ist das große Problem. Es gibt eben noch keine Lösung, so etwas rechtssicher aufzudecken. Wir müssen unsere Prüfungen im KI-Zeitalter neu überdenken. Vielleicht erstmal hin zu Klausuren, das ist so die langweiligste, aber auch einfachste und fairste Prüfungsform.

Und wir werden wohl mehr mündliche Prüfungen machen, dass wir die Studierenden dann bitten, die Dinge zu präsentieren. Aber es gibt da keinen Königsweg. Auch nicht bei den US-amerikanischen Elite-Unis. Die sind natürlich noch mal zwei Schritte weiter gedanklich, weil die auch ganz andere Zugriffe und finanzielle Möglichkeiten haben, aber auch die haben noch keine Lösung.

SWR Aktuell: KI wird aus unserem Alltag nicht mehr verschwinden. Wie wollen Sie Schüler und Studierende künftig dabei begleiten?

te Heesen: Wir sollten den Schülerinnen und Schülern und Studierenden beibringen, was diese KI-Werkzeuge können und was sie nicht können. Wo die Grenzen sind, was man damit machen sollte, und auch eine Perspektive geben. Denn im Berufsleben hört es ja nicht auf mit der KI-Entwicklung. Ganz im Gegenteil. Ich bin auch eher einer, der sich auf neue Technologien freut und sie mag. Ich bin jetzt nicht so skeptisch eingestellt.

Wir können KI weder verbieten, noch wird sie verschwinden.

Wir dürfen nicht vergessen: Diese Werkzeuge sind jetzt auf der Welt und werden sich sehr schnell weiterentwickeln. Das heißt also, wir können KI weder verbieten, noch wird sie verschwinden. Ganz im Gegenteil. Und wir müssen einfach lernen, damit umzugehen, die Risiken verstehen, die immer dahinterstecken, sie einordnen und vielleicht auch einbremsen.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Ludger Peters
Foto von Ludger Peters, Multimedia-Redakteur SWR Aktuell Rheinland-Pfalz

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