Die Akten zum Fall Simone Dewenter füllen einen ganzen Schrank im Büro von Kriminalhauptkommissar Mario Lahn. Manche der Ordner sind beschriftet mit "Soko Azert". Denn am Parkplatz "Azert" bei Schweich wurde die Leiche der Kölner Prostituierten am Neujahrstag 2003 gefunden.
Mario Lahn war damals noch nicht bei der Polizei. In den vergangenen Jahren hat sich der Leiter der Trierer Mordkommission aber intensiv mit dem noch immer rätselhaften Tod der jungen Frau befasst.
"Jeder neue Sachbearbeiter sieht so ein Verfahren ja mit neuen Augen", sagt er: "Oft fallen kleinere Details auf, die vorher nicht ins Auge gestochen sind." Im Fall Dewenter allerdings führten bislang alle Spuren in eine Sackgasse.
Trotzdem treibt der Fall die Trierer Mordermittler noch um, sagt Lahn: "Ein Leben wurde genommen und wir wissen, dass seit mehr 20 Jahren ein Täter unterwegs ist, der nicht gefasst wurde." Die Motivation, den Tod der Frau aufzuklären, sei daher ungebrochen: "Das ist eine Verantwortung, die wir gegenüber dem Opfer haben, aber auch gegenüber den Angehörigen."
Nach Aktenzeichen XY gibt es immer viele Hinweise
Deshalb haben sich Mario Lahn und der Trierer Oberstaatsanwalt Eric Samel dazu entschieden, den Fall bei der Sonderausgabe "Aktenzeichen XY Cold Cases" im ZDF zu präsentieren. "Nach solchen Sendungen bekommen wir immer viele Hinweise", sagt Mario Lahn, der schon einmal zu Gast bei "Aktenzeichen" war: "Die Frage ist dann nur, ob sie einen weiterbringen." Doch was bleibt den Ermittlern anderes übrig? "Es gibt seit Jahren keine neuen Erkenntnisse", sagt Lahn, nur die immer gleichen Puzzleteile, die kein klares Bild ergeben wollen.
Polizei sucht Fahrer eines weißen Kastenwagens
Zuletzt gesehen wurde die Prostituierte am 29. Dezember 2002 gegen 21:20 Uhr am Straßenstrich in Bonn. Dort hatten Zeugen beobachtet, wie die Frau "in einen weißen Kastenwagen" gestiegen ist.
Ob es ein kleiner Lkw oder ein Lieferwagen war - dazu gehen die Aussagen auseinander. Danach jedenfalls verliert sich die Spur der jungen Frau. War es also der letzte Freier, der sie getötet hat? "Entweder war er es", sagt Mario Lahn: "Oder der Freier ist ein wichtiger Zeuge, der uns erzählen kann, was in jener Nacht passiert ist."
Denn wie ihre Leiche auf den Parkplatz zwischen Schweich und Hetzerath gelangte - gut zwei Stunden von Bonn entfernt - ist noch immer ein Rätsel. Eine Verbindung der Prostituierten in die Region Trier konnte die Polizei nie finden.
Insgesamt 34 Hinweise nach ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY"
Nach der Sendung "Aktenzeichen XY" am Mittwoch sind inzwischen insgesamt 34 Hinweise bei der Trierer Kriminalpolizei eingegangen. Nach Angaben einer Polizeisprecherin werden diese Hinweise nun sorgfältig geprüft, bewertet und bearbeitet. Das könne einige Zeit dauern.
Aus ermittlungstaktischen Gründen könne die Polizei nicht mehr zu den Hinweisen sagen. Laut dem ZDF bezogen sich diese auf ein weißes Fahrzeug, das der Täter möglicherweise gefahren hatte.
Simone Dewenter wurde vermutlich in Schweich getötet
Wurde sie vielleicht nur zufällig auf dem Parkplatz an der Landstraße abgelegt? Möglich, denn er liegt nahe an einer Autobahnauffahrt. Tausende Autos rasen dort täglich vorbei, aber keiner hält mehr an. Denn mittlerweile ist der Platz gesperrt und zu einer Halde für Bauschutt geworden. Dornengestrüpp wächst rund um einen Bachlauf, an dem die Tote gefunden wurde - nur in BH, T-Shirt und Socken.
Und ganz in der Nähe ist sie vermutlich auch gestorben, wie Mario Lahn sagt. Es gebe Hinweise darauf, dass Simone Dewenter erst auf dem Parkplatz getötet wurde. Wie genau die Kölnerin ermordet wurde, verrät der Leiter der Mordkommission aber nicht. Das sei "Täterwissen".
In der Sendung am Mittwochabend fragte Mario Lahn noch einmal nach dem weißen Lieferwagen und forderte mögliche Mitwisser auf, sich zu melden. "Vielleicht will jemand nach so langer Zeit sein Gewissen erleichtern", meint der Kriminalhauptkommissar: "So ein Ereignis ist ja emotional sehr belastend."
Fall Lolita Brieger konnte durch Aktenzeichen aufgeklärt werden
Es klingt unwahrscheinlich nach all dieser Zeit. Aber manchmal passiert das eben doch: So wie im Fall Lolita Brieger, der vor Jahren ebenfalls Schlagzeilen gemacht hat. Auch die Leiche dieser seit 1982 vermissten jungen Frau hatten die Trierer Beamten erst rund 30 Jahre später auf einer Mülldeponie in der Eifel gefunden, nachdem "Aktenzeichen XY" über ihr Verschwinden berichtet hatte.
Damals hatte sich eine Zuschauerin gemeldet und auf einen Mitwisser hingewiesen, der seinerzeit geholfen hatte, die Tote zu entsorgen. Der gestand schließlich und lieferte den entscheidenden Hinweis auf den Täter: den Ex-Freund der schwangeren 18-Jährigen. Weil der Totschlag verjährt war, wurde der Angeklagte freigesprochen. Aber immerhin: Der Fall wurde aufgeklärt.
Und vielleicht bekommen die Angehörigen von Simone Dewenter nach der Sendung auch endlich Gewissheit, was mit der jungen Frau passiert ist. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt Mario Lahn. Der Leiter der Mordkommission könnte dann endlich seinen vollen Aktenschrank freiräumen.