Der Anteil an Menschen in Deutschland, die sich über die Folgen der Erderwärmung sorgen, ist laut Umweltbundesamt in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Während es 2019 noch mehr als jeder zweite Deutsche war, ist es nach aktuellen Auswertungen nur noch jeder dritte.
Experte: Menschen sind "klimamüde"
Obwohl laut Forschenden die Dringlichkeit immer weiter zunimmt, der Klimakrise entgegenzuwirken zeigt sich im öffentlichen Diskurs: Viele Menschen haben keine Lust mehr, sich mit dem Klima auseinanderzusetzen. Sie seien "klimamüde", sagt Nils Makrutzki. Er ist Doktorand an der Technischen Universität Dortmund und beschäftigt sich mit dem Phänomen der Nachrichtenmüdigkeit. "Müdigkeit ist auch emotionale Erschöpfung, und das bedeutet, es wurde lange Zeit über anhaltende Problemlagen berichtet. Eine Lösung schien weit entfernt oder erst gar nicht vorhanden zu sein. Dauerkrisen ohne Lösungsperspektive machen auf Dauer müde", sagt er. Das heiße nicht, dass Klimaschutz den Menschen egal geworden ist. Aber durch das Gefühl, selbst kaum etwas bewirken zu können, ziehen sich einige Menschen zurück. Die Folge: Das Thema Klima verliert an emotionaler Dringlichkeit.
Dringendere Themen haben Einfluss auf Wahlenscheidung
Eine Entwicklung, die sich auch bei der Wahlentscheidung widerspiegeln kann, ordnet Umweltpsychologe Andreas Ernst ein: "Unser aller Leben geht weiter. Wir sortieren sehr schnell aus, was uns jetzt dringend erscheint. Und das ist bei der Wahlentscheidung nicht anders. Die dringenden Themen verdrängen die wichtigen Themen von den ersten Plätzen". Priorisiert, so Ernst, würden dann etwa persönliche Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz, um das Gesundheitssystem oder auch um die Angst vor militärischen Auseinandersetzungen. Themen, für die eine unmittelbare Lösung näher scheint.
Klimafolgen sind längst Alltag
Warum Klimaschutz für viele Menschen in Deutschland im Alltag weniger dringend erscheint, hat aus Sicht der Politikwissenschaftlerin Anna-Katharina Hornidge auch strukturelle Gründe: "Unser eigener Lebensunterhalt ist in der deutschen Gesellschaft in der Regel nicht direkt von der Natur abhängig. In vielen Niedrigeinkommensländern oder auch Mitteleinkommensländern ist das anders, wenn bis zu 80 Prozent der Bevölkerung häufig entweder von der Landwirtschaft leben oder auch von der Fischerei". Damit sei es leichter, klimatische Veränderungen vorerst zu verdrängen.
Dabei gäbe es längst Folgen der Klimakrise, die existenzielle und sicherheitspolitische Fragen aufwerfen: "Wir haben jetzt am Beispiel Grönlands sehen können, wie aufgrund des Klimawandels eine neue geopolitische Situation entsteht. Der Klimawandel sorgt dafür, dass das Eis schmilzt. Mit dem schmelzenden Eis ändern sich die geopolitischen Interessen - etwa die der USA. Grönland rückt dadurch stärker in den Fokus: wegen der freiwerdenden Ressourcen und wegen der sich öffnenden Transportwege. Das sind alles klimawandelbedingte Entwicklungen, die ganz klar auch sicherheitspolitisch relevant sind - auch für Europa", so Hornidge im Gespräch mit der ARD-Klimaredaktion. In der politischen Debatte werde die Klimaerhitzung in diesem Kontext aber nur selten benannt.
"Was betrifft die Menschen direkt?"
Stattdessen finden sich in den Programmen zur bevorstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vermehrt Ansätze, um Menschen vor den spürbaren Auswirkungen der Klimaerwärmung zu schützen.
Quer durch die Wahlprogramme aller Parteien heißt es zum Beispiel: "Elementarversicherungen ‚für alle‘ als Absicherung gegen Klimarisiken", "Mehr Hochwasserschutz und Flutvorsorge" oder "Hitzeschutz und klimaresiliente Städte und Dörfer".
Eine naheliegende Strategie, sagt Nils Makrutzki. Denn sich selbst und seine Liebsten zu schützen, wirke als Lösungsansatz erstmal leichter als Treibhausgase zu reduzieren: "Gerade im Wahlkampf möchte man in der politischen Kommunikation die Leute berühren. Dann geht es darum: Was betrifft die Menschen direkt?" Der Kern, die Ursache der Klimakrise zu bekämpfen, könne dabei im Diskurs verloren gehen. Und auch wenn Klima so seinen Platz im Wahlkampf findet, bleibt die Diskussion um Migration, Sicherheit und Bildung in dieser Wahlperiode lauter.