-
Christoph Antweiler: „Es gibt keine Identität ohne Identi-Täter“
„Heimat Mensch“. Mit diesem Buchtitel fragt der Ethnologe Christoph Antweiler, was uns als Menschen verbindet – welche Erfahrungen, Vorstellungen, Sehnsüchte und Gefühle, welche Bedürfnisse und Tabus wir alle teilen, egal in welcher Kultur und in welcher Gesellschaft wir leben, von welcher Religion und welcher sozialen Herkunft wir geprägt wurden. Und weshalb wir die kulturelle Vielfalt nicht dazu nutzen sollten, Differenzen zu konstruieren, die uns trennen – weder kollektiv noch individuell. Können auf der Basis solcher Universalien Normen für ein globales Miteinander formuliert werden?
-
Ulrich Trautwein: „KI eröffnet in der Schule wahnsinnig viele Möglichkeiten“
„Ohne Künstliche Intelligenz in den Schulen und im Unterricht wird Deutschland die Mindeststandards bei PISA & Co. nicht erreichen können“, erklärt Ulrich Trautwein, Leiter des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung und Professor an der Universität Tübingen. Wie sieht ein Schulunterricht mit KI in Zukunft eigentlich aus? Wozu brauchen wir dann noch Lehrkräfte? Wie lernen Heranwachsende dann noch selbstständiges Denken? Und was geschieht mit den Daten? Kann KI tatsächlich die Bildung fördern? Darüber spricht er beim „Innovationslabor Zukunft“, dem KI-Festival am Schauspiel Stuttgart.
-
Kenza Ait Si Abbou: „Es liegt an uns, wie wir Emotionale KI einsetzen“
Ist KI ein „Menschenversteher“? Und weiß am Ende mehr über unsere Gefühle und Bedürfnisse als ein Freund? Nicht nur, weil KI unsere Suchanfragen kennt und den Gesichtsausdruck lesen kann. Auch, weil KI digital verfügbares Wissen bündelt und KI gesteuerte Conversation Bots wie „Clare & Me“ sogar Antworten auf emotionale Konflikte geben können.
Gibt es also bereits die Empathiefähigkeit von Maschinen? Fragt die Ingenieurin und KI-Expertin Kenza Ait Si Abbou. Wenn ja: Wie verändert das unser Miteinander als Menschen? Was bedeutet dann Selbstbestimmung? Und wie manipulierbar werden wir dadurch? -
Martin Haerlin: „KI ist für mich ein Schraubenschlüssel“
„AI and Me“ heißt der Kurzfilm von Martin Haerlin, der viral ging und durch den der Filmregisseur und AI Creative Director über Nacht berühmt wurde. Dabei war dies nur sein erster und simpelster mit KI generierter Clip, in dem er jeweils mit einem Fingerschnippen die Identität wechselt – dank KI – von der realen Person bis zum „Planet der Affen“.
Andere Filme von ihm sind komplexer, etwa jener über den Boxer Maxim, der als ukrainischer Soldat im Krieg gefallen ist, dann jedoch als Bewegtbild mit seiner authentischen Stimme virtuell zum Leben erweckt wurde – als würde ein Toter zu uns sprechen. -
Michael Resch: „Die KI und Goethes Faust haben ähnliche Motivationen“
Kann KI Kultur? Ja, geht. Man kann mit KI bereits jetzt schon Theaterräume und Bühnensituationen virtuell entwickeln: als „digitale Zwillinge“, mit denen man bald ganze Inszenierungen durchspielen kann, inklusive virtueller Schauspieler*innen, bevor sie mit realen Menschen auf der Bühne entstehen.
Für „digitale Zwillinge“, die man auch in der Automobilindustrie verwendet, braucht man allerdings den richtigen Rechner. Am besten einen „Supercomputer“ wie im Höchstleistungsrechenzentrum der Universität Stuttgart, das Michael Resch leitet – und keine „Digitalwüste Deutschland“, die er beklagt. -
Rasha Khayat: „Ich bin doppelt und nicht halb“
„Ich gehöre hier nicht dazu“. Das ist die Bilanz der Schriftstellerin Rasha Khayat mit Blick auf die Migrationsdebatte in Deutschland: „Ich werde immer das Andere sein“.
Als Kind einer deutschen Mutter und eines saudi-arabischen Vaters in Dortmund geboren, verbrachte sie einen Teil ihrer Kindheit in Saudi-Arabien. Ende der 1980er kehrte sie in den Ruhrpott zurück, studierte Literatur und Philosophie.
In ihren mit Preisen ausgezeichneten Romanen hinterfragt sie Klischees über Minderheiten und Mehrheitsgesellschaft. Bekannt wurde sie auch durch „Fempire – der Podcast über Frauen, die schreiben“. -
Stefanie Lohaus: „Feminismus hangelt sich zu oft an der Theorie lang“
Nein heißt Nein. Männer verstehen das leider oft nicht und nutzen ihre Männermacht bis heute für sexuelle Übergriffe – wie vor 250 Jahren in der Kantate „Amor vincitore“ von Johann Christian Bach, uraufgeführt 1774 im Rokokotheater Schwetzingen, wo das Drama des vergifteten Pfeils bei den Schwetzinger SWR Festspielen 2025 jetzt erneut inszeniert und zugleich problematisiert wird. Unter anderem im Gespräch mit der Publizistin Stefanie Lohaus erklärt, warum Feminismus stärker ist als Wut – das bisher Erkämpfte aber noch lange nicht reicht. Und was dringend noch erstritten werden muss.
-
Matthias Politycki: „Ich will bei der emanzipierten Männlichkeit bleiben, aber“
Vatertag. Männertag. Was macht Mann da so? Bierkästen auf Bollerwagen ziehen? Traditionelle Männerbilder feiern, breitbeinig sich als Herr fühlen?
Was bedeutet es, Mann zu sein in einer Zeit, in der archaische Vorstellungen maskulinen Verhaltens ein Revival erleben und weltweit hegemonial werden – wenn wieder einmal Männer autoritär herrschen, Kriege provozieren und den Ernstfall vorbereiten?
„Mann gegen Mann“ nennt der Schriftsteller Matthias Politycki sein Buch, in dem er eine Antwort sucht auf die Frage, wie man dieser aggressiven Männlichkeit als Mann begegnet. -
Ulrike Syha: „Ich möchte die Leerstelle China mit Schicksalen füllen“
Theater für eineinhalb Milliarden Menschen: Was ist eigentlich in China auf Bühnen zu sehen? Zunächst – viel mehr Avantgarde, als manche im Westen meinen. Dazu die Auseinandersetzung mit einer sozialen Realität zwischen Turbokapitalismus und Hochtechnisierung auf der einen Seite und dem Rückbezug auf Traditionen auf der anderen. Zu sehen in drei Gastspielen beim „Heidelberger Stückemarkt 2025“. Dort spricht Ulrike Syha, mit Stücken wie „Drift“ selbst erfolgreiche Dramatikerin und jetzt kuratorische Beraterin des Gastlandauftritts, über die chinesische Theaterszene und eigenes Schreiben sprechen.
-
Rebekka Endler: „Der patriarchale Leistungsbegriff war tief in mir verankert“
Was sind die Ursachen des Patriarchats? Und warum ist es bis heute dominant? Männer gleich Macht, so war das schon immer, ein Blick in die Geschichte reicht.
Der Autorin Rebekka Endler ist das als Erklärung zu wenig. Deshalb untersucht sie misogyne Mythen. Ganz aktuelle wie Bitches, Nymphen und It-Girls. Und uralte wie den der Hexe. Und sie fragt, warum es immer noch Frauen gibt, die vom rettenden Märchenprinzen träumen. Oder in Mommy-Blogs Mutter-Mythen renovieren.
Wie wir (fast alle) Männermacht stabilisieren, ist nach dem „Patriarchat der Dinge“ das große Thema ihres neuen Buchs. -
Irme Schaber: „‘Nie wieder Krieg‘ darf keine Worthülse sein“
Gerda Taro hat die moderne Kriegsfotografie begründet, zusammen mit ihrem Mann Robert Capa. Und damit viele andere berühmte Fotograf*innen beeinflusst, von Lee Miller bis Margaret Bourke-White und den Gründern der Agentur Magnum. Geboren in Stuttgart 1910 als Tochter jüdischer Flüchtlinge aus Galizien, rettete sie sich 1933 ins Exil nach Paris. Dort lernte sie Robert Capa kennen, der noch Andrei Friedmann hieß, und gab sich jenen Namen, unter dem man „das Mädchen mit der Leica“ bis heute kennt.
-
Thomas Köck: „Der Plan von Rechtsextremen ist, das System auszuknipsen“
„Chronik der laufenden Entgleisungen“. Tagebuchartig dokumentiert der Dramatiker Thomas Köck ein Jahr lang den Rechtsruck in Österreich. Wie nationalistisches und rechtsradikales Denken sich verbreitet, mit welcher Sprache und welchen Symbolen dies geschieht – wenn zum Beispiel auf Wahlkampfveranstaltungen Messer gewetzt und Journalisten in den Schwitzkasten genommen werden.
Bekannt wurde Thomas Köck mit seiner zwischen 2014 und 2016 verfassten „Klimatrilogie“. Er ist einer der wenigen Gegenwartsdramatiker, dessen Stücke international nachgespielt werden, 2025 beim „Heidelberger Stückemarkt“. -
Katharina Grosse: „Ich habe mich eigentlich nie an die Regeln gehalten“
Sie malt mit Spritzpistole. Ziemlich radikal. Überzieht Objekte und Architektur mit ihrer grellen Welt. „Zweidimensionale Malerei existiert für mich nicht“. Zuletzt hat sie mit ihrer Spray-Technik den Kunstbau am Stuttgarter Schlossplatz, im Volksmund „Kunsthaus zum Goldenen Hirsch“ genannt, in reine Farbgewalt verwandelt – für die Ausstellung „The Sprayed Dear“, ein Wortspiel mit dem englischen Begriff für Hirsch.
Seit mehr als 30 Jahren untersucht Katharina Grosse, geboren 1961 in Freiburg, die Möglichkeitsräume der Malerei. Und zählt damit zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart.
Ausstellungs-Tipp:
Staatsgalerie Stuttgart (Kunstgebäude am Schlossplatz):„The Sprayed Dear“ (bis 11. Januar 2026) -
Holger Schultze: „Theater kann ein Korrektiv der Gesellschaft sein“
Theater setzt Themen, ja. Beschreibt und kritisiert Gegenwart, auch klar. Oft durch Uraufführungen. Aber welches Stück wird nachgespielt und beweist dadurch seine Relevanz?
Holger Schultze, Intendant des Theaters Heidelberg, gründete schon als Theaterleiter in Osnabrück „Spieltriebe 2“, ein Festival für Stücke, die zum zweiten Mal aufgeführt wurden.
Wie man Gegenwartsdramatik fördert, praktiziert er seit 2011 beim „Heidelberger Stückemarkt“, mit einem Autor*innen-Wettbewerb, Gastspielen und Gastland. Insgesamt mit einer Theater-Avantgarde. 2025 / 26 wird seine letzte Spielzeit sein. -
Shi Heng Yi: „Lerne zu genießen, was ist – nicht, was sein könnte“
„Meistere Dein Leben“. Mit Shi Heng Yi kann das gelingen. Zumindest hat der Leiter des Shaolin Temple Europe, eines buddhistischen Klosters bei Kaiserslautern, eine Anleitung dafür geschrieben.
-
Franzobel: „Ich fühle mich zu den Scheiternden hingezogen“
„Diese Zerrissenheit hat mich interessiert – diese Problematik der Migration, des Heimatlosen“, sagt der österreichische Schriftsteller Franzobel.
In seinem neuen Roman „Hundert Wörter für Schnee“ erzählt er eine Geschichte, die sich heute so ähnlich ereignen kann: Ein weißer US-Amerikaner will den Nordpol entdecken und praktiziert „America First“.
Er verhält sich in Grönland wie ein Kolonialherr, benutzt Inuit für sein Projekt und verschleppt sie anschließend in die USA – wo sie all das erfahren, was rassifizierte Migranten dort heute wieder erleiden. Und niemand will verantwortlich sein.
Das Gespräch führte Jürgen Deppe. -
Nady Mirian: „Man lernt sehr viel im Leid“
„Es gibt kein Leben ohne Leid“, davon ist die deutsch-iranische Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Nady Mirian überzeugt. In ihrer Kölner Praxis begleitet sie junge Menschen und Erwachsene, die von Depressionen, Ausgrenzung oder Mobbing betroffen sind. Während sie sich in ihrer Arbeit um Resilienzstärkung abseits von Ratgeberbüchern bemüht, versucht sie gleichzeitig den Blick auf die positiven Seiten des Leidens zu richten: Freiheit bedeute, seine Leidenssituationen zu kennen, zu akzeptieren und zu integrieren, schreibt sie in ihrem jüngsten Buch „Leid – die emotionalen Wellen des Lebens“.
-
Hannah Monyer: „Vergessen hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren“
„Wie das Gehirn aus der Vergangenheit unsere Zukunft macht“. So nennt Hannah Monyer ihr Buch über das „geniale Gedächtnis“. Die Direktorin der klinischen Neurobiologie in Heidelberg forscht über Lernen, Gedächtnis und Vergessen, das für unser Gehirn viel wichtiger ist, als wir glauben. Sie gehört zur Minderheit der Siebenbürger Sachsen, wuchs in Rumänien auf und zog mit 17 nach Deutschland, um Medizin zu studieren. Ursprünglich wollte sie Pianistin werden. Noch heute spielt sie Klavier und lernt, neben ihrer vielfach preisgekrönten wissenschaftlichen Arbeit, mit großem Elan Cello.
-
Lyndal Roper: „Die Feststellung, dass man frei ist, finde ich fantastisch“
„Von der Wut zur Bewegung“ nennt das Württembergische Landesmuseum seine erste große Ausstellung zu 500 Jahre Bauernkriege – und fragt: Wie kommt es zu Protesten? Kann man die psychosoziale Dynamik der Aufstände von 1524/25 mit Friedensbewegung, Klimastreik oder Stuttgart 21 vergleichen?
Die Historikerin Lyndal Roper erforscht die Geschichte der Bauernkriege unter dem Titel „Für die Freiheit“. Zuvor schrieb sie eine Biografie über Martin Luther. Auf dessen Thesen beriefen sich die Aufständischen vor 500 Jahren für ihre Selbstermächtigung. Bevor Luther sie als „mörderische Rotten“ verteufelte. -
Rainer Moritz: „Ich wollte psychologisch Geschichten erzählen“
Ja, eine Lizenz für Fußballschiedsrichter besaß er auch. Bekannt ist Rainer Moritz allerdings als Literaturkritiker, als Schriftsteller, Übersetzer, Lektor großer Verlage wie Reclam und Hoffmann und Campe und langjähriger Leiter des Literaturhauses Hamburg.
Den Akzent seiner schwäbischen Herkunft, mit Abitur in Heilbronn und Studium in Tübingen, hat er nie ganz abgelegt – was nicht zuletzt dazu führte, dass er ein Buch über „Heldinnen und Helden des Südwestens“ geschrieben hat: Ikonen wie Fischer-Dübel und Capri-Sonne.
„Vielleicht die letzte Liebe“ heißt sein jüngster Roman. Vielleicht. Ja. -
Sebastian Baden: „Wir wollen die Offenheit der Kunst in die Bevölkerung tragen“
Plötzlich ist alles politisch – jede Ausstellung. Mit Hans Haacke und der Frage, wie korrumpierbar die Mächtigen sind. Mit Martha Rosler und ihren Kriegsbildern. Oder Selma Selman, Künstlerin mit Romageschichte, und der Frage von Diskriminierung und Deklassierung. Auch schon die Themen Blackness und Rassismus in Werken von Cara Walker. Das Programm der Schirn Kunsthalle Frankfurt verantwortet seit Sommer 2022 Sebastian Baden mit seinem Team. Bei der „art Karlsruhe“ spricht er darüber, welches Programm in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung angemessen ist. Und wie Kuratieren sich verändert.
-
Tamina Amadyar: „Meine Farben machen ihre eigene Magie“
Was ist Gedächtnis? Welche Spuren hinterlassen Erfahrungen? Manchmal nur ein Gefühl, eine Stimmung oder ein Wort? Was können wir uns jederzeit in Erinnerung rufen? Damit beschäftigt sich die Künstlerin Tamina Amadyar in ihrem Werk.
Sie malt Erinnerungen an Orte, Situationen und Menschen. Verwandelt sie in Farben, dabei auch in geometrische und biomorphe Formen. Und reduziert sie aufs Wesentliche.
Bei der art karlsruhe 2025 gestaltet sie gemeinsam mit Stefanie Patruno, Leiterin der Städtischen Galerie, die Sonderausstellung. Zurzeit ist sie Gastprofessorin an der Universität der Künste Berlin. -
Asha Hedayati: „Der Staat setzt die Gewalt gegen Frauen fort“
Wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, versage der Staat systematisch, sagt die Rechtsanwältin Asha Hedayati.
Sie vertritt von Gewalt betroffene Frauen in Trennungs-, Scheidungs- und Gewaltschutzverfahren. Dabei erlebt sie häufig, dass Gerichte Männer, denen die Gewalt vorgeworfen wird, zuvorkommend behandeln und die Nöte der betroffenen Frauen nicht ausreichend sehen.
Für Asha Hedayati ein Beispiel, wie staatliche Institutionen Gewalt gegen Frauen unterstützen. Darüber schreibt sie in ihrem Buch "Die stille Gewalt. Wie der Staat Frauen alleinlässt". Geboren wurde sie in Teheran. -
Andreas Zick: „Rechtsextremismus ist in der Mitte verankert“
Die Mitte der Gesellschaft teilt zunehmend demokratiefeindliche und rechtsextreme Einstellungen. Das ist das Ergebnis der Studie „Die distanzierte Mitte“ unter Leitung des Gewalt- und Konfliktforschers Andreas Zick: Jede zwölfte Person in Deutschland hat ein rechtsextremes Weltbild, fast jede*r dritte teilt völkische Ansichten. Was sich zeigt, wenn auf Sylt „Deutschland den Deutschen“ gegrölt wird. Oder die AfD nicht trotz demokratiegefährdender, menschenfeindlicher Parolen gewählt wird, sondern deshalb. Insgesamt, meint Andreas Zick, finde eine Normalisierung rechtsradikaler Positionen statt.
-
Tanja Maljartschuk: „Heimat ist da, wo deine Traumata sind“
„Vielleicht würden wir keine Gedichte mehr brauchen, hätten wir den Weg gefunden, eine Welt ohne Gewalt zu schaffen“.
Infolge des russischen Angriffskriegs bezeichnet sich die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk als gebrochene Autorin, die ihr Vertrauen in die Sprache verloren hat. Bereits im Jahr 2011 ging sie ins Exil, lebt seither in Wien und schreibt vor allem über das Grauen des Kriegs und die Existenz in der Emigration.
2018 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Bekannt wurde ihr Text „Russland, mein Russland, wie liebe ich dich“ – mit dem Zusatz: „Bitte rette uns nicht!“ -
Jovana Reisinger: „Codes zu brechen, macht mir den größten Spaß“
„Ein Manifest für den Glamour“ wurde Jovana Reisingers Essay „Pleasure“ genannt. Über Kitsch, Camp, Trash, Strass, exzessives Rumliegen in luxuriösen Hotelbetten und alles, was Spaß macht.
„Die subversive Kraft der Tussi“ hieß ein Text von ihr in der „Vogue“. Die „Tussi“ ist ihr Rollenmodell: eine Frau, die sich nimmt, was sie will und dafür Grenzen überschreitet – der sozialen Klasse und des sogenannten guten Geschmacks.
„Einfach nur geil“. Steht in „Enjoy Schatz“, Reisingers Roman über die sexuelle Selbstbestimmung einer Schriftstellerin nach der Trennung von ihrem Mann. Happy Valentinstag! -
Andreas Reckwitz: „Wir haben eine Grenze der Verluste erreicht“
Verlust. Für den Soziologen Andreas Reckwitz ist er ein Grundproblem moderner Gesellschaften und vielfach zu beobachten: Wenn politische Ordnungen zerfallen, gewohnte Arbeitsweisen verschwinden, Gletscher schmelzen oder Urwald gerodet wird.
Verlusterfahrungen prägen unsere Welt. Verlustangst ist verbreitet. Und wird verdrängt, wenn uns die „Verlusteskalation“ überfordert. Nach „Gesellschaft der Singularitäten“ und „Ende der Illusionen“ ist dies sein neues Thema: wie kulturelle Praktiken und soziale Strukturen uns helfen oder hindern, Verluste zu bewältigen. Andreas Reckwitz lebt in Berlin. -
Inge Herold: „Es gibt Parallelen zu den 1920ern, die einen erschrecken“
„Die Dinge zeigen, wie sie sind: alles viel einfacher, viel düsterer, ganz nackt, klar, fast ohne Kunst“. So beschreibt der Maler Otto Dix den Stil der Neuen Sachlichkeit vor hundert Jahren. Wegen dieses ernüchterten Blicks auf eine Krisenzeit – sicher auch wegen der wieder erstarkenden Rechten – erinnert die Neue Sachlichkeit an unsere Zwanziger. In ihrer wegweisenden Jubiläumschau zeigt Inge Herold in der Kunsthalle Mannheim erstmals auch, wie Maler dieses Stils mit der NS-Diktatur gemeinsame Sache machten. Die Kunsthalle Mannheim prägt sie durch große Ausstellungen seit mehr als 30 Jahren.
-
Pippa Goldschmidt: „Wir kommen von den Sternen, unsere Wurzeln sind überall“
Der Blick ins Universum ist für die promovierte Astronomin immer auch ein Blick in die Vergangenheit. Wenn sie Erzählungen über driftende Galaxien schreibt, wird deshalb auch die Gegenwart der Hauptfigur von der Vergangenheit und eigenen Familiengeschichten bestimmt.
Pippa Goldschmidt wurde in London geboren. Ihr jüdischer Großvater floh 1936 vor dem Nazi-Terror aus Offenbach nach England. 2020 beantragte sie die deutsche Staatsbürgerschaft und zog nach Frankfurt am Main. „Deutschstunden. Eine Rückkehr“ heißt ihr nächstes Buch. Sie schreibt auf Englisch. Ein Gespräch zum Holocaust-Gedenktag. -
Wolf Haas: „‘Leicht verwirrt‘ finde ich eine interessante Situation“
Franz Escher wartet auf den Elektriker. Mit solchen Situationen beginnen bei Wolf Haas große Romane. In diesem Fall „Wackelkontakt“, sein neuer. Am Ende ist der Handwerker tot. War der real? Wie schon „Verteidigung der Missionarsstellung“ ist es ein Roman im Roman: Ein Mafioso sitzt im Gefängnis, kann nicht schlafen, liest ein Buch, über Franz Escher, der wartet auf den Elektriker. So hinterfragt Wolf Haas das Verhältnis von Realität und Fiktion. Mit Katastrophen und Komik. 2023 kündigte er an, dass es keine Bücher mehr von ihm geben werde. Vielleicht sagte dies nur ein literarisches Ich.