Der Moderator nennt die Flugzeugentführung "Hijacking" und fasst zusammen: In der vergangenen Nacht und am heutigen Morgen habe sich der "kleine Krisenstab" in Bonn wieder zusammengetan. Auch das Bundeskabinett spreche gerade über dieses Thema. Dann gibt der Reporter aus Bonn bekannt: "Die Zeiten der Nachrichtensperre sind zu Ende". Die Lage sei so ernst, dass Regierungssprecher Bölling nun alles mitteilen wolle, was er weiß. Seit sieben Minuten sitze der "Große Krisenstab" zusammen, vor einer halben Stunde begann Klaus Böllings Pressekonferenz.
Regierungssprecher Klaus Bölling äußert sich zu den Vorfällen
"Wir werden über die Regierungen der Vereinigten Arabischen Emirate auf die Entführer einzuwirken versuchen", erklärt der Regierungssprecher. Das Ultimatum der Entführer sei ernst zu nehmen. Die Presse habe endlich erfahren, um wie viele Personen es gehe: um den entführten Arbeitgeberpräsidenten sowie, in der entführten Lufthansa-Maschine, um 5 Besatzungsmitglieder, 86 Fluggäste, darunter 5 Kinder. Durch den Bekennerbrief, so Bölling, sei der Zusammenhang zwischen den beiden Entführungen bewiesen.
Anschließend verliest er den Anfang des Bekennerbriefs mit dem Ultimatum: "Wir haben Helmut Schmidt jetzt genug Zeit gelassen, um sich in seiner Entscheidung zu winden. Zwischen der amerikanischen Strategie der Vernichtung von Befreiungsbewegungen in Westeuropa und der dritten Welt und dem Interesse der Bundesregierung, den zur Zeit für sie wichtigsten Wirtschaftsmagnaten eben für diese imperialistische Strategie nicht zu opfern. Das Ultimatum der Operation Kofre Kaddum, des Kommandos Martyr Halimeh und das Ultimatum des Kommandos Siegfried Hausner der RAF sind identisch. Das Ultimatum läuft am Sonntag, den 16. Okt. 1977 um 8.00 Uhr GMT ab. Wenn bis zu diesem Zeitpunkt die elf geforderten Gefangenen ihr Ziel nicht erreicht haben, wird Hanns-Martin Schleyer erschossen."
Reporter fasst Bekennerbrief zusammen
Hier fasst der Reporter die restlichen Zeilen zusammen. Wörtlich lauten diese: "Nach 40 Tagen der Gefangenschaft von Schleyer wird es eine Verlängerung des Ultimatums nicht mehr geben, ebenso keine weitere Kontaktaufnahme. Jegliche Verzögerung bedeutet den Tod Schleyers.
Um zeitliche Komplikationen zu vermeiden, ist es nicht notwendig, dass Pastor Niemöller und Rechtsanwalt Payot die Gefangenen begleiten. Die Bestätigung der Ankunft der Gefangenen erhalten wir auch ohne die Bestätigung durch die Begleitperson. Nachdem wir die Bestätigung erhalten haben, wird Hanns-Martin Schleyer innerhalb von 48 Stunden freigelassen. Freiheit durch bewaffneten antiimperialistischen Kampf! Kommando Siegfried Hausner."
Chronologie der Ereignisse
Klaus Bölling, so der Reporter, habe eine ausführliche Chronologie der Ereignisse geliefert. Beim Zwischenstopp des Flugzeugs in Rom hätten die Entführer um 17 Uhr erstmals Forderungen gestellt, 17.02 Uhr habe Innenminister Maihofer die italienische Behörden gebeten, den Start zu verhindern. Das sei nicht gelungen. 17.50 Uhr sei die Maschine Richtung Zypern gestartet. Dort habe man einen PLO-Vertreter als Vermittler eingeschaltet. Zur gleichen Zeit seien Beamte des Bundesgrenzschutzes Richtung Zypern aufgebrochen. Die Verzögerungstaktik der Verhandler habe das Kommando an Bord argwöhnisch werden lassen, weshalb die Entführer um 21.57 Uhr wieder starten ließen. Ziel. Die Emirate am persischen Golf. Vor der Landung in Bahrain habe es dramatische Szenen gegeben. Ähnliches jetzt in Dubai. "Die Situation ist so gefährlich wie noch nie."
Mitschnitte des Funkverkehrs
Der Reporter in Frankfurt liefert dazu drei Tondokumente: den Sprechfunk des Piloten mit dem Tower kurz vor 6 Uhr beim Kreisen über Dubai, mit der Bitte, die Polizei fernzuhalten, sonst würde das Flugzeug gesprengt. Den Funkverkehr zwischen dieser und einer anderen Lufthansa-Maschine, mitgeschnitten in Israel. Darin zu hören, dass es sich um vier Entführer handelt: "2 Männer, zwei Frauen, bewaffnet". Schließlich die Stimme eins Entführers bei den Verhandlungen in Zypern. Zunächst spricht er Arabisch, dann Englisch.
Aus der Archivdatenbank
(O-Ton) Klaus Bölling, Regierungssprecher: Verlesung des Ultimatums der Flugzeugentführer / Zusammenhang zwischen der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer und der Entführung der Lufthansa Maschine "Landshut" // (O-Ton, engl) Flugkapitän der Lufthansa Maschine "Landshut": Funkspruch bei Anflug auf den Flughafen Dubai / Bitte das Rollfeld zu räumen und Soldaten zurückzuziehen // (O-Ton) Flugkapitän der Lufthansa Maschine "Landshut": Aufgefangener Funkverkehr zwischen der "Landshut" und einer anderen Lufthansa Maschine über die Anzahl der Entführer // (O-Ton, arab, dann engl) Kapitän Mahmud, Entführer der Lufthansa Maschine "Landshut": Funkverkehr mit dem Flughafen Larnaka auf Zypern.
1.6.1972 Verhaftung der RAF-Mitglieder Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe
1.6.1972 | Hunderte Schüsse sollen gefallen sein, als am 1. Juni 1972 die Polizei im Frankfurter Nordend drei Mitglieder aus dem harten Kern der "Roten Armee Fraktion" festnahm: Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe. In den Wochen zuvor hatte die Terrorgruppe eine Reihe von Anschlägen verübt.
Baader saß 1970 schon einmal im Gefängnis, war aber mithilfe der Journalistin Ulrike Meinhof befreit worden und hielt sich seitdem im Untergrund auf bzw. zusammen mit anderen Angehörigen der Terrorgruppe in Jordanien, wo sie wiederum bei palästinensischen Terroristen Waffentraining bekamen. Zurück in der Bundesrepublik verüben sie 1972 zahlreiche Bombenanschläge – auf das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Frankfurt und Heidelberg, auf Polizeistationen, auf die Zentrale des Axel-Springer-Verlags in Hamburg.
Welche Bedeutung die Festnahme von Baader, Meins und Raspe hat, zeigt sich auch darin, wie ausführlich die Nachrichten des Südwestfunks und die unmittelbar anschließende Sondersendung darauf eingehen. Sie unterstützen auch die weiteren Fahndungsaufrufe der Polizei.
19.6.1972 Bundesanwaltschaft zur Verhaftung von Ulrike Meinhof
19.6.1972 | Ulrike Meinhof wurde heute verhaftet. Die Staatsanwaltschaft grübelt über einem verschlüsselten Brief von Gudrun Ensslin an Ulrike Meinhof. | RAF
11. bis 15.11.1974 RAF-Terrorist Holger Meins stirbt im Gefängnis – Kritik an Ärzten
11. bis 15.11.1974 | Der RAF-Terrorist Holger Meins stirbt am 9. November 1974 als Folge seines Hungerstreiks im Gefängnis im rheinland-pfälzischen Wittlich. Als Reaktion darauf ermordet die sogenannte "Bewegung 2. Juni" den Präsidenten des Berliner Kammergerichts, Günter von Drenkmann. Bis heute konnten die Täter nicht ermittelt werden. Beide Ereignisse werfen Fragen auf. Vor allem auch in Stuttgart, wo der Prozess gegen die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Carmen Roll bevorsteht, die sich dort im Gefängnis Stammheim befinden.
16.12.1974 Bundespräsident Heinemann schreibt Ulrike Meinhof einen Brief
16.12.1974 | Bundespräsident Gustav Heinemann, der Meinhof von früher kennt, appelliert an die inhaftierte RAF-Terroristin, ihren Hungerstreik zu beenden.
Die Öffentlichkeit erfährt von diesem Brief erst fünf Tage später – im folgenden Bericht vom 16. Dezember 1974 wird der Brief vorgelesen, vorher ist noch der Schriftsteller Heinrich Böll zu hören, der von einem Wahnsinn spricht, der in Deutschland vor sich gehe und den politischen Umgang mit der RAF kritisiert.
Der Brief des Bundespräsidenten an Ulrike Meinhof, die er kennt, seit er sie einmal als Anwalt in einem Beleidigungsverfahren verteidigt hat, wird von einem Rundfunksprecher verlesen. Er beginnt mit "Sehr geehrte Frau Meinhof" und geht dann auf den Hungerstreik ein. "Sie kommen an die Grenzen Ihres Lebens."
Selbstopferung hält Heinemann für einen Irrtum. Ulrike Meinhof erschwere damit die Arbeit anderer, die sich um Besserung der Verhältnisse bemühen. Heinemann meint, er habe ihren Weg mit Aufmerksamkeit verfolgt und schließt mit den Worten: "Bitte nehmen Sie sich die Freiheit und beenden den Hungerstreik."
3.3.1975 Entführung von Peter Lorenz
3.3.1975 | Peter Lorenz, Spitzenkandidat der CDU für das Amt des Regierenden Bürgermeisters in Berlin, war von Mitgliedern der RAF entführt worden. Die "Bewegung 2. Juni" forderte die Freilassung von RAF-Häftlingen. Alle vier Partien kamen binnen weniger Tage zum Konsens, darauf einzugehen. Der Name der "Bewegung 2. Juni" bezieht sich auf das Datum des Todes von von Benno Ohnesorg. Er war am 2. Juni 1967 bei einer Demonstration in West-Berlin von einem Polizisten erschossen worden. | RAF
24.4.1975 Geiselnahme: Überfall auf deutsche Botschaft in Stockholm
24.4.1975 | Die fast eineinhalbstündige Livesendung beginnt 14 Stunden nach Beginn der Geiselnahme, als sich die Lage in Stockholm zuspitzt, und endet mit der Bergung der Geiseln und einer schwächer brennenden Botschaft, aus der heraus noch geschossen wird. Wesentliche Elemente werden durch ein Live-Telefongespräch mit dem Reporter vor Ort geliefert. | RAF
21.5.1975 Der Baader-Meinhof-Prozess beginnt in Stuttgart-Stammheim
21.5.1975 | Stuttgart-Stammheim. Beginn des Prozesses gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe.
Sicherheitskontrollen wie noch nie bei einem bundesdeutschen Gerichtsverfahren. Ansonsten: Eine Angeklagte, die im Gerichtssaal raucht. Drei Rechtsanwälte, darunter Hans-Christian Ströbele, die durch einen Trick ihrem Gerichtsausschluss entgehen wollten. Und im Luftraum über Stammheim taucht auch noch ein verdächtiges Sportflugzeug auf.
Das war der Stand der Dinge in der Mittagsausgabe von SDR1 Aktuell. Am Nachmittag gab es schon eine Weiterentwicklung – dann war auch klar, was es mit dem Sportflugzeug auf sich hatte.
28.10.1975 Stammheim-Prozess: Jan-Carl Raspe zu den Haftbedingungen
28.10.1975 | Der Angeklagte Jan-Carl Raspe kritisiert während der Verhandlung am 28. Oktober 1975 die Isolationshaft. | RAF
4.5.1976 Baader kritisiert Stammheim-Prozess, Schily fordert Nixon als Zeuge
4.5.1976 | Der Stuttgarter Stammheim-Prozess gegen die Mitglieder der RAF zieht sich hin. Der Angeklagte Andreas Baader wirft dem Gericht vor, dass der Prozess aus wahlkampftaktischen Gründen künstlich in die Länge gezogen werde. Baader sieht das Gerichtsverfahren letztlich als Spiegelbild der globalen Machtverhältnisse.
10.5.1976 Neue Erkenntnisse nach dem Tod von Ulrike Meinhof
10.5.1976 | Einen Tag nach dem Tod von Ulrike Meinhof gibt es Streit über die Obduktion und die Informationspolitik der Justizbehörde. In Frankfurt finden gewalttätige Sympathiekundgebungen statt. | RAF
10.1.1977 Otto Schily erhebt Beschwerde gegen Haftbedingungen für RAF-Mitglieder
10.1.1977 | Otto Schily, Verteidiger von Gudrun Ensslin, erhebt Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Bundesrichter Albrecht Mayer. Begründung: Verdacht auf geheime Absprachen zwischen den Richtern sowie Weitergabe von Prozessakten an Journalisten. Noch am selben Tag wird Albrecht Mayer versetzt. | RAF
6.9.1977 Attentat auf Hanns Martin Schleyer: Augenzeugenbericht
6.9.1977 | Ein Augenzeuge schildert die Ereignisse nach dem Anschlag auf den Arbeitgeberpräsidenten: Böllerschüsse, Pulvergeruch und fürchterliche Schreie. | RAF