Münchner Großereignis mit vielen Monaten Vorlaufzeit
Zwei Monate vor dem Fassanstich im September hämmern, schrauben und tüfteln Bauarbeiter auf der Münchner Theresienwiese. Lastwagen mit Containern rollen aufs Gelände. Die Fundamente der Festzelte stehen bereits. Die Bauten auf dem Oktoberfest sind nicht mit regulären Jahrmarktzelten zu vergleichen, die meist aus Aluminium und Planen bestehen. Nein – auf der Theresienwiese werden ganze Häuser gebaut.
Zeltmeister Peter von Liefen ist für den Aufbau des Paulaner Festzelts, eines der 14 großen Haupt-Festzelte, verantwortlich. Er erklärt, dass die Zelte aus Holz und Stahl bestehen. Im Winter wird der Großteil der Materialien eingelagert und im nächsten Jahr wieder verwendet. Von Liefen schränkt ein: "Sagen wir mal 80 Prozent." Seine Erklärung ist anschaulich: "Bretterboden ist doch sehr verlustanfällig. Wenn da gehopst und gestiegen wird, bricht halt einfach der Boden ein und Bänke und so etwas.“
Wie alles begann: Pferderennen 1810 zu Ehren des Brautpaars
Das erste Oktoberfest 1810 war ein Pferderennen im Rahmen der Hochzeitsfeierlichkeiten von Ludwig I., Kronprinz von Bayern, und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen.
Zu Ehren der Braut wurde der Ort der Veranstaltung Theresienwiese genannt – Im Volksmund heute kurz "d'Wiesn“.
Das Pferderennen kam so gut an, dass es im nächsten Jahr wiederholt wurde, diesmal ergänzt um ein Landwirtschaftsfest. Es sollte auch dazu dienen, das bayerische Volk zu vereinen, denn der bayerische König war erst 1806 von Napoleon eingesetzt worden. Psychologin und Wiesn-Expertin Brigitte Veiz erklärt: "Die Schwaben, die Franken, die Ober- die Niederbayern waren sich nicht eins damals. Die Idee war, dass man da stolz auf den König ist und auf das Land Bayern und dann sich engagiert dafür.“
Oktoberfest im September – weil das Wetter besser ist
So etablierte sich die "Wiesn“ und fand seit 1810 mit wenigen Ausnahmen jährlich statt. Allerdings begann das Fest nicht mehr im Oktober, sondern Mitte September. Der einfache Grund: Im September ist die Wahrscheinlichkeit für Sonnenschein höher.
Einheimische und ausländische Gäste tragen Tracht
Zum traditionellen Fassanstich schwemmen Bilder von Menschen in Dirndl und Lederhosen die Medien und sozialen Netzwerke. Besucherinnen und Besucher möchten sich "der Tradition“ nahe fühlen und tragen deswegen Tracht. So sagen sie es der Autorin dieser Sendung bei ihrer Recherche auf der kleineren Ausgabe des Oktoberfests, dem Frühlingsfest. Ein internationaler Gast findet: "It makes me feel like a real german, I feel integrated.” Und eine Münchnerin schwärmt: "Es gibt selten ein Kleidungsstück, was so so so schön ist. Aber auch irgendwie aus Tradition. Weil jeder Münchner trägt die Tracht. Ich war einmal auf dem Oktoberfest ohne Tracht, da hab ich mich nicht gut gefühlt."
Dirndl und Lederhosen – eine junge Tradition
Die Tracht gehört fest zum Klischee, was viele mit dem Oktoberfest verbinden, dabei trug keine Besucherin im Jahr 1810, 1820 oder 1870 ein Dirndl auf dem Oktoberfest. Kulturwissenschaftlerin Simone Egger stellt klar: "Weil es schlicht und ergreifend noch nicht erfunden war. Und das hat damit zu tun, dass das Dirndl etwas ist, was erst im späten 19. Jahrhundert auftaucht.“
Die Lederhose gab es schon, war aber kein typisches Oktoberfest-Gewand. Die Männer des Bayerischen Adelsgeschlecht Wittelsbach trugen sie zum Jagen, um ihre Verbundenheit mit der Bevölkerung zu zeigen.
Das Dirndl tauchte erst im späten 19. Jahrhundert auf. Simone Egger erklärt: "Und zwar ist es ein Kleid, dass sich die Städterin in der Sommerfrische machen lässt. Das heißt, das hat jemand gestaltet. Und dieses Kleid steht vor allen Dingen für das Gefühl, das man hat, wenn man in die Berge in die Ferien fährt.“ Dirndl auf dem Oktoberfest tauchten nur auf, wenn Besucherinnen vom Land ihr schönstes Gewand trugen.
Weg von der völkischen Propaganda: in Minirock und Schlaghose auf die Bierbank
In den 1930ern versuchten die Nationalsozialisten, Dirndl und Lederhosen zu vereinnahmen. Sie nutzen die Tracht als Oberfläche, die sie ideologisch einfärbten: "Das heißt, ich habe ein Dirndl, aber das kombiniere ich dann eben mit Informationen dazu, wie eine deutsche Frau auszusehen hat und wie sie eben nicht auszusehen hat“, erläutert Simone Egger.
Um sich von der nationalsozialistischen Ideologie abzugrenzen, trugen viele nach dem Zweiten Weltkrieg keine Tracht, sondern machten sich in Anzug und Kostüm auf den Weg zur Theresienwiese, in den 1970ern dann in Schlaghose oder Minirock. Wer Tracht trug, signalisierte bis in die 1990er-Jahre die Zugehörigkeit zu konservativen Parteien. Wie wurden Dirndl und Lederhose zum unpolitischen Massenphänomen?
Tracht wird Trend: Dirndl-Boom in den 2000ern
Das Jahrzehnt, das Tracht zum Trend machte, waren die 2000er. Junge Leute entdeckten Tracht in Vintage-Läden und kombinierten, wie es ihnen gefiel. Für sie war das Kleidungsstück unbelastet und das Tragen von Dirndl und Lederhosen entwickelte sich in der Stadt zum totalen Hype. Kulturwissenschaftlerin Simone Egger begründet das auch mit der Bandbreite, mit der man Tracht tragen kann – sowohl im Hinblick auf den Preis als auch die Vielfalt der Modelle. Und sie verbindet die Beliebtheit von Tracht mit einem Bedürfnis unserer heutigen Zeit: "Tatsächlich ist in der Spätmoderne die Suche nach dem, was eigentlich etwas Besonderes ist oder etwas Authentisches, noch mal wichtiger geworden. Und ein Interesse daran: Was macht eigentlich unsere Identität aus?“
München ist eine Stadt, in der Menschen verschiedener Identitäten, Nationalitäten und Kulturen zusammen wohnen, etwa 30 Prozent der Bewohner besitzen keine deutsche Staatsangehörigkeit. Die Menschen haben sich laut Simone Egger auf Tracht als gemeinsames Kommunikationsmedium geeinigt: ""Komm, wir schauen mal, wir kaufen dir auch eins, du bist auch dabei.“ Es hat tatsächlich so ein inklusives Moment.“
Wirtschaftswert: 1,8 Milliarden Euro jährlich
Das Oktoberfest zieht nicht nur Münchner, sondern die ganze Welt an. Wiesn-Chef Christian Scharpf gibt an, dass die Wiesn einen Wirtschaftswert von 1,8 Milliarden Euro jährlich hat. 40 Prozent bleiben bei den Schaustellern, Wirten und Brauereien, 60 Prozent bei Hotels, Friseuren und anderen Dienstleistern. Für ein Fest dieser Größenordnung – es feiern rund sechseinhalb Millionen Besucher – müssen viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.
Sichere Wiesn: Safe Space für Mädchen und Frauen
Die Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen“ konzentriert sich auf den sicheren Oktoberfestbesuch von Frauen. Sie arbeitet eng mit der Polizei, der Wiesnwache, zusammen. Die Zahl der Sexualdelikte hat zugenommen. Von 56 im Jahr 2024 auf 72 im Jahr 2025. Zum Großteil handelte es sich um sexuelle Belästigung, in zehn Fällen um das Fotografieren des Intimbereichs. Fünf Fälle erfüllten den Tatbestand der Vergewaltigung. Der Leiter der Wiesn-Wache, Christian Schäfer, erklärt die Zunahme auch mit einer höheren Bereitschaft, Anzeige zu erstatten: "Von polizeilicher Seite wird da viel Präventionsarbeit vor und auch während dem Oktoberfest betrieben. Die Bereitschaft, Anzeige zu erstatten, ist merklich höher geworden, auch bei vermeintlich niederschwelligen Delikten.“
Manuela Soller, Mitarbeiterin bei "Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen*“ gibt Tipps, wie man sich als Frau auf einen Wiesn-Besuch vorbereiten kann, betont aber: "Es ist wichtig, dass kein Tipp der Welt vor sexualisierter Gewalt schützen kann, dass eben nicht der Ausschnitt oder das kurze Dirndl verantwortlich dafür sind. Aber man kann sich natürlich vorbereiten. Überlegen, wie komme ich hin und nach Hause, das Handy gut aufladen, sich vielleicht auch eine Nummer extra notieren.“ Und wenn Frauen die Vermutung haben, K.o.-Tropfen in die Maß bekommen zu haben oder auch nur ihr Handy aufladen wollen, können sie in den "Safe Space“ der Aktion kommen. Der ist direkt hinter dem Schottenhamelzelt.
Faszination Oktoberfest
Bei der Recherche fällt auf, dass alle Beteiligten die besondere Atmosphäre der Wiesn spüren – auch die, die mit den anstrengenden oder gefährlichen Seiten des Festes zu tun haben. Bei der Polizei gibt es sogar Wartelisten, um auf der Wiesn arbeiten zu können. Es ist die Atmosphäre, die Mischung aus Bierzelt und Freizeitpark, das Staunen über die Superlative, das Feiern verschiedener Nationalitäten und Generationen gemeinsam auf der Bierbank, das eine unvergleichbare Mischung ergibt, die über die Stadtgrenzen heraus strahlt.