Gehirn nimmt mehr Reize wahr und verarbeitet sie tiefer
Der Begriff der Hochsensibilität ist zwar weit verbreitet, aber er passt nicht ganz. Sensibilität suggeriert, diese Menschen seien einfach überempfindlich. Dagegen beschreibt die High Sensory Processing Sensitivity, wo die tatsächlichen Unterschiede liegen: nämlich in der Reizverarbeitung.
Hochsensible Menschen leiden stärker unter den modernen Lebensbedingungen, weil sie viel mehr Reize wahrnehmen und diese auch tiefer verarbeiten. Das ist dann eben auch die negative Seite, diese Variante des menschlichen Nervensystems.
Es scheint zudem Überschneidungen zu Diagnosen zu geben wie ADHS, Autismus, Borderline oder der Histrionischen Persönlichkeitsstörung – so nennt die Fachwelt emotional labile Menschen mit starkem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Doch wie bei der Hochsensibilität hat die Wissenschaft auch bei der Neurodiversität noch viele offene Fragen. Bislang sieht es so aus, als wären zum Menschen mit zum Beispiel ADHS hochsensibler als andere.
Die Psychologin Corina Greven beschreibt typische Charakterzüge von hochsensiblen Menschen so:
Die erste Eigenschaft ist das Sensibel-Sein für Nuancen und Details. Die zweite Eigenschaft von Hochsensibilität hat mit den Emotionen zu tun. Das Emotionen-sehr-stark-Fühlen und das auch Empathisch-Sein gegenüber anderen. Die dritte Eigenschaft ist eine sehr tiefe Verarbeitung, das reflektierte Denken, sich gut in andere hineinversetzen zu können, auch kognitiv.
Hochsensibilität erstmals 1997 wissenschaftlich beschrieben
Wissenschaftlich beschrieben wurde Hochsensibilität erstmals 1997: Die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron hatte seit 1991 darüber geforscht und 1997 erschien ihr erster Aufsatz im Journal of Personality and Social Psychology.
Doch bis heute ist die Hochsensibilität nur wenig erforscht – obwohl viele hochsensible Menschen mit psychischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und nicht selten sogar in ein Burn-out rutschen. Doch sie können lernen, ihre Stärken wie Kreativität besser auszuleben – und mit Schwierigkeiten wie Reizüberflutung umzugehen.
Möglichst reizarme Umgebung kann helfen
Hochsensible nehmen ihre Umwelt intensiver wahr als andere. Es hilft ihnen daher, wenn sie in Alltag und Arbeitsleben auf eine möglichst reizarme Umgebung achten.
Fest steht: Wer hochsensibel ist, ist nicht psychisch krank. Denn Hochsensibilität ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die mit einer anderen Verarbeitung von Reizen im Gehirn zusammenhängt. Ob die Menschen empfindsam sind oder vor allem empfindlich – diese Bewertung hängt auch davon ab, was sie selbst daraus machen.
Literatur
Dagmar Fenner: Hochsensibilität. Phänomenologische und ethische Überlegungen. Schwabe Verlag 2021.