18.11.2025

Skinny um jeden Preis - Wer profitiert vom Abnehm-Hype?

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Von Autor/in Carina Parke, Sonja Peteranderl, Rabea Westarp

Schlanke Körper im TikTok-Feed, Tipps für den perfekten Bikini-Body auf Instagram und Hungern als Lifestyle. Der Skinny-Trend hat längst Social Media erobert - und setzt Millionen Menschen unter Druck. Ozempic, Wegovy, Mounjaro & Co. - immer öfter greifen einige sogar zu medizinischen Abnehmspritzen, die eigentlich für schwer Erkrankte gedacht sind. Influencer werben für Abnehmprogramme, Nutzer posten Videos zu ihren Erfahrungen mit der Abnehmspritze, während Experten vor den Nebenwirkungen warnen. Das team.recherche des SWR trifft junge Frauen, die erzählen, wie das Dünnsein zum alles bestimmenden Lebensziel wurde - und wie gefährlich der Algorithmus von Social Media-Plattformen bei der Entstehung von Essstörungen mitspielt. Gleichzeitig schaut das Team auf das Business dahinter: Influencer, Plattformen und Pharmakonzerne, die am Skinny-Schönheitsideal Milliarden verdienen. Wer profitiert vom Abnehm-Hype - und wer zahlt am Ende den Preis?

Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:

Weitere Informationen:

Extrem dünn: Der gefährliche Social-Hype ums Abnehmen

#Skinnytok ging insbesondere auf TikTok viral. Ein Hashtag, hinter dem so genannte Skinny-Influencerinnen das angepriesen haben, was langfristig gesundheitlich schadet: So wenig wie möglich essen, um immer dünner zu werden.

Manuskript des Beitrags:

„Ich bin ins Bett gegangen mit Gedanken, was ich den Tag esse, was ich die Woche esse, was ich nicht essen darf."

Die Gedanken ans Essen, sie haben Judiths Leben tagtäglich bestimmt. Die 24-Jährige leidet an Bulimie: eine psychische Erkrankung, bei der Betroffene große Mengen essen und danach wieder erbrechen.

Judith, Betroffene

„Da war ich natürlich auch viel in sozialen Medien, habe mir viel abgespeichert. So kleine Übungen und dann dachte ich so: Die essen alle viel weniger als ich. Und ich muss ja auch dann so wenig essen."

Über Monate geriet Judith immer tiefer in ihre Essstörung. Und Videos wie diese wurden für sie zu einer Anleitung ... Influencerinnen zeigen, wie wenig sie am Tag essen: Brokkoli, Apfelessig, Müsli-Bowls.

Eine eigene, inszenierte Welt... SkinnyTok.

TikTok-Ausschnitte:
„Ja abnehmen ist hart aber sich in jede Jeans reinquetschen zu müssen ist noch härter.“
„Skinny ist the Outfit.“
„Wie ich mein Gewicht halte, ist einfach, dass mein Essen mir nicht schmeckt.”  

TikTok sperrt #skinnytok

Einen entsprechenden Suchbegriff hat die Online-Plattform TikTok vor Monaten gesperrt. Man erlaube keine Inhalte, die Essstörungen oder gefährliche Verhaltensweisen zur Gewichtsabnahme fördern, schreibt man uns. Und doch zeigt unsere Recherche, wie leicht wir diese Sperre umgehen können. 

Und wir finden einen neuen Trend...

TikTok-Video:
„So Leute, wir spritzen uns heute mal wieder zusammen. Ich nehm die Abnehmspritze...”

Videos, in denen Nutzer ihren Gewichtsverlust zelebrieren - mit der Abnehmspritze.

Das Medikament inszeniert als Ersatz für eine gesunde Ernährung, als medizinische Revolution. 

TikTok-Video:
„Abnehmen mit einer Spritze klingt nach einem Zaubertrick, ist aber Medizin.”

Und das spricht sich rum, offenbar auch bei den Jungen...

Uns erreicht ein Anruf einer alarmierten Mutter.

„Ich möchte Ihnen etwas erzählen, was mich fassungslos macht. Meine Tochter wollte schnell ein paar Kilo abnehmen und hat versucht, sich im Internet eine Abnehmspritze zu besorgen. Dabei ist sie total sportlich.“

Eine Abnehmspritze für eine normalgewichtige junge Frau?

„Ja! Das ging einfach. Über DoktorABC. So eine Plattform. Dort hat ihr ein Arzt die Spritze verschrieben. Stellen Sie sich das mal vor: Er hat meine Tochter nie gesehen. Kein Videocall, kein Foto - gar nichts. Ich war total schockiert.“

Kann das sein? Abnehmspritzen sind verschreibungspflichtig. Und sie soll man einfach im Internet kriegen können?

Rezept per Fragebogen

Wir machen den Selbstversuch, probieren es bei Dr. ABC, müssen einen Fragebogen ausfüllen. Unter anderem: Geburtsdatum, Größe und auch das Gewicht. Da schummeln wir etwas nach oben - geben 85 Kilo an. Denn offiziell sind Abnehmspritzen erst ab einem BMI von 30 zugelassen. Oder ab 27 - aber nur mit Begleiterkrankung.

Mit uns sprechen oder uns sehen will hier niemand. 

Jetzt ein paar Fragen zum Gesundheitszustand. Krankheiten? Nein. Wir müssen noch mal falsche Angaben machen. Wo genau, sagen wir nicht - um keine Anleitung zu geben. Risiken und Nebenwirkungen - klicken wir weg. 

Und natürlich: Bezahlen. 387,92 Euro - für genau eine Packung. Ganz schön viel. Für eine echte Behandlung braucht man regelmäßig Spritzen. 

Wir versuchen es bei weiteren Anbietern, drei geben uns eine Absage. Aber ... auch hier klappt es, Juniper: Wieder ein Fragebogen, wieder an ein paar Stellen Schummeln. 199 Euro kostet die Spritze hier.

Ob die Spritzen wirklich ankommen?

Sie sind jedenfalls verschreibungspflichtig, können Nebenwirkungen haben: Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen, Schwindel, in manchen Fällen Haarausfall.

Ursprünglich wurden sie für Menschen mit Typ-2-Diabetes entwickelt. Mittlerweile gibt es auch Varianten zur Behandlung von Adipositas. Aber: eben nur bei medizinischer Notwendigkeit.

Und trotzdem finden wir Werbe-Videos wie diese.

“Yes, I am on row.“

Tennisstar Serena Williams inszeniert die Spritze in einem Hochglanz-Spot.

Werbewelle für Abnehmspritzen

Und auch in Deutschland läuft längst eine Werbewelle. Etwa vom Anbieter Juniper. Die Abnehmspritze, inszeniert als alltägliches Lifestyleprodukt. Als Schnäppchen. Es geht um Wohlfühlen in der eigenen Haut, ein positives Lebensgefühl.

Gesa Schölgens, Verbraucherzentrale NRW

„Nach unserer Rechtsauffassung ist das nicht zulässig, diese Abnehmspritzen zu bewerben, weil es sich um verschreibungspflichtige Medikamente handelt.”

Gesa Schölgens ist Projektleiterin bei der Verbraucherzentrale NRW und Rheinland-Pfalz. Sie beobachtet solche Werbung für Abnehmspritzen schon länger. Ihre Einschätzung:

„Auf jeden Fall sehen wir kritisch, dass bei dieser Werbung ja die Risiken und Nebenwirkungen völlig unter den Tisch fallen. Also es wird sehr oft das Positive dargestellt. Sehe ich äußerst kritisch und würde ich alles rechtlich prüfen wollen.“  

Ist dieser Markt tatsächlich so unkontrolliert? Auch, um diese Frage zu klären, haben wir unseren Selbstversuch gemacht. Bei mehreren Online-Anbietern versucht, Abnehmspritzen zu kaufen …

... die nach nur wenigen Tagen tatsächlich ankamen.

Zwei Spritzen: Mounjaro von DoktorABC. Und Ozempic von Juniper. Dank offiziellem Rezept. Ausgestellt von jeweils einem Arzt, den wir nie gesehen oder gesprochen haben.

Wie bewertet ein Experte den Versuch?

Prof. Hans Hauner, Ernährungsmediziner

„Es ist kinderleicht, sich ein Rezept zu besorgen und das ist natürlich bedenklich, weil damit dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet sind.  Also ich bin hier sehr sehr kritisch und ich kann hier nur warnen.“

Die Plattform Juniper ließ unsere Anfrage unbeantwortet, Dr. ABC wies per Mail eine Verantwortung zurück. Man sei ein digitaler medizinischer Marktplatz - Zitat:
„Die medizinische Verantwortung für die Ausstellung eines Rezepts liegt ausschließlich beim Arzt, gemäß dem deutschen Medizinrecht."

Patienten seien für die Richtigkeit ihrer Angaben verantwortlich.

Die Hersteller der Spritzen, Eli Lilly und Novo Nordisk, distanzieren sich uns gegenüber von einer Lifestyle-Nutzung.

Bei uns bleibt ein ungutes Gefühl zurück: Von Online-Portalen, die auf Fragebögen setzen, statt auf echte medizinische Beratung.

„Ich würde tatsächlich unterstellen, dass es hier natürlich um schnelle Kohle geht, die man durch diese Spritze relativ gut erreicht und man hat hier auch einen gesetzlichen Rahmen, wo man relativ viel versprechen kann und wo wenig kontrolliert wird, sodass das natürlich für bestimmte Menschen, die da Geld verdienen wollen, natürlich sehr einfach gemacht wird.“

Online-Plattformen wird es also leicht gemacht, ein Stück vom großen Kuchen abzubekommen. Denn feststeht: Das Geschäft mit Abnehmspritzen boomt, bald auch made in Germany. Denn 2027 eröffnet Eli Lilly ein neues Werk im rheinland-pfälzischen Alzey.