09.12.2025

Pflegereform: Milliardeneinsparungen durch Sturzprävention?

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Von Autor/in Gottlob Schober

Nach einem Sturz werden viele ältere Menschen pflegebedürftig. Wissenschaftler sagen: Etwa ein Viertel der Stürze könnten verhindert werden. Sie fordern mehr Präventionsmaßnahmen. Das Gesundheitssystem könnte Milliarden sparen.

Wenn ältere Menschen stürzen, kommt es immer wieder zu schweren Verletzungen, wie zum Beispiel Hüft- oder Oberschenkelhalsbrüchen. Betroffene werden in der Folge oftmals ein Fall für die Pflegeversicherung. Der Geriater Clemens Becker von der Uni Heidelberg kommt zum Ergebnis, dass „etwa ein Viertel der Stürze und der schweren Verletzungen“ verhindert werden könnte. Dadurch könne das Gesundheitssystem Milliarden sparen. Deshalb fordert er mehr Sturzpräventionsmaßnahmen.  

Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die am 11. Dezember dieses Jahres Eckpunkte zur Pflegereform vorlegen will, hat auch das Thema Prävention auf der Agenda.  

Unter anderem könnte es zum Beispiel einen freiwilligen „Gesundheits-Check-up“ für Menschen ab 60 geben, „freiwillige Präventionsangebote“ auf kommunaler Ebene und mehr „präventive Hausbesuche“. Experten halten das für nicht ausreichend. 

Sendungsbeitrag in der ARD-Mediathek:

Weitere Informationen:

13.05.2025 Antragsstau in Sozialämtern: Droht Rauswurf aus dem Heim?

Sozialämter brauchen Monate, teilweise sogar Jahre, bis Anträge auf „Hilfe zur Pflege“ entschieden werden. Pflegebedürftigen droht der Verlust des Heimplatzes.

Report Mainz Das Erste

Manuskript des Beitrags:

Diese Bilder gingen um die Welt. 2023 stürzt der gebrechliche ehemalige US-Präsident Joe Biden mitten im Wahlkampf.

Im Januar dieses Jahres fällt die Grünen-Politikerin Britta Hasselmann unsanft auf einer Treppe im Bundestag.

Ex-Wirtschaftsminister Peter Altmaier stürzt 2019 bei einer Veranstaltung. Die Zuschauer sind geschockt.

Auch der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz verliert das Gleichgewicht und verletzt sich im Gesicht.

Nicht alle kommen mit einem blauen Auge davon.

Wie der 84-jährige Wolfgang Mund. Er war fit, bevor er sich die Schulter und das Becken brach. Durch eine Unachtsamkeit beim zu Bett gehen.

„Und beim Ausziehen habe ich dann einen falschen Schritt gemacht und bin im Prinzip dann umgefallen. Ich konnte keinen Halt finden, weil die Schiebetüren vom Kleiderschrank dann weggerollt sind. Und dann lag ich eben da.“

Wolfgang Mund kommt in die Uniklinik Heidelberg. Visite wenige Tage nach der Operation. Medizinisch ist alles gut gelaufen. Aber dennoch droht dem Patienten die Pflegebedürftigkeit. 

Mattias Miska, Oberarzt Universitätsklinikum Heidelberg

„Definitiv ist es für den Patienten so einschneidend im Leben, dass es für ihn dauerhaft sein kann, dass er nicht mehr mobil wird, nicht mehr selbstständig am Leben teilhaben kann, dauerhaft eingeschränkt ist, eventuell sogar gar nicht mehr ins häusliche Umfeld, sondern ins Pflegeheim kommt.“

Steigende Krankheitskosten durch Stürze

2022 stürzten in Deutschland rund 4,4 Millionen Menschen über 65 mindestens einmal. Und es werden immer mehr. Deshalb sind auch die Krankheitskosten bei Hüft- und Oberschenkelverletzungen dramatisch gestiegen. 2015 waren es 2,6 Milliarden Euro, 2023 bereits 4,3 Milliarden. Hinzu kommen Folgekosten, wie zum Beispiel Rehabilitation und Pflege.

Ziel: Krankenhauseinweisungen verhindern

Deshalb sei es wichtig, möglichst viele Krankenhauseinweisungen zu verhindern, sagt der Heidelberger Geriater Clemens Becker. Er war Mitautor der globalen Leitlinie Sturzprävention, an der insgesamt 96 Wissenschaftler aus 39 Ländern mitgewirkt haben.

Prof. Clemens Becker, Universitätsklinikum Heidelberg

„Unter Alltagsbedingungen sehen wir, dass wir etwa ein Viertel der Stürze und der schweren Verletzungen verhindern können. Und das kann sich jeder sozusagen am Tisch ausrechnen: Wir könnten Milliarden damit eben auch dem Gesundheitssystem eben auch sparen. Wir müssen das anpacken“.

An der Uni Heidelberg läuft derzeit eine Studie mit einem speziellen Laufband. Dieses simuliert alltagsnahe Sturzsituationen, wie ausrutschen oder stolpern. Dieses Laufband wird gleich den 82-jährigen Hartmut Richter an seine Grenzen bringen.

„Dann versuche ich die Störung stopp, beschleunigen, versuche ich auszubalancieren und versuche auf dem Band zu bleiben.“

„Bringt das was?“

„Ich bin davon überzeugt, dass es was bringt. Ich bin auch jetzt in letzter Zeit nicht mehr gestürzt. Es ist ein tolles Gerät.“

Patienten lernen durch dieses Training, bei plötzlich auftretenden Gefahren richtig zu reagieren.  Die Sportwissenschaftlerin Natalie Hezel glaubt, dass dieses Laufband bald in Physiotherapiepraxen und Fitnessstudios eingesetzt werden könnte.  

„Wir konnten schon herausfinden, dass bereits wenige Trainingseinheiten wirksam sind und auch über eine längere Zeit wirksam bleiben. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, in welchen Abständen wir trainieren müssen.“

Die Alloheim-Gruppe mit bundesweit 291 Senioren-Residenzen will mit einem aktuell laufenden Projekt in Pflegeheimen Stürze reduzieren. Zwei Sensorkissen unterhalb der Matratze messen Mikrobewegungen, Puls und Atemfrequenz. Über diese soll eine Pflegekraft bereits benachrichtigt werden, wenn die sturzgefährdete Bewohnerin zum Beispiel unruhig wird, Schmerzen hat oder mitten in der Nacht versucht alleine aufzustehen.

Susanne Sterz, Alloheim-Gruppe

„Wir gehen hier in Vorfinanzierung und erhoffen uns natürlich eine signikant reduzierte Zahl an Stürzen, um mit den Ergebnissen dann auch mit der Politik und den Krankenkassen in einen Dialog zu kommen.“

Ein Sturzpräventionskurs in Dannstadt-Schauernheim, organisiert vom Bildungswerk Rheinland-Pfalz.14 ältere Menschen bewegen sich, stärken Gleichgewicht und Koordination. Mit Erfolg, erzählt die 70-jährige Roswitha Gaber. Seit sie regelmäßig trainiere, sei sie nicht mehr gestürzt.  

„Ich habe auch einen anderen Blick jetzt, ich gehe auch gerader. Und es ist ein ganz anderes Gehverhalten.“

Von der Krankenkasse bekommen die Teilnehmer in der Regel 80 Prozent der Kursgebühren erstattet. Hört sich gut an. Aber in ganz Deutschland gibt es gerade einmal 589 zertifizierte Sturzpräventionskurse. Viel zu wenig, sagt die Altersforscherin Tanja Segmüller von der Hochschule Bochum. 

„Die Politik ist leider auf dem Auge der Prävention blind. Seit Jahrzehnten wissen wir, dass Geld, was in Prävention investiert wird, sich immer rechnet.“

Politik hatte Sturzprävention jahrelang nicht auf der Agenda

Darüber berichtete REPORT MAINZ schon vor 21 Jahren am Beispiel eines Pflegeheims in Niedersachsen. Heimleiter Peter Dürrmann zeigte 2004, wie günstige Hüftprotektoren dem Gesundheitssystem viel Geld sparen können.

REPORT MAINZ, 05.07.2004:

„Sollte Herr T. stürzen, dann schützt ihn diese Hüftschutzhose vor den Folgen einer Fraktur, weil bei einem Sturz die Spitzenbelastung nicht auf einen Punkt trifft, sondern sich die Folgen des Aufpralles über eine größere Fläche verteilen.“

Schon 2004 erkannte Karl Lauterbach, damals noch nicht Gesundheitsminister, dass sich diese Maßnahme rechnen würde.

„Wenn die Hüftprotektoren nur für die Hochrisikopatienten eingesetzt werden, dann glaube ich, sind ein paar hundert Millionen Euro pro Jahr hier einsparbar.“

Diese Einsparungen gibt es bis heute nicht, weil Krankenkassen die Kosten für Hüftprotektoren in der Regel immer noch nicht übernehmen. Obwohl Karl Lauterbach selbst dreieinhalb Jahre Gesundheitsminister war.

Prof. Tanja Segmüller, Altersforscherin, Hochschule Bochum

„Tatsächlich in der Fläche werden die Protektorenhosen kaum eingesetzt. Das Thema wurde verpennt auf gut Deutsch gesagt und die Folgen tragen die Alten und Pflegebedürftigen und die Gesellschaft.“

Verpasste Chance Zukunftspakt Pflege?

Die Pflegeversicherung hat ein Milliardendefizit, auch durch fehlende Sturzprävention. Gesundheitsministerin Nina Warken hat keine finanziellen Spielräume mehr. Setzt die neue Gesundheitsministerin jetzt auf Einsparpotentiale durch Sturzprävention? Wir fragen sie auf dem Deutschen Pflegetag in Berlin.

„Frau Ministerin, ganz kurze Frage für REPORT MAINZ. Braucht die Pflegereform aus Ihrer Sicht mehr Sturzprävention? Das haben wir bei Ihnen angefragt, im Ministerium.“

„Mehr Sturzprävention ist glaube ich immer gut.“

„Wird das kommen?“

„Das besprechen wir jetzt in der Bund-Länder Arbeitsgruppe.“

„Wie wichtig ist das aus ihrer Sicht?“

„Es gibt viele wichtige Dinge. Das ist ein Punkt.“

Die von der Ministerin angesprochene Bund-Länder-Arbeitsgruppe erarbeitet derzeit Eckpunkte zum so genannten „Zukunftspakt Pflege“. Der nicht abgestimmte Entwurf liegt REPORT MAINZ vor. Auf der Agenda auch das Thema Prävention. Unter anderem könnte es zum Beispiel einen freiwilligen „Gesundheits-Check-up“ für Menschen ab 60 geben, „freiwillige Präventionsangebote“ auf kommunaler Ebene und mehr „präventive Hausbesuche“. Viel Freiwilligkeit, finden auch Wissenschaftler. 

„Und da fehlt uns die Nachhaltigkeit, weil diese Dinge eben nicht nur auf freiwilliger Basis, sondern auch auf verbindlicher Basis durchgeführt werden müssen.“

In zwei Tagen sollen die Eckpunkte zum „Zukunftspakt Pflege“ verabschiedet werden. Auch im Umgang mit dem Thema Sturzprävention wird sich zeigen, ob die Bundesregierung neue Wege gehen will und ob aus dem erwarteten Reförmchen vielleicht doch noch eine Reform wird.

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Gottlob Schober
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