Die haben natürlich alle blöd geguckt, weil ich mit diesen Stöcken am Tisch saß und keine zwei Meter so laufen konnte.
Erste Anzeichen von Multipler Sklerose: Taubheit im Bein
2019 bekommt Andreas die Diagnose MS. Über Nacht schläft sein linkes Bein ein und wacht nicht mehr auf. Das Taubheitsgefühl zieht sich über das komplette Bein bis über den Bauchnabel. Sein Gleichgewicht versagt. „Ich bin dann so ein bisschen gelaufen wie ein kleines Kind und ein Betrunkener zusammen“, erinnert er sich an die ersten Tage.
Im Krankenhaus steht die Diagnose innerhalb weniger Tage fest: „Es wäre für mich schlimmer gewesen, nicht zu wissen, was es ist“, erklärt Andreas. Er reagiert sachlich, nüchtern. Das ist seine Art, sagt er selbst: „Ich hab jetzt MS. Es geht weiter.“
Nach einiger Zeit: Andreas verspürt starke Erschöpfung, bekommt Fatigue
Doch mit der Zeit schleicht sich bei ihm Fatigue ein, eine körperliche Erschöpfung, die nicht nachlässt. „Diese Grunderschöpfung, die geht einfach nie weg.“ Andreas vergleicht es mit dem Gefühl, wenn man nach langem Schwimmen aus dem Wasser steigt und plötzlich das eigene Körpergewicht spürt. Nur eben als Dauerzustand. An normalen Tagen steht er mit 70 bis 80 Prozent seiner Kraft auf. An schlechten Tagen hat er gar kein Gefühl im Bein, erklärt er.
Spontane Idee: Mit Freunden einen Halbmarathon laufen
In den ersten Jahren gewöhnt er sich daran, mit Gehstöcken zu laufen. Dann fällt auf einem Geburtstag beiläufig der Satz: Nächstes Jahr Halbmarathon in Karlsruhe. Andreas sagt spontan zu. Ein Jahr trainiert er, ohne festen Plan, dafür mit Strecken rund um sein Dorf: „Wenn ich irgendwo merke, ich kann nicht mehr, kann ich an der nächsten Kreuzung rechts oder links abbiegen.“ 2024 überquert er in Karlsruhe die Halbmarathon-Ziellinie.
Andreas’ Familie, besonders seine Kinder, treibt ihn an, Dinge zu unternehmen, auch mit Multipler Sklerose
Was ihn antreibt: seine Familie. „Ich habe zwei Kinder, die interessiert es nicht, ob ich müde bin. Die Frage, etwas nicht zu tun, stellt sich gar nicht”, sagt Andreas mit einem Schmunzeln. Gerade deshalb ist er heute dankbar für jeden Spielplatzbesuch, zu dem er sich aufraffen musste. Denn Andreas hat gelernt: „Wenn ich nichts mache, verschlimmert sich meine Situation.“ Sein Wunsch an andere Betroffene: „Bewegt euch. Ihr müsst keinen Halbmarathon laufen. Aber bewegt euch.“
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