Offener Umgang mit Tod und Trauer: Tanjas Erfahrungen nach dem Verlust ihres Sohnes

Tanja aus Walheim findet, dass ein offenerer Umgang mit dem Thema Tod den Angehörigen das Trauern erleichtert – als ihr Sohn stirbt, fühlt sie sich selbst isoliert und ungesehen. 

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Von Autor/in Julia Reithmeier, Corinna Jähn

Dieses Gefühl, ich werde nicht gesehen, weil mein Umfeld es nicht aushalten kann, in welcher Lage ich bin, ist so belastend.

Wenn ein Kind stirbt

Bis zu seinem 16. Lebensjahr hat Tanja ihren Sohn Kilian gepflegt und begleitet. Er ist das zweite von drei Kindern und kommt lebensverkürzt und schwer mehrfachbehindert zur Welt – dass er deshalb verfrüht versterben würde, darauf war die ganze Familie vorbereitet. „Sein Versterben war ein Stück weit unsere Normalität“, erzählt Tanja. Trotzdem fühlt sie sich schon lange Zeit vor und besonders auch nach Kilians Tod stark isoliert: „Mich hat isoliert, dass sich unser Umfeld im Laufe der Jahre immer mehr zurückgezogen hat, weil das natürlich überfordert hat: immer wieder Krankheit, immer wieder Not. Und das war für viele Menschen schwer auszuhalten.“

Tanjas Sicht: Tod sollte kein Tabuthema sein

„Ich denke, das Thema Tod ist in unserer Gesellschaft überhaupt kein Tabuthema, weil es ja überall stattfindet. Es gibt Krimis, jeder Zeitungsbericht hat irgendwo das Thema Tod mit drin. Aber der Umgang mit dem Tod ist letztendlich das Tabu. Und da hätte ich mir gewünscht – oder wünsche mir eigentlich immer noch – dass man damit offener umgeht, weil das die Betroffenen einfach entlasten würde.” Außerdem wünscht sich Tanja von den Angehörigen Trauernder: „Dass man sich öffnet und sich darauf einlässt. Weil tun kann man in den wenigsten Fällen etwas. Oftmals ist der Wunsch von Menschen, die sich dann doch näher an das Thema heranwagen, irgendetwas tun zu können. Meine Erfahrung als Betroffene ist, dass dieses Tun-Wollen oftmals auch die Betroffenen selbst überfordert.”

Die größte Kraft liegt für mich darin, einfach da zu sein und zu signalisieren: Ich sehe dich, ich nehme dich wahr und ich bin bereit, mit dir auszuhalten.

Tanja findet ihren eigenen Weg, um ihre Trauer zu verarbeiten

Ich wusste, es hilft mir – und es hat allen geholfen.

Schon vor Kilians Tod kommt Tanja über Umwege mit Clowns in Kontakt: Sie denkt an ihre Töchter und daran, den Alltag der Familie an die Schule einzubringen. „Ich habe angestoßen, dass es eine integrative Zirkus-AG gibt, mit einer Sonderschule gemeinsam, um einfach diese Lebenswelten zu verbinden – die der Normalität und die der vermeintlichen Abnormität. Und da habe ich als betroffene Mama diese integrative Zirkus-AG geleitet. Und es hat mich absolut fasziniert, was an Begegnung stattfinden kann.”

Arbeiten als Klinikclown und Trauerbewältigung

Bei einer Weiterbildung in Zirkuspädagogik muss sie feststellen, dass der Clown auch ein Modul darin ist. „Das war für mich zunächst abstoßend, ich hatte mehr Interesse an Akrobatik und Artistik. Aber ich musste dieses Modul belegen und hatte extreme Widerstände, weil ich mit der Figur nichts Positives verband. Der Clown war für mich ein Kasper, ein übergriffiges Wesen. Ich habe dann wirklich gestaunt, was unterm Strich dabei rauskam, als ich mich auf das Thema eingelassen habe.”

Als Kilian stirbt, weiß Tanja bereits, dass am Wochenende nach der Trauerfeier das nächste Clown-Modul weitergeht. Zu ihrer eigenen Überraschung sagt sie ihrer Familie, dass sie nach der Trauerfeier weiterhin zu den Clowns möchte – weil sie weiß, dass ihr das beim Trauern hilft. „Hätte mir das jemand erzählt, hätte ich gesagt: Was ist das für eine Mutter? Sie kann ihr Kind nicht geliebt haben.”

Seit 2013 arbeitet Tanja als Klinikclown, über andere Clowns kommt sie später zur Arbeit als Hospizclown. Heute ist sie drei- bis viermal pro Woche im Einsatz: „Mehr finde ich von der Qualität her nicht mehr gut, weil das erfordert eine enorme Präsenz, Improvisation, Offenheit und Feingefühl.” 

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