Zuhörtelefon von Studierenden

Nightline: Nachts am Telefon

Die "Nightline Tübingen e.V." ist ein anonymes Zuhörtelefon von Studierenden für Studierende – erreichbar abends von 21 bis 24 Uhr, wenn sonst keiner mehr wach ist.

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Stand

Von Autor/in Andrea Wieland

Der Studienbeginn bringt vieles mit sich: eine neue Stadt, eine fremde Umgebung und das erste Mal allein wohnen. Die alten Freundschaften bleiben oft am Heimatort zurück, während vor Ort alles neu organisiert werden muss – vom Einkaufen über die WG bis hin zum Vorlesungsplan. Und dann ist da noch die Frage: Wie finde ich hier eigentlich neue Freund*innen? „Es ist eine krasse Lebensphase mit so vielen Änderungen“, sagt Julia Schnurr von der "Nightline Tübingen e.V."

Eine Person alleine im Dunkeln, Lichter einer Stadt im Hintergrund. Bild: iStockEvgeny Gostuhin
Wenn Nachts jemand zum Reden fehlt, hört Nightline zu. Bild: iStock/Evgeny Gostuhin

Wer bei der Nightline Tübingen anruft, muss sich nicht erklären

Das Angebot richtet sich an Studierende, aber alle sind willkommen. „Wir fragen niemanden, ob er studiert“, betont Julia. Und weiter erzählt sie, dass die Themen, mit denen sich Menschen bei ihnen melden, ganz unterschiedlich seien – aber oft sehr persönlich: Prüfungsangst, Zweifel am Studienfach, Konflikte mit den Eltern oder Mitbewohner*innen. Ein Thema tauche besonders häufig auf: Einsamkeit.

Die Pandemie habe vieles verändert, findet Julia. Was vorher schon schwierig war, sei durch Corona noch intensiver geworden: „Wir sind total vernetzt. Aber ich hab das Gefühl, die Menschen werden immer einsamer. Und vielen fehlt die eine Person, mit der man eng ist.“

So präsentiert sich Nightline in einem Imagefilm:

Zuhören als Superkraft – auch jenseits des Telefons

Die Nightline versteht sich nicht als Beratungshotline: „Unsere Aufgabe ist es, aktiv zu zuhören", verdeutlicht Julia. Und weiter: "Alles darf gesagt werden und bleibt anonym. Oft ist es den Leuten unangenehm mit ihren Freunden oder ihrer Familie über Probleme zu sprechen. Oder sie schämen sich. Bei der Nightline kann man alles einfach mal dalassen.“

Meine Kollegin hat mal gesagt: Wir sind wie Beifahrer. Das finde ich sehr treffend.

Und daher wird auch das Schweigen erstmal geübt, bevor die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen das erste Mal ans Nightline-Telefon gehen: Aufmerksam sein, Pausen aushalten und einfach mal zuhören. Im Alltag sei Zuhören total selten geworden, findet Julia und nennt ein Beispiel: „Man erzählt dem Freund oder der Freundin von den Problemen auf der Arbeit und er oder sie antwortet sofort mit: Das kenne ich auch. Und dann steht man alleine da mit seinen Sorgen."

Julia ist seit 2011 - der Gründung der Nightline - dabei. Das Studium liegt hinter ihr, heute arbeitet sie als Ärztin – aber das Projekt hat sie nie ganz losgelassen. Fünf Jahre lang saß sie selbst am Telefon. Jetzt sei sie das Sprachrohr der Nightline Tübingen e.V. und erklärt Interessierten, was sie machen.

Die Nightline gibt es bundesweit. Das Angebot finanziere sich aus Spenden und brauche den Einsatz von ehrenamtlichen Helfern, erklärt die Vorstandsvorsitzende in Tübingen. Wer neu ins Team kommt, startet zunächst mit einem Workshop und übernimmt dann zwei Telefondiensten im Monat. Ein Dienst bedeutet: Von 21 bis 24 Uhr da sein – und zuhören. Daneben gibt es organisatorische Aufgaben wie etwa das Verteilen von Flyern an der Uni.

Psychohygiene fürs Team: Nie alleine während der Telefondienste

„Klar gibt es den einen oder andere Anruf, den man mit nach Hause nimmt," auch wenn das eher selten vorkomme, berichtete Julia aus ihrer Erfahrung. Um die Mitarbeiter:innen zu schützen, gäbe es daher Supervisionen, Pat*innen-Dienste und eine extra Chat-Ausbildung.

Und die Erfahrungen als Nightline-Mitarbeiter*innen beeinflussen das Privatleben positiv. Man lerne viel über sich selbst, erzählt Julia. Und den größten Aha-Effekt erleben die meisten, wenn sie innerhalb des Workshops in die Rolle des Anrufers schlüpfen dürfen und am anderen Ende der Leitung wirklich jemand zuhört.

Es gibt wenig Krasseres, was man jemand schenken kann, als das Gefühl: Ich hab dich verstanden.

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