Frank Schmidt hat in Heidenheim schon viele Jobs gemacht. Er war Defensivspieler und DJ, hat seine Ideen beim Umbau des Stadions eingebracht und Schnee geschippt, damit auf dem Schlossberg Fußball gespielt werden kann. Vor allem aber ist er Trainer - seit 18 Jahren: "Als ich Trainer geworden bin, habe ich so lapidar gesagt: 'Ich möchte mal der Volker Finke von Heidenheim werden.' Ohne aber zu wissen, was das bedeutet und was in dieser Zeit alles passiert."
Die Geschichte, die Schmidt mit den Heidenheimern sei dem 17. September 2007 geschrieben hat, sie wäre selbst als Drehbuch für einen Kinofilm vielleicht ein bisschen zu groß. Fußballromantik, die bisweilen fast kitschig scheint. Weil Schmidt den Verein von der Oberliga bis in die Bundesliga, im vergangenen Jahr sogar bis ins internationale Geschäft geführt hat - mit Spielen gegen den FC Chelsea statt gegen Normannia Gmünd. Das erste Spiel an der Seitenlinie vergisst Schmidt nicht. Das Derby, den Gegner samt Coach Alexander Zorniger, ebenfalls nicht.
Frank Schmidt: "Der 1. FC Heidenheim? Das ist Gemeinschaft"
Bis heute kann er Spielzüge und Szenen einer Partie noch Monate oder Jahre später dezidiert nachschildern, kennt Passgeber und Flankennehmer, erinnert so daran, wo der FCH herkam. Und an die Menschen, die den Club geprägt haben. Sich selbst würde Schmidt, anders als viele Heidenheimer, dabei niemals nennen. Er will dieser Tage, wenig überraschend, kein Aufhebens um sein Jubiläum machen. Der Grund? Ist mehr eine Überzeugung des Trainers. "Der 1. FC Heidenheim? Das ist Gemeinschaft. Da gehören alle dazu", sagte Schmidt an einem Montagabend im vergangenen Mai.
Allerdings nicht an irgendeinem Abend, sondern an einem Abend in Elversberg. Hinter Schmidt und seinem Team lagen fast 100 Minuten Relegationsrückspiel gegen die SVE im Kampf um die Bundesliga - mit dem glücklicheren Ende für die Heidenheimer. Bevor er auf der Baustelle rund um das Stadion im Saarland in einem der Container zum Interview bereitstand, hatte Schmidt sich das rote Klassenerhalts-Shirt übergestreift, mit Fans und Spielern gefeiert und sich fast ein wenig ungläubig immer wieder auf die Brust geschlagen, da, wo das Logo des FCH prankte.
Kraftakt Klassenerhalt
Wieder einmal hatte er mit seinem Team etwas geschafft, was ihnen kaum jemand zugetraut hatte. In diesem Fall, genauer gesagt in der 5. Minute der Nachspielzeit, den Verbleib in der Bundesliga durch einen Treffer von Leo Scienza. "Die Mannschaft hat nicht gezweifelt und an sich geglaubt, weil sonst schießt man so ein Tor nicht zum Schluss", sagte Schmidt nach dem spektakulären Schlusssprint zum Klassenerhalt im Gespräch mit SWR Sport. Wie so oft in besonderen Momenten aber betonte er, was ihm wichtig ist. "So stelle ich mir Fußball vor. So stelle ich mir meine Mannschaften vor. Dann ist vieles möglich", sagte Schmidt und lächelte.
Fußball | Bundesliga Schmidts Geschick und Scienzas Beitrag: So schaffte Heidenheim den Klassenerhalt
Der 1. FC Heidenheim hat sich in der Relegation gegen die SV Elversberg den Klassenerhalt gesichert. Und das auch, weil Trainer Frank Schmidt lange vor dem Sieg im Saarland eine Entscheidung getroffen hat.
Die Sorgenfalten der zuvor vergangenen Wochen in der Bundesliga, sie wichen an diesem Abend der Erleichterung. Bei Schmidt allerdings nicht auf Kosten der Klarheit. Auch in dem roten Shirt, dessen linker Ärmel von der Bierdusche seiner Spieler sichtlich gezeichnet war, wählte der Trainer seine Worte mit Bedacht. Sprach über den Druck der vorangegangenen Monate - an der Seitenlinie eines Vereins, dem viele weder den Weg in die Bundesliga noch einen der beiden Klassenerhalte zugetraut hatten. Er sprach darüber, wie er versucht hatte, Überzeugung und Sicherheit auszustrahlen, seine Spieler mitzunehmen, gemeinsam das große Ziel zu erreichen.
Konsequenz und Klarheit
Mit Konsequenz und eben jener Klarheit, die Schmidt sich erhalten hat – von der Oberliga bis ins Oberhaus. "Ohne Frank wäre Bundesliga hier nicht möglich gewesen", sagt Vorstandsboss Holger Sanwald, der bei Schmidt einst etwas schaffte, was seitdem beruflich niemandem mehr gelungen ist. "Als wir gekommen sind und ihn gefragt haben, 'Kannst du dir das vorstellen?', da hat er 'Nein' gesagt", erinnert sich Sanwald. Denn Schmidt hatte nach dem Ende seiner Karriere als Fußballer schon einen Job - in einem Versicherungsbüro - und ein Versprechen abgegeben.
Gebrochen hat er dieses Versprechen streng genommen nicht, das Team übernahm er erst einmal für zwei Spiele. Weil Schmidt in eben jenen Partien sowohl einen Derbysieg als auch den höchsten Sieg der Vereinsgeschichte holte, blieb er Trainer des FCH. Aus zwei Spielen wurden 18 Jahre.
Auch mal "Bruddeln" der Fans
Dabei lief in dieser Zeit nicht immer alles rund. Der gebürtige Heidenheimer vernahm sehr wohl, wenn das "Bruddeln" auf den Tribünen mal wieder zu laut, der Unmut zu groß wurde. Aber: Schmidt hat die Menschen an der Brenz eingenommen. "Dieser Zusammenhalt, dass die Menschen sich begeistern lassen und sich mittlerweile mit dem Verein identifizieren, das ist schon etwas Besonderes. Wo ich am Anfang nicht gedacht habe, dass man die Leute so mitnehmen kann", verriet er zu seinem 15-jährigen Dienstjubiläum 2022.
Schon damals schwang auch ein bisschen Stolz mit, wenn Schmidt erzählte, was sich in den vergangenen Jahren verändert hatte: "Nicht erklären müssen, wo Heidenheim ist. Sondern sagen, ich bin aus Heidenheim." Das haben Stadt und Verein auch Schmidt zu verdanken. Der mit Klarheit und Konsequenz bisweilen auch kompromisslos für seinen Weg mit dem FCH einsteht.
Trainer trotzt dem Transfermarkt
So hat der Trainer, der selbst in den beiden kräftezehrenden Bundesligaspielzeiten und an jenem Abend in Elversberg so etwas wie Resilienz im Geschäft Profifußball ausstrahlte, zuletzt mit deutlichen Worten auf Kritik an der Heidenheimer Transferpolitik reagiert. "Aussagen wie 'Wir bereiten uns vor für die 2. Liga', da fehlt mir das Hirn dazu und auch die Intelligenz. Jeder, der uns kennt, der weiß, dass wir immer versuchen, das Maximum herauszuholen", sagte Schmidt vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund. "Haben die Leute vergessen, wie wir in die Bundesliga gekommen sind?"
Dass der Club nach dem Abgang von Leo Scienza kurz vor Ende der Transferperiode keinen Ersatz verpflichtete, war auch Wunsch von Schmidt selbst, der auf dem aufgeheizten Transfermarkt mit dem FCH keine Millionen für einen Spieler ausgeben wollte, "ohne zu wissen, ob das der Mannschaft auch hilft." Schmidt ist auch da klar und unmissverständlich, trotz des sportlich schwierigen Starts in die Bundesligasaison. "Da würde ich mir schon mehr Klarheit und Unterstützung wünschen. Manche scheinen es besser zu wissen als die, die 24 Stunden für den Verein arbeiten."
Gemeinsam zum Klassenerhalt?
Für das Ziel vom Klassenerhalt nimmt Schmidt auch in dieser Saison alle in die Pflicht: Fans, seine Spieler, vielleicht aber auch sich selbst. Sein Vertrag bis 2027 sei ein Versprechen, sagte er vor ein paar Wochen. Versprechen und Verantwortung. Vielleicht ist Frank Schmidt inzwischen also nicht mehr "der Volker Finke von Heidenheim", sondern schon seine ganz eigene Marke. Der Frank Schmidt von Heidenheim. Und das seit 18 Jahren.