Die Zahlen sind wirklich verrückt und lassen nur noch den Kopf schütteln. Liverpool zahlte für Florian Wirtz 125 Millionen Euro, Newcastle United lässt sich Nick Woltemade bis zu 90 Millionen kosten. Fußball-England dreht weiter hohl, schraubte die Ablösesummen in diesem Transfersommer in immer schwindelerregendere Höhen.
Die Liste der Bundesliga-Profis, die in den letzten Tagen und Wochen in die Premier League wechselten, ist lang und wurde am Schlusstag des Transferfensters am Montagabend noch länger: Nicht nur die deutschen Bestseller und Nationalspieler Wirtz und Woltemade spielen jetzt auf der Insel, auch Granit Xhaka, Xavi Simons, Hugo Ekitiké, Jeremie Frimpong, Benjamin Sesko, Jamie Gittens, Marvin Ducksch, Hoffenheims Anton Stach, Freiburgs Merlin Röhl und der Heidenheimer Leo Scienza stehen künftig bei englischen Klubs unter Vertrag. Mehr als 20 Spieler wechselten auf die Insel. Kostenvolumen: Rund 600 Millionen Euro, die allein in die Kassen der Bundesligisten gespült wurden.
Insgesamt gaben die englischen Klubs dreienhalb Milliarden Euro aus. Eigentlich ein Wahnsinn, aber kein Problem für Liverpool & Co., dank üppiger Fernsehgelder und großzügiger Alimentierung von Gönnern vorwiegend aus Saudi-Arabien.
Angst vor dem Ausverkauf?
Und hierzulande? Geht wieder einmal die Angst um. Die Angst vor dem schleichenden sportlichen Ausverkauf der Bundesliga. Deutschlands Eliteliga nur noch eine Art Ausbildungsliga, eine Art Sprungbrett Richtung Premier League? Fakt ist: Wenn England bietet, hat inzwischen nicht einmal mehr die Hochfinanz aus München eine Chance. Der FC Bayern, das zeigt sich an den Beispielen Wirtz und Woltemade, ist einfach abgehängt. Oder will den ganz normalen Wahnsinn einfach nicht mehr bis zur letzten Konsequenz mitmachen.
VfB Stuttgart | Meinung Woltemade ist weg. Und das ist gut so!
Nick Woltemade verlässt den VfB Stuttgart und wechselt zu Newcastle United nach England. Gut für alle Beteiligten, so die Meinung von SWR-Sportredakteur Kersten Eichhorn:
Dass im Gegenzug Spieler aus England die Lücken beim deutschen Meister füllen, muss man dahingehend relativieren, weil die Neu-Münchner Diaz und Jackson nicht zur Top-Kategorie zählen. Auffallend ist auch, dass selbst kleinere englische Clubs und Aufsteiger in die Premier League inzwischen auf dem Transfermarkt bessere Chancen haben als in der Bundesliga Vereine mit Europacup-Ambitionen.
Was tun? Bitte bloß nicht jammern. Das dicke Geld aus England einmal mehr mitnehmen und einfach fleißig und strukturiert weiterarbeiten. Der Weggang von etablierten Stars ist jetzt auch die Chance für andere Spieler, sich zu zeigen und zu entwickeln. Beim VfB Stuttgart beispielsweise wurde ein Teil der Woltemade-Ablöse umgehend in die hochtalentierten Badredine Bouanani und Bilal El Khannouss investiert, die nächsten Top-Talente wie Noah Darvich oder Lazar Jovanovic stehen auf dem Sprung.
Fußball | Bundesliga England-Experte: VfB-Neuzugang Bilal El Khannouss "erinnert mich an Jamal Musiala"
Im Gespräch mit SWR Sport ordnet Sven Haist, Sportkorrespondent aus London, den VfB-Neuzugang Bilal El Khannouss aus Leicester und den Abgang von Nick Woltemade nach Newcastle ein.
Beim 1.FC Heidenheim verzichtete Trainer Frank Schmidt sogar auf einen kurzfristigen Scienza-Ersatz, um das Vertrauen in seine in sich geschlossene Mannschaft zu bekräftigen. Die Millionen aus Southampton werden zunächst fürsorglich behandelt.
Als Italien die deutsche Nationalmannschaft aufkaufte...
Selbstredend, dass in diesen Tagen wieder Diskussionen um Gehaltsobergrenzen im internationalen Fußball, oder den Wegfall der "50+1-Regelung" in der Bundesliga aufflammen, um die immer größer werdende Lücke zu England zu schließen. Das eine ist für viele Experten im Fußball unrealistisch, das andere würde die bisherige Struktur des deutschen Profifußballs zerstören. Die Fanszene vor allem der Traditionsvereine würde auf die Barrikaden gehen.
Zurecht, wollen wir wirklich das finanzielle "Rattenrennen" mitmachen und immer weiter drehen? Apropos Fans: Die Zuschauer- und Mitgliederzahlen in der Bundesliga boomen seit vielen Jahren. Und genau das ist die große Stärke der starken Marke "Bundesliga", sie ist im 63. Jahr seit der Gründung in ihrer immer stärker gewachsenen Faszination völlig unabhängig von einzelnen Spielernamen.
Das zeigt auch der Blick in die Vergangenheit: Die Älteren unter uns werden sich an das Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre erinnern. Damals hatten die italienischen Vereine fast die komplette deutsche Nationalmannschaft um die Weltmeister von 1990 aufgekauft: Klinsmann, Matthäus, Brehme, Kohler, Völler, Häßler, Riedle & Co. kickten einige Jahre im "Schlaraffenland Italien" für Mailand, Rom oder Turin und nicht mehr für Bayern, Stuttgart, Köln oder Bremen. Später kehrten sie wieder zurück.
Und was machte die Bundesliga? Wurde nicht wegen Ausverkauf geschlossen, sondern kassierte dankbar die (im Vergleich zu heute noch eher bescheidenen) Millionen-Ablösesummen, spielte einfach munter weiter und entwickelte sich auch strukturell mit famosen Arenen und immer größeren Fanmassen zum Lieblingskind im deutschen Sport. Wer letzten Samstag beispielsweise den Stuttgarter Fanmarsch und die faszinierende VfB-Choreografie "100 Jahre Brustring" erleben durfte, der muss nicht voller Neid nach England schielen.
Die Faszination Bundesliga bleibt
Will sagen: Wenn das Fußball-Wochenende naht, wenn es samstags auf 15:30 Uhr zugeht, dann kribbelt es einfach und dann ist es auch für mich völlig egal, ob die Protagonisten da unten auf dem Rasen Wirtz und Woltemade oder Wagner und Wegmann heißen. Spieler kommen, Spieler gehen. Die Faszination Bundesliga aber bleibt und lebt immer weiter. Daran wird auch der völlig verrückte englische Transfersommer 2025 nichts ändern.