So lief die vergangene Saison des 1. FC Heidenheim
Alles eine Frage der Perspektive: Heidenheim hat in der abgelaufenen Spielzeit die Klasse gehalten, ist nicht in die 2. Liga abgestiegen und darf in der anstehenden Runde ein weiteres Mal im Oberhaus antreten. Das Saisonziel wurde also erreicht - nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Fakt ist allerdings auch: Die Saison 2024/25 war sportlich betrachtet die schwierigste, die der Club unter Trainer Frank Schmidt bislang erlebt hat.
Anfang März nämlich, es waren gerade gut zwei Drittel der Spielzeit absolviert, war Heidenheim vom Glauben an den Klassenerhalt weit entfernt. Tabellenletzter, sechs Punkte Rückstand zum rettenden Ufer, schmerzhafte Niederlagen wie gegen Mönchengladbach (0:3) oder Wochen zuvor auch gegen Mainz 05 und St. Pauli (je 0:2). Bereits während dieser Phase plante Schmidt die Relegation als etwas Erstrebenswertes ein: kein Nachsitzen, sondern zwei Bonusspiele um den Klassenerhalt. Er sollte Recht haben.
Bei Zweitligist Elversberg setzte sich der FCH Ende Mai hochdramatisch im Rückspiel durch, Leo Scienza traf in der fünften Minute der Nachspielzeit zum entscheidenden 2:1. Das Happy End einer kräfte- und nervenzehrenden Runde, die Heidenheimer Tanknadel war eigentlich schon unter den roten Bereich gerutscht. "Unkaputtbar", der Titel von Schmidts 2023 veröffentlichtem Buch, war mal wieder das Motto des gesamten Vereins.
Aber: Die Abgänge der Leistungsträger des ersten Bundesligajahres Tim Kleindienst, Eren Dinkci und Jan-Niklas Beste konnten zu keinem Zeitpunkt kompensiert werden - und auch die Highlight-Abende in der Conference League haben einiges an Ressourcen geschluckt. Aus all diesen Dingen müssen sie auf der Ostalb ihre Lehren ziehen.
Heidenheimer Transfers: Wer kommt, wer geht?
Bei anderen Vereinen füllt dieses Kapitel ganze Artikel, in Heidenheim aber fällt der Blick auf die Transferaktivitäten eher schmal aus. Mit den Leihspielern Diant Ramaj (Tor/ Borussia Dortmund) sowie Arijon Ibrahimovic (Mittelfeld/ FC Bayern) gibt es lediglich zwei externe Neuzugänge, dazu kehrt Angreifer Mikkel Kaufmann nach beendeter Leihe vom Karlsruher SC zurück. Aus der vereinseigenen U19 erhalten Nick Rothweiler, Adam Kölle sowie Yannik Wagner Verträge fürs Profiteam – mutmaßlich eine Entscheidung für die ferne und weniger für die nahe Zukunft.
Auffällig: Auch die Zahl der Abgänge hält sich in einem sehr kleinen Rahmen. Gerade einmal fünf Spieler der Vorsaison haben den Verein verlassen. Vitus Eicher (vereinslos), Norman Theuerkauf (Karriereende), Christopher Negele (Unterhaching) sowie Paul Wanner und Frans Krätzig (beide nach Leihe zurück zum FC Bayern) prägten die Heidenheimer Auftritte mal mehr, mal weniger stark.
Was auf den ersten Blick wie ein schlechtes Transferzeugnis aussieht, könnte sich für den FCH als großer Pluspunkt entpuppen. Statt panisch die Lücken in der kreativen Mittelfeldzentrale oder im oft eher torungefährlichen Angriff mit irgendwelchen Neuzugängen zu füllen, lag der Fokus während der siebenwöchigen Vorbereitung auf der Arbeit an und mit dem seit Monaten vorhandenen Kader.
"Ich bin da vielleicht ein bisschen 'old school', aber die Spieler, die da sind - mit denen bin ich immer zufrieden", sagte Schmidt kurz vor dem Pflichtspielstart: "Es ist ja auch meine Aufgabe, mit ihnen zu arbeiten. Und: Es ist für uns schwierig in dieser Saison, auch finanziell, uns anders aufzustellen." Das Transferfenster ist zwar noch bis zum 1. September geöffnet, große Veränderungen im Kader erwartet der Trainer aber nicht mehr. Stattdessen verfügt er über ein Team, das in der Tat eingespielt sein muss und nun auch Profis wie Relegationsheld Scienza oder Winterneuzugang Budu Zivzivadze noch besser in den Schmidtschen Fußball integrieren kann.
Der Trainer: Frank Schmidt
Im September wird Schmidt die unglaubliche Zahl von 18 ununterbrochenen Jahren als Cheftrainer des 1. FC Heidenheim vollmachen. In dieser Zeit, so scheint es, hat der 51-Jährige überhaupt nichts von seiner Begeisterung für den Sport oder seiner Vorfreude auf einen Saisonstart verloren. "Knapp sieben Wochen Vorbereitung sind genug", sagte er: "Was mich antreibt, sind Wettkämpfe." Enthusiasmus, der sich mittlerweile seit fast zwei Jahrzehnten hält - und der dem Club bereits in vielen Lagen geholfen hat.
Diesen Enthusiasmus bekommt der Coach mit einem derart großen Maß an Vertrauen zurückgezahlt, das im heutigen Profigeschäft seinesgleichen sucht. Schmidt steht in Heidenheim quasi nie zur Debatte, nicht einmal in der so schwierigen Vorsaison. Das zumindest in einigen Fanköpfen gedachte Denkmal von ihm steht auf einem gut gebauten Fundament. Die Verantwortlichen um Vorstandschef Holger Sanwald tun gut daran, an ihrer Denkweise festzuhalten. Zu einer eingespielten Mannschaft gehört Konstanz auf der Trainerposition definitiv dazu.
Erwartungen an die Saison des 1. FC Heidenheim
Der Klassenerhalt ist einmal mehr das Ziel der Heidenheimer - und es wäre auch beim dritten Mal in Folge ein fast schon sensationeller Erfolg gegen alle Widerstände. Schmidt hofft darauf, dass sein Team die gute Vorbereitung mit fünf Siegen in fünf Testspielen (unter anderem 2:1 gegen den italienischen Erstligisten Parma) in die Anfangsphase der neuen Saison mitnehmen kann.
Dass nach dem Abenteuer Conference League dieses Mal kein internationaler Wettbewerb im FCH-Spielplan auftaucht, macht in Heidenheim kaum jemanden traurig. Im Gegenteil. Der Wegfall der Mehrfachbelastung schafft Schmidt und Co. Raum für ausgedehntere Trainingseinheiten und Analysen. "Wir haben wieder Zeit, uns Woche für Woche auf die Gegner vorzubereiten - auch inhaltlich", freute sich Schmidt.
Prognose
Allein die Paarungen zum Saisonstart sind aus Sicht des 1. FC Heidenheim so etwas wie ein kleines Hammerprogramm. Nach dem Auftakt gegen Wolfsburg geht es am zweiten Spieltag zu RB Leipzig (30.08.), ehe Mitte September Borussia Dortmund ins Albstadion kommt (13.09.). Eine Woche später kommt es beim Hamburger SV erstmals zu einem Duell mit einem Aufsteiger aus der 2. Liga (20.09.). Der FCH muss früh über sich hinauswachsen, könnte dadurch aber den Grundstein für eine gute Hinrunde legen.
Innerhalb der Mannschaft wird es auch darauf ankommen, wie gut die ungewohnte Unruhe durch den jüngsten Torwart-Zwist tatsächlich aufgearbeitet wurde. Neuzugang Ramaj ist direkt die Nummer eins, Routinier und Publikumsliebling Kevin Müller - mittlerweile zehn Jahre im Verein - verliert seinen Stammplatz und befindet sich mehr denn je in einer Konkurrenzsituation.
Herausforderungen wird es aber sicherlich auch in anderen Mannschaftsteilen geben. In der Innenverteidigung läuft so gut wie gar nichts ohne Kapitän Patrick Mainka, der in der vergangenen Runde keine einzige Bundesligaminute verpasst hat - ein Pensum, das der 30-Jährige strenggenommen wiederholen muss. Im Mittelfeld braucht Heidenheim unbedingt mehr Spielwitz und im Angriff mehr Torgefahr durch Zivzivadze sowie einen (dann nicht mehr verletzten) Pieringer. Werden diese Baustellen behoben, kann der 1. FC Heidenheim mindestens ein weiteres Mal "unkaputtbar" sein.