So lief die vergangene Saison
Ende gut, alles gut! Auf diese kurze, aber prägnante Formel könnte man die Spielzeit 2024/2025 aus Sicht des VfB Stuttgart herunterbrechen. Denn nach sage und schreibe 49 Pflichtspielen einer extrem langen Saison holten die Schwaben mit dem DFB-Pokalsieg gegen Arminia Bielefeld (4:2) ihren ersten Titel seit der Meisterschaft 2007.
Auch die Bundesliga nahm ein halbwegs versöhnliches Ende. Dort gelangen der Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß zum Ausklang drei Siege in Serie, darunter der erstmalige Erfolg bei RB Leipzig (3:2). Final standen 50 Punkte und Platz neun, nicht ganz schlecht, aber für Europa zu wenig, Das lag an einer Schwächephase in der Liga - just nachdem der VfB aus der Champions League ausgeschieden war und es keine Dreifachbelastung mehr gab.
Stand Stuttgart nach 18 Spieltagen noch auf Rang vier, folgten zwischen dem 25. Januar und dem 3. Mai lediglich sieben Zähler aus 13 Spielen. Vor heimischer Kulisse war der VfB in diesem Zeitraum mit sechs Pleiten in Serie gar historisch schlecht.
SWR Sport | 19.04. ab 21:45 Uhr SWR Sport mit Hoffenheims Andi Schicker und der Meisterfrage in der Bundesliga
Entscheidet sich am Wochenende die Meisterschaft zugunsten des FC Bayern? Hoffenheim könnte gegen Dortmund Schützenhilfe leisten. Studiogast bei SWR Sport ist TSG-Geschäftsfühter Andi Schicker.
In der ersten Champions-League-Saison seit 15 Jahren schlug sich Stutttgart indes wacker. Zehn Punkte aus acht Spielen hätten in der Simulation eines Datenanbieters vor Beginn des Wettbewerbs in über 99 Prozent aller Fälle zur Playoff-Teilnahme gereicht, doch in der Realität schied der VfB mit eben dieser Punktzahl aus. Trotzdem nahm die Hoeneß-Truppe einiges mit: neben unbezahlbaren Erfahrungen auch die Highlight-Auftritte bei Real Madrid (1:3) und bei Juventus Turin (1:0). Ein echter Klassenunterschied zu den Topteams der Königsklasse tat sich nur beim 1:4 gegen den späteren Sieger Paris St. Germain auf.
Wer kommt, wer geht?
Bei den Neuzugängen setzt der VfB Stuttgart bislang auf eine interessante Mischung. Eine gewisse Erfahrung bringt Lorenz Assignon mit, weshalb die Schwaben für den 25-Jährigen von Stade Rennes tief in die Taschen griffen. Rund zwölf Millionen Euro soll der Außenbahnspieler gekostet haben. Assignon soll sich mit Josha Vagnoman und Pascal Stenzel um die Rolle des rechten Verteidigers in einer Vierer-Abwehrkette oder als rechter Schienenspieler in einem 3-5-2-System streiten.
Der 19-jährige Noah Darvich (FC Barcelona, Ablöse rund eine Million Euro) und der 18-jährige Lazar Jovanovic (Roter Stern Belgrad, ca. fünf Millionen Euro) gelten als große Talente, die Erfahrung sammeln und die etablierten Spieler herausfordern sollen. Darvich, der beim SC Freiburg ausgebildet wurde, stagnierte zuletzt bei Barca und will nun beim VfB neu durchstarten. Jovanovic hat eine starke Vorbereitung absolviert, ein Kaderplatz ist ihm zum Pflichtspielstart durchaus zuzutrauen.
Fußball | Bundesliga Lazar Jovanovic - wer ist der Shootingstar des VfB Stuttgart?
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Ebenfalls in die Kategorie Youngster fällt Chema Andrés, den der VfB für rund drei Millionen Euro von Real Madrid losgeeist hat. Allerdings ist der Spanier schon einen Schritt weiter als etwa Darvich. Der 20-Jährige gilt sowohl für Stuttgarts Kapitän Atakan Karazor als auch für Angelo Stiller als so etwas wie der "Backup". In der Vorbereitung überzeugte Andrés mit enormer Ballsicherheit und einer sehr hohen Passquote. Allerdings spielte er viele Bälle quer oder nach hinten, angesichts seines Alters völlig normal. Mehr progressive Pässe zu wagen - daran wird VfB-Coach Hoeneß mit dem Mittelfeldspieler arbeiten.
Ein Ersatz für den jüngst abgewanderten Enzo Millot (Al-Ahli) soll noch kommen. Hier war der VfB mit Giannis Konstantelias von PAOK Saloniki vor knapp zwei Wochen bereits sehr weit, ehe sich der Transfer unter eher undurchsichtigen Umständen noch zerschlug. Aktuell wird Fabio Viera vom FC Arsenal medial gehandelt. Der Portugiese galt einst als Top-Talent von europäischem Format, ehe seine Karriere bei den Gunners ins Stocken geriet.
Sportvorstand Fabian Wohlgemuth und Co. halten zudem noch die Augen nach einem Stürmer auf, dessen Profil sich idealerweise mit den bereits etablierten Kräften Deniz Undav, Ermedin Demirovic und Nick Woltemade ergänzen soll. Sprich: Kommt noch ein Angreifer, soll dieser vor allem Geradlinigkeit und Tempo, vorrangig für Tiefenläufe, mitbringen. Zudem war Stuttgart in den vergangenen Wochen in Verhandlungen mit Caspar Jander (1. FC Nürnberg) und Cole Campell (Borussia Dortmund), allerdings gab es keine Einigung mit den beiden Klubs. Nicht auszuschließen, dass sich in den nächsten drei Wochen auch in diesen Personalien noch etwas tut.
Neben Millot, der schon weg ist, sorgte vor allem das Theater um Woltemade für Wirbel rund um den Wasen. Der Torschützenkönig der U21-EM soll dem FC Bayern Ende Juni seine mündliche Zustimmung zu einem Wechsel gegeben haben. Allerdings will der VfB den Shooting-Star der abgelaufenen Saison halten und ist nach eigenen Angaben nur bei einem exorbitanten Angebot gesprächsbereit. Zuletzt hatte deshalb Sportvorstand Max Eberl vom FC Bayern angegeben, dass der Transfer aus FCB-Sicht "vom Tisch" sei. Auch beim VfB gehen Sportvorstand Wohlgemuth und Trainer Hoeneß davon aus, dass Woltemade, dessen Vertrag bis 2028 läuft und keine Ausstiegsklausel beinhaltet, in der kommenden Saison für die Bad Cannstatter aufläuft.
Neben diesen beiden prominenten Fällen haben zahlreiche Spieler den VfB verlassen: Jacob Bruun-Larsen zog es zum FC Burnley, Woo-yeong Jong blieb nach seiner letztjährigen Leihe bei Union Berlin. Anrie Chase wechselte zu RB Salzburg, Dennis Seimen ging auf Leihbasis zum SC Paderborn. Luca Raimund (Düsseldorf) und Laurin Ulrich (Magdeburg) sind ebenso weg wie die letztjährigen Leihspieler El Bilal Touré (Bergamo) und Fabian Rieder (Rennes). Auch Publikumsliebling Silas scheint keine große Zukunft beim VfB mehr zu besitzen und könnte von Bord gehen.
Der Trainer
Man braucht gar nicht drumherum zu reden: Sebastian Hoeneß ist der entscheidene Mann für den Aufschwung des VfB Stuttgart. Vizemeisterschaft und Pokalsieg sprechen nach vielen Jahren des Abstiegskampfes eine klare Sprache. Hoeneß hat Mannschaft, Umfeld und Fans angezündet - und brennt selbst für seine Aufgabe. Trotz des Buhlens anderer Topklubs hat er sich im Frühjahr erneut zu seiner Mission bei den Schwaben bekannt - und sorgt damit auf der Trainerbank für eine lange nicht mehr gekannte Kontinuität in der baden-württembergischen Landeshauptstadt.
Hoeneß vermittelt seiner Mannschaft Selbstbewusstsein bei gleichzeitiger Bodenhaftung, ein gar nicht mal so einfacher Spagat. Zudem gilt er als Spielerentwickler. Woltemade und Millot sind hierfür gute Beispiele, aber auch Mittelstädt oder Stiller. Die Liste ist lang.
Der 43-Jährige hat sogar einen nach ihm benannten Spielstil kreiert: den "Hoeneß-Ball". Damit sind hohes Pressing, schnelle Konter, extreme Passsicherheit und ein vertikales, auf Dominanz ausgelegtes Spiel gemeint.
Erwartungen an die Saison
Mit den vergangenen beiden erfolgreichen Jahren ist auch die Erwartungshaltung rund um den VfB Stuttgart gestiegen. Dass Wohlgemuth und Co. bei Investitionen in neue Spieler mittlerweile in die oberen Regalfächer greifen, tut sein übriges. Die erneute Qualifikation fürs internationale Geschäft soll es schon sein, so der allgemeine Tenor. Dazu in der Europa League die Gruppenphase überstehen sowie im DFB-Pokal erneut möglichst weit kommen. Aber Achtung: Hier wartet mit dem stark gestarteten Zweitligisten Eintracht Braunschweig eine hohe Auftakthürde.
Die Kirsche auf der Sahnetorte wäre für viele Stuttgart-Fans der Gewinn des Supercups gegen den FC Bayern im eigenen Stadion am kommenden Samstag (16.08.2025, 20:30 Uhr). Zum einen wegen des Wechsel-Theaters um Woltemade, zum anderen, weil es eben die Bayern sind. Die Chance, die neue Spielzeit mit einem Titel zu beginnen, ist auf jeden Fall gar nicht so klein, zumal der FCB wegen der Klub-WM erst spät in die Vorbereitung eingestiegen war.
Diese lief beim VfB weitgehend erfreulich, lediglich die Verletzung von Angelo Stiller sowie die 0:1-Pleite in der Generalprobe gegen Bologna waren kleine Stimmungsdämpfer. Wobei die Niederlage gegen den Serie-A-Klub Coach Hoeneß gar nicht so ungelegen kam.
Prognose
Der Kader des VfB Stuttgart besitzt eine gute Mischung - und eine gute Perspektive. Sollten Hoeneß, Wohlgemuth und Co. noch einen adäquaten Millot-Nachfolger finden, ist der Club ein Anwärter für die ersten sechs Plätze. Allerdings gibt es ein großes "Aber": Die Schwaben müssen ihre Abwehrprobleme, insbesondere bei gegnerischen Standards, in den Griff bekommen.
Die Defensive darf sich nicht noch einmal so fahrig präsentieren wie in der abgelaufenen Spielzeit. Gelingt dies, ist für den VfB angesichts der wackelnden Konkurrenz aus Leverkusen, Dortmund und Leipzig bei einem Top-Saisonverlauf sogar die Champions-League-Qualifikation drin.