Leo Scienza ist nie alleine unterwegs. "Jesus ist immer bei mir im Herzen", sagt der Fußballprofi und tiefgläubiger Christ im Gespräch mit SWR Sport vor der großen Kirche auf dem Dorfplatz von Natz in Südtirol. Die Bibel hat er in einem kleinen Schrank neben dem Bett immer griffbereit. Nicht immer und nicht jeden Tag kommt es daheim zum Gebet "mit Papa da oben, das kommt immer aus dem Bauchgefühl heraus". Aber, so Leo über seinen Umgang mit Gott: "Jesus gibt mir einfach Kraft, um auch im schlechten Moment weiterzugehen und im guten Moment dankbar zu sein. Das Leben", erzählt der sympathische Stürmer des 1. FC Heidenheim mit einer geradezu philosophischen Metapher, "ist wie ein Karussell. Es ist immer ein Hin und Her."
"Das Leben ist wie ein Karussell"
Wie ein Karussell, ein dauerndes Hin und Her: So gestaltete sich Ende Mai auch die Bundesliga-Relegation des FCH gegen den Zweitligisten aus Elversberg, die für die Brenztäler Spitz auf Knopf stand. Das Unternehmen Klassenerhalt wäre möglicherweise gescheitert, hätte nicht eben jener Leo Scienza zur richtigen Zeit seine fußballerische Top-Form wiedergefunden. Beim 2:2 im Hinspiel auf dem Heidenheimer Schlossberg bereitete der 26-jährige Brasilianer beide Treffer vor. Beim dramatischen Rückspiel im Saarland siegte der FCH mit 2:1: Scienza, endlich wieder in der Anfangself, lieferte erneut eine Torvorlage und schoss mit einem sehenswerten Solo-Treffer zum 2:1 in der Nachspielzeit sein Team doch noch zum gefeierten Klassenerhalt. Ein Tor Marke Scienza: "Auf jeden Fall", sagt er und lacht, "ein Dribbling und bamm."
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In der Relegation zwischen dem 1. FC Heidenheim und der SV Elversberg war Leonardo Scienza einer der Hauptdarsteller. Im Rückspiel sorgte sein Treffer für den Klassenerhalt des FCH. Anschließend sprach der Offensivspieler über einen großen Traum.
"Jesus liebt Dich" ist Leo Scienzas Botschaft
Auch in diesem sehr guten Moment in Elversberg hatte Leo Scienza seinen inneren Begleiter nicht vergessen. Der Siegtorschütze lüpfte beim ausgelassenen Tanz vor der Fankurve das Trikot und zeigte sein T-Shirt mit der schriftlichen Botschaft "Jesus liebt Dich". Eine Geste der Dankbarkeit: "Jesus hat uns das Leben und die Liebe gegeben, ich wollte dabei nur zeigen, was in meinem Herzen ist", beschreibt Leo seine überbordenden Gefühle in dieser für ihn emotional außerordentlichen Situation nach Spielende. Die Saison war gerettet. Für Heidenheim und auch für ihn selbst.
Die Relegation als persönliches Highlight
Ein Tor, drei Vorlagen: Eine perfekte Ausbeute für Leo Scienza, den Relegations-Helden von Heidenheim. Das war nicht unbedingt zu erwarten, denn sein erstes Jahr in der Bundesliga verlief persönlich auch wie das eingangs beschriebene Karussell: Ein dauerndes Hin und Her. Der begnadete Dribbler, als Topscorer und bester Drittliga-Spieler 2024 vom SSV Ulm 1846 gekommen, startete wie das gesamte Team zunächst erfolgreich in die Erstklassigkeit, verstand sich vor allem mit der Bayern-Leihgabe Paul Wanner prächtig. Der FCH erklomm nach zwei Spieltagen sogar die Tabellenspitze!
Schwierige Monate im Heidenheimer Abstiegskampf
Danach aber gab es für das Team - und für den Edeltechniker Scienza - schwierige Monate im von Kampf und Einsatz geprägten Abstiegskampf des FCH zu bewältigen. "Der Trainer hatte sich entschieden, mehr Wert auf Defensive und Laufarbeit zu legen", erinnert sich Leo im SWR-Interview, "das ist nicht so meine Stärke." Frank Schmidt verzichtete immer häufiger auf Scienza. Erst zum Ende der Saison und dann vor allem in der Relegation fand der blonde Offensivspieler zurück zu alter Stärke. Ende gut, alles gut? "Schwierige Situationen bringen Dich nach vorne", hat Leo Scienza gelernt.
Von Brasilien über Schweden nach Deutschland
Das ist keine neue Erkenntnis für ihn, den ehemaligen Futsalspieler, der mit 20 Jahren aus dem Süden Brasiliens auszog, um in Europa Fußballprofi zu werden. Ein Spielervermittler hatte ihn 2019 nach Schweden gebracht. Statt wie erhofft in der ersten Liga aber landete Scienza beim Provinzklub Fanna BK in der Fünftklassigkeit. Die Lebensverhältnisse? Ärmlich: "Ich habe kein Grundgehalt bekommen, schlief eineinhalb Jahre auf einer kleinen Matratze im Keller." Leo, der mit vollem Namen Leonardo Weschenfelder Scienza heißt und in der Familie deutsche sowie luxemburgische Wurzeln besitzt, war bei Fannas Vereinspräsident untergebracht, das Heimweh nach Brasilien plagte ihn.
Der SSV Ulm für Leo Scienza "wie eine Liebesgeschichte"
Eine Art Neustart war dann aber der Wechsel vor fünf Jahren nach Deutschland. Nach einem gelungenen Testspiel verpflichtete Schalke 04 das Talent für seine zweite Mannschaft, ehe er 2023 über Magdeburg beim Drittligisten SSV Ulm 1846 und dem damaligen Trainer Thomas Wörle landete: "Das war wie eine Liebesgeschichte", wird Leo Scienza geradezu romantisch im Rückblick, "ein perfektes Jahr, alles hat gepasst."
Der schnelle und trickreiche Angreifer bot als Topscorer spektakuläre Fußballkost und stieg mit den Spatzen in die 2. Liga auf. "Die Leute, der Verein, die Fans - ich liebe Ulm, eine mega Stadt", schwärmt er vom Leben an der Donau. Kein Wunder, dass er auch nach seinem Wechsel letzten Sommer ins benachbarte Heidenheim noch immer in Ulm wohnt, inzwischen lebt auch sein Bruder hier.
Frank Schmidt: "Wir nehmen ihn, wie er ist" "
Und so hat sich in der bewegten Fußballkarriere des Leo Scienza doch noch alles zum Positiven entwickelt. Von ziemlich weit unten in Schweden nach ziemlich weit oben in Deutschland.
Beim FC Heidenheim ist er in der Bundesliga angekommen: "Davon habe ich nicht einmal zu träumen gewagt", schüttelt Leo ungläubig den Kopf, "jedes Spiel ist für mich ein Highlight." Und auch wenn's mal rumpelt zwischen FCH-Trainer Frank Schmidt und seinem "Künstler am Ball", wenn der mal wieder eine kleine Kunstpause einlegt: "Wir schreien immer nach Individualisten", sagt der Chefcoach, "und Leo ist ein Individualist. Für einen Trainer ist das manchmal zum Haareraufen. Aber solange er diese Momente hat, wo er für uns die Spiele entscheidet, nehmen wir ihn wie er ist."
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Bis Samstag bereitet sich der 1. FC Heidenheim in Natz-Schabs in Südtirol auf die neue Bundesliga-Saison vor. Und das mit fast unveränderter Mannschaft. Der Spielermarkt findet bislang fast ohne den FCH statt.
Leo Scienza, ein außergewöhnlich offener Mensch und Fußballer, der sich in seinem Wirken immer auch auf seinen tiefen Glauben stützt und daraus Kraft zieht. Leo ist nie alleine, in guten wie in schlechten Momenten: "Jesus und Gott, der weiß alles, und er hat einen Plan für Dich", weiß Leo, "und manchmal belohnt er Dich." Wie zuletzt in Elversberg.