Meinung zur Diskussion um WM-Torhüter

Schluss mit dem Neuer-Kult: Oliver Baumann ist die logische Nummer eins

Oliver Baumann soll bei der WM zur Nummer zwei degradiert werden - hinter Rückkehrer Manuel Neuer. Für SWR-Sportredakteur Johannes Seemüller die völlig falsche Entscheidung.

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Von Autor/in Johannes Seemüller

Vor drei Monaten gab Oliver Baumann der Zeit eines seiner wenigen Interviews, in denen er sehr persönlich wird. Er sprach unter anderem über das, was der frühe Krebstod seines Vaters (dieser starb mit 62) mit ihm gemacht habe. Baumann war damals 22, ein junger Mann, Torwart des SC Freiburg. "Der Tod meines Vaters hat mir gegen jedes Helden- und Gladiatorengerede verdeutlicht, dass kein Mensch unzerstörbar ist. Bei mir ist da bis heute das Gefühl einer Brüchigkeit, einer Schulprüfung: Ich muss meinen Status bestätigen, bestätigen, bestätigen, sonst ersetzt mich ein anderer."

"Sonst ersetzt mich ein anderer..." Ich ahne, nein, ich befürchte, dieses Gefühl der Unsicherheit holt den 35 Jahre alten Torwart der TSG Hoffenheim in diesen Tagen gerade wieder ein. Die aktuelle Diskussion um die wahrscheinliche Rückkehr von Weltmeister-Keeper Manuel Neuer muss Baumann tief kränken. Nach außen hin gibt er sich – seinem Naturell entsprechend – vollkommen loyal. Während andere dem Bundestrainer für die WM absagen oder gar ihren Abschied aus dem DFB-Team verkünden würden, würde Baumann auch als Nummer zwei hinter Neuer zur WM fahren.

Ruhigere Profis werden gerne übersehen

Der sozial überaus engagierte Hoffenheim-Keeper steht für eine klare Haltung und für Werte. Baumann würde sein Ego nie über das Team oder die Bedeutung eines Projekts stellen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Im testosterongeschwängerten Profifußball der Männer finden jene Gestalten, die sich breitbeinig und tönend wie John Wayne durchs Business bewegen, immer Gehör – in den Medien und offenbar auch beim Bundestrainer. Ruhigere, sensiblere und pflichtbewusstere Charaktere wie Baumann werden im entscheidenden Moment gerne übersehen oder gar abgestraft.

Dabei spricht in meinen Augen alles dafür, mit Oliver Baumann als deutscher Nummer eins in dieses WM-Turnier zu gehen. Der im südbadischen Breisach geborene Baumann hat das DFB-Team mit starken Leistungen durch die gesamte, kräftezehrende WM-Qualifikation getragen. Er stand im Wind, er hat geliefert, er ist mit der Abwehrkette eingespielt, er kennt die taktischen Vorgaben des Bundestrainers. Ihn jetzt für einen Rückkehrer zu opfern, torpediert jegliche sportliche Logik.

Nationalmannschaft muss nach dem Leistungsprinzip funktionieren, nicht nach dem Promi-Bonus.

Während Neuer beim FC Bayern zuletzt verletzungsbedingt – Stichwort Wadenprobleme – immer wieder wackelte und in großen Spielen (wie gegen Paris und Real Madrid) Patzer zeigte, garantiert Baumann seit Jahren pure Konstanz auf höchstem Bundesliga-Niveau. Baumann absolvierte in der abgelaufenen Saison alle 34 Spiele über die volle Distanz für Hoffenheim. Der 40-jährige Neuer brachte es auf überschaubare 22 Liga-Einsätze, drei Mal musste er sogar verletzungsbedingt ausgewechselt werden.

Baumann ist körperlich deutlich fitter als Neuer

Baumann hingegen bringt die nötige Fitness und Frische mit, die man für ein langes, intensives Turnier bei extremen klimatischen Bedingungen in den USA, Mexiko und Kanada braucht. Während der körperlich schwächelnde Neuer in meinen Augen ein Monument deutscher Fußball-Vergangenheit ist, steht Baumann für die fitte und leistungsbereite Gegenwart.

Am meisten aber wiegt die Hygiene innerhalb einer Kabine und eines Teams. Neuer hatte 2024 nach der Heim-EM seinen Rücktritt aus dem DFB-Team erklärt. Reisende soll man bekanntlich nicht aufhalten – und schon gar nicht auf dem roten Teppich zurückholen. Eine Zurückstufung Baumanns würde das Vertrauen in die Kommunikation und die Maßstäbe des Bundestrainers zerstören. Künftig könnte sich niemand vor den Bauchentscheidungen Nagelsmanns sicher fühlen.

Die WM als Krönung seiner Fußball-Karriere?

Oliver Baumann hat das DFB-Team als sicherer Rückhalt durch die Qualifikation geführt, jetzt sollte er auch als deutsche Nummer eins zur WM fliegen. Alles andere wäre unfair, unprofessionell und brandgefährlich für den Teamerfolg. Oliver Baumann hat sich dieses Turnier verdient. Diese WM darf gern die Krönung seiner Fußball-Karriere werden. Es wäre zugleich ein beeindruckendes Statement über den Umgang mit der Brüchigkeit des Lebens.

Stuttgart

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