Steigende Kosten, fehlende Sponsoren

Immer weniger Turniere in Deutschland: Reitsport in der Krise?

Sponsoren ziehen sich zurück, Ehrenamtliche sind schwieriger zu finden, Skandale sorgen für Schlagzeilen. Wie steht es um den deutschen Turniersport? Und gibt es Lösungen für die Probleme?

Teilen

Stand

Von Autor/in Vanessa Sieck

Egal ob in Mannheim, Hamburg oder Aachen: Tausende Reitsportfans sind im Mai auf internationale Reitturniere geströmt, um Stars wie Richard Vogel oder Isabell Werth ganz nah zu sein. Der Pferdesport fasziniert nach wie vor, er polarisiert aber auch durch einzelne Skandale. Und teilweise bangt er sogar um seine Zukunft, unter anderem wegen fehlender Sponsoren.

"Wenn wir uns hier in Deutschland und in Europa nicht anstrengen, dann wird immer mehr Pferdesport woanders stattfinden, aber nicht mehr bei uns", sagt Dennis Peiler, Vorstandsvorsitzender von Pferdesport Deutschland. Denn die Top-Reiterinnen und -Reiter gehen vor allem dorthin, wo es viel Preisgeld zu gewinnen gibt.

Reitturniere in Deutschland: Zahlen rückläufig

Pflegerinnen, Tierarzt, Hufschmid - alle müssen bezahlt werden. "Natürlich wollen wir zuhause vor vollen Rängen reiten. Aber es ist natürlich auch hier und da, dass wir wirtschaftlich denken müssen", sagt Richard Vogel, Europameister im Springreiten. "Dadurch dass der Sport globaler wird, was ja an sich was Gutes ist, sind wir mehr unterwegs und müssen auch mehr reisen."

Mannheim

Tausende Flugkilometer im Jahr Hohe Preisgelder im Ausland: Europameister Richard Vogel im Kopf "kein Jetsetter"

Springreiter Richard Vogel fliegt oft von Turnier zu Turnier. Starts in Deutschland sind eher die Ausnahme. Er muss bei seiner Turnierplanung auch wirtschaftlich denken.

Viele lukrative Turniere finden mittlerweile in den USA und in der arabischen Welt statt. "Dort gibt es viel Wirtschaftskraft und viele Sponsoren, die bereit sind, sehr viel Geld zu investieren, um dem Pferdesport eine Bühne zu geben", analysiert Dennis Peiler. In Deutschland gibt es mehr als 3.000 Turniere pro Jahr - die meisten davon im Amateurbereich. Die Tendenz: sinkend.

Planbarkeit für Turnierveranstalter schwierig

"Pferdesport ist für den Turnierveranstalter kostenintensiv, aber auch für jeden einzelnen Reiter, für jede einzelne Reiterin", erklärt Dennis Peiler. "Ich muss mir als freizeitorientierter Turnierreiter sehr genau überlegen: Kann und möchte ich mir den Aufwand leisten?" Dass diese Frage anscheinend nicht immer so leicht zu beantworten ist, erleben sie beim RFV Ludwigsburg-Oßweil.

"Viele wollen sich nicht wochenlang im Voraus festlegen, ob sie starten oder nicht. Das macht die Planbarkeit für uns wiederum schwieriger", erzählt Jutta Gramespacher. Sie hat selbst viele Stunden investiert, damit es dieses Jahr auf der Vereinsanlage wieder ein Turnier gibt. Ein Hindernis dabei: Immer weniger wollen ehrenamtlich helfen.

Rückläufige Starterzahlen, gestiegene Kosten

In Ludwigsburg-Oßweil registrieren sie auch, dass die Starterzahlen rückläufig sind - ein Trend auf vielen Turnieren. "Das macht auch was mit der Gastronomie und da nimmt man eigentlich am meisten ein", sagt Jutta Gramespacher. Das Thema Geld dominiert sowohl auf kleinen als auch auf großen Turnieren. Logistik, Energie, Personal - die Kosten steigen in allen Bereichen.

Starts auf Reitturnieren in Deutschland: Die Grafik zeigt einen deutlichen Rückgang im Verlauf der vergangenen zehn Jahre.
Jahr für Jahr starten rund 70.000 Reiterinnen und Reiter mehrfach auf Turnieren in Deutschland. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Starts um 28 Prozent zurückgegangen. Laut Pferdesport Deutschland waren es 2015 noch rund 1,5 Millionen, 2025 dann nur noch rund eine Million.

Veranstalter sprechen von Kostensteigerungen von mehr als 25 Prozent seit Corona, in einigen Bereichen auch von deutlich mehr. Zudem gestaltet sich die Sponsorensuche schwierig. "Die derzeitige Wirtschaftslage ist nicht gerade rosig. Die Unternehmen sparen und fangen bei den "unnötigen Dingen an". Und da gehört Sponsoring eben dazu", erklärt Peter Hofmann, Turnierdirektor des Mannheimer Maimarkt-Turniers.

Traditionsturniere kämpfen um ihre Zukunft

Trotz der vielen Sorgen: Der Reitsport lockt noch immer tausende Fans in die Stadien. Doch Eintrittsgelder allein reichen nicht aus, um ein Turnier zu finanzieren. In Hamburg, Münster und Warendorf hilft man sich mit einem Sponsor aus Abu Dhabi - bei manchen nicht ganz unumstritten. "Das heißt nicht automatisch, dass wir uns in die Hände von Sponsoren geben, die dann sagen, wie der Sport zu funktionieren hat", ordnet Dennis Peiler ein.

Deutschland ist ein Pferdesportland. Im August finden die Weltmeisterschaften in Aachen statt und trotzdem kämpfen traditionsreiche Veranstaltungen um ihre Zukunft. In Donaueschingen beispielsweise ist die städtische Reitturnier GmbH bislang erfolglos auf der Suche nach einem neuen Veranstalter. "Die Gegebenheiten sind leider so, dass eine große Historie und ein attraktives Turniergelände noch keine Garantie für eine dauerhaft erfolgreich durchgeführte Veranstaltung geben", erklärt Andreas Haller von der Stadt Donaueschingen.

Gibt es Lösungen für die Zukunft des Turniersports?

Doch wie kann es weitergehen? In Donaueschingen gibt es die Überlegung, das Turnier zu verkleinern und eventuell von internationalem auf nationales Niveau herunterzugehen. Auch Kooperationen zwischen den Veranstaltern könnten helfen, zudem ein attraktives Rahmenprogramm. "Die einen veranstalten Familien-Events, Konzerte oder Messen rund um den Sport. Das ist, glaube ich, auch der Weg der Zukunft", so Dennis Peiler.

Ein Event könne nur dann zukunftsfähig sein, wenn es wirtschaftlich stabil, gesellschaftlich akzeptiert und emotional relevant bleibt, heißt es auf SWR-Anfrage aus Aachen. Für die gesellschaftliche Relevanz braucht es vor allem eins: weniger negative Schlagzeilen. Einzelne Skandale mit Tierquälerei-Vorwürfen schaden der ganzen Szene. Kritiker fordern zudem eine Überprüfung des Equipments und Anpassungen im Reglement.

Große Herausforderungen für den Reitsport

"Ich denke, man kann für den Reitsport wieder goldene Zeiten schaffen, wenn wir alle zeigen, dass es uns wirklich um das Wohl der Tiere geht", sagt André Hascher von der Initiative R-haltenswert, die sich für einen pferdegerechten Reitsport einsetzt. Die Herausforderungen scheinen groß, doch wenn alle Beteiligten die richtigen Schlüsse ziehen, könnten auch in Zukunft tausende Reitsportfans auf deutsche Turnierplätze strömen.

Marbach

Reiten Vielseitigkeit in Marbach: Siege für Michael Jung und das deutsche Team

Mit einem deutschen Sieg im Nationenpreis ging das internationale Vielseitigkeitsturnier in Marbach zu Ende. Zudem gewann Olympiasieger Michael Jung aus Horb die Einzelwertung.

SWR Aktuell Baden-Württemberg mit Sport SWR BW

Mannheim

Springreiten Deutschland gewinnt den Nationenpreis in Mannheim ohne Strafpunkte

Als Vorjahressieger lastete auf der deutschen Mannschaft beim diesjährigen Nationenpreis in Mannheim ein besonderer Druck. Umso imponierender war der erneute Sieg.

SWR Aktuell Baden-Württemberg mit Sport SWR BW

Oberderdingen

Weltcup-Finale in Texas Moritz Treffinger: Als jüngster Dressurreiter in der Kür auf Platz acht

Moritz Treffinger hat sich mit dem Start beim Weltcup-Finale in Texas einen Traum erfüllt. Der 22-jährige Dressurreiter trat mit Hengst Fiderdance gegen die Besten der Welt an.

SWR Aktuell Baden-Württemberg mit Sport SWR BW