"Wir wollen humanen Spitzen- und Leistungssport haben. Wir möchten mit Haltung das Thema Leistungssport betreiben", sagte der Präsident des Schwäbischen Turnerbundes (STB), Markus Frank, am Mittwoch im Interview mit SWR Sport. Daher wolle der STB künftig offener über die Konsequenzen, die sich aus dem Turn-Skandal ergeben, sprechen.
Dabei geht es dem Verband offensichtlich vor allem um die laufenden Arbeitsgerichtsverfahren gegen Trainerinnen und Trainer, die vom Schwäbischen Turnerbund vor knapp einem Jahr wegen der öffentlich gemachten Vorwürfe durch aktive und ehemalige Spitzenturnerinnen freigestellt worden waren. "Wir waren zwischen den Anforderungen des Arbeitsrechts und den Anforderungen der Staatsanwaltschaft limitiert und haben uns deshalb sehr zurückgehalten."
Mit Aussagen zu den jetzt bekannt gewordenen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen fünf Führungspersonen im eigenen Verband hält sich der STB allerdings zurück. Laut Auskunft der Staatsanwaltschaft Stuttgart wird gegen ein aktuelles und ein ehemaliges Präsidiumsmitglied ermittelt sowie gegen zwei aktuelle und einen ehemaligen Mitarbeitenden in leitender Funktion. Dabei geht es um den Verdacht der teils versuchten, vorsätzlichen Körperverletzung und der Nötigung in jeweils mehreren Fällen durch Unterlassen.
Um welche Führungskräfte es sich handelt, dazu will der STB nichts sagen. Im Gegensatz zum Deutschen Turner-Bund (DTB), der am Montag nicht nur die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen den Verband bestätigt hatte, sondern auch öffentlich machte, dass u.a. gegen Präsident Alfons Hölzl und Sportvorstand Thomas Gutekunst ermittelt werde.
Viele offene Fragen
Vom STB war auch keine offizielle Stellungnahme zu weiteren wichtigen Fragen zu erhalten: Was entgegnet er den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft? Bleiben die Führungspersonen, gegen die aktuell ermittelt wird, weiter im Amt oder stellt man sie bis zum Ende des Verfahrens frei? Der DTB, der STB und auch der Badische Turnerbund (BTB) hatten aufgrund staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen jeweils Trainerinnen und Trainer freigestellt. Sie sind es bis heute.
Auch zum im Dezember 2025 gegen den Schwäbischen Turnerbund eingeleiteten Bußgeldverfahren nach § 30 OWiG gab es am Mittwoch keine öffentliche Aussage. Die Geldbuße bei einer Ordnungswidrigkeit durch Unterlassen (z.B. Verletzung von Aufsichtspflichten) kann bei Fahrlässigkeit bis zu fünf Millionen Euro betragen.
Turnerbund kündigt Schutzmaßnahmen an
Während der STB hinsichtlich der Ermittlungen auf laufende Verfahren verweist und sich deshalb mit Aussagen zurückhält, will er bei den laufenden Arbeitsgerichtsverfahren gegen eine langjährige Trainerin und einen Trainer am Kunst-Turn-Forum in Stuttgart jetzt verstärkt in die Offensive gehen. "Wir haben jetzt Fakten in der Hand, mit denen wir die Thematik offener besprechen können", sagte STB-Präsident Frank. Er deutete konkrete Maßnahmen an. So solle zum Beispiel innerhalb der Trainingsgruppen besser kommuniziert werden.
Der STB setze laut Frank nun verstärkt auf "vollkommene Transparenz". Diese sei vorher nicht möglich gewesen, weil "es von Seiten der Staatsanwaltschaft die Aufforderung gab, hier nicht weitere Ermittlungen anzustellen, um die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht zu blockieren oder zu konterkarieren" sagte Frank. "Dem haben wir Rechnung getragen."
Turnerbund mit neuer Hoffnung im Arbeitsrechtsprozess
Durch die neuen Erkenntnisse aus den Akten der Staatsanwaltschaft blickt Frank nun optimistischer auf den laufenden Berufungsprozess gegen die ehemalige langjährige Trainerin vor dem Landesarbeitsgericht. Das Stuttgarter Arbeitsgericht hatte die Kündigung einer Trainerin, die mehr als 25 Jahre lang beim STB angestellt gewesen war, Anfang November 2025 für unwirksam erklärt. Bei dieser Verhandlung habe der STB noch keinen oder nur eingeschränkten Zugriff auf Akten und Aussagen gehabt.
Jetzt sieht Frank bessere Karten für den Schwäbischen Turnerbund: "Die gesamte Akte wird uns in den nächsten Wochen zugänglich gemacht." Man wolle das anhängige Berufungsverfahren vorantreiben, um "mit neu bekannt gewordenen und uns zugestellten Fakten" zu agieren.
Missstände im Turnen Teure Aufarbeitung: Der Deutsche Turner-Bund bittet zur Kasse
Mindestens 650.000 Euro soll die Aufarbeitung der Missstände im Turnen den DTB kosten. Einige Landesturnverbände springen für den finanziell klammen Verband in die Bresche.
Zum Jahreswechsel 2024/2025 hatten mehrere ehemalige und aktive Leistungsturnerinnen öffentlich Kritik an den Trainingsmethoden und dem persönlichen Umgang mit ihnen geäußert - insbesondere am Bundesstützpunkt in Stuttgart und am Turnstützpunkt in Mannheim. Kritisiert wurden unter anderem "systematischer körperlicher und mentaler Missbrauch" sowie katastrophale Umstände. Daraufhin hatte die Staatsanwaltschaft Stuttgart Ermittlungen eingeleitet.