Der Schwäbische Turnerbund (STB) hat weitere Konsequenzen aus den schwerwiegenden Vorwürfen vieler Leistungsturnerinnen gezogen. Am Rande eines Medientermins in Stuttgart bestätigte STB-Geschäftsführer Matthias Ranke, dass der ehemaligen leitenden Stützpunkt-Trainerin am Kunst-Turn-Forum und dem ehemaligen Trainer von Olympia-Turnerin Helen Kevric im Januar 2026 fristlos gekündigt wurde.
Etwa 20 Turnerinnen hatten zum Jahreswechsel 2024/25 von gravierenden Missständen vor allem am Turnstützpunkt in Stuttgart berichtet. Es ging um Demütigungen, Straftraining, Training trotz Knochenbrüchen und Gewichtskontrollen. Ranke sagte im Interview mit SWR Sport: "Wir haben in den vergangenen drei Monaten intensive Gespräche mit betroffenen Athletinnen, mit Trainern und Eltern geführt und sehr viele neue Erkenntnisse gewinnen können. Diese waren uns beim Aussprechen der ursprünglich ordentlichen Kündigung nicht bekannt." Laut Ranke soll ein Anwalt im Auftrag des STB mit "acht oder neun" betroffenen Personen Gespräche geführt haben.
STB geht zuversichtlich ins Verfahren am Arbeitsgericht
Der Schwäbische Turnerbund hofft nun, mit Hilfe dieser neuen Erkenntnisse das laufende Arbeitsgerichtsverfahren gegen die beiden Trainer*innen in zweiter Instanz zu gewinnen. Die Berufungsbegründung wurde beim zuständigen Landesarbeitsgericht fristgerecht eingereicht. "Dort wird es sicherlich auch zu Zeugenaussagen kommen", sagte Ranke.
Bereits im Januar 2025 hatte der Turnverband rasch auf die Vorwürfe der Turnerinnen reagiert. Der Verband sprach ordentliche Kündigungen gegen die langjährige leitende Stützpunkt-Trainerin und den Trainer aus. Im August 2025 stellte der STB zudem einen weiteren Trainer am Kunst-Turn-Forum Stuttgart frei. Gegen diese drei Trainer laufen Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen des Verdachts der gefährlichen beziehungsweise vorsätzlichen Körperverletzung und der Nötigung in über 25 Fällen.
"Am Ende werden wir zu der Überzeugung kommen, dass diese beiden Trainer nicht mehr bei uns arbeiten können.
Die langjährige Stützpunkt-Trainerin und der Trainer von Helen Kevric klagten vor dem Arbeitsgericht Stuttgart gegen ihre Kündigungen. Das Gericht gab den beiden in erster Instanz Recht und erklärte die Kündigungen Ende 2025 für unwirksam. Der Vorsitzende Richter monierte, der STB habe zu wenig Beweise für die mutmaßlichen Übergriffe der Trainerin und des Trainers vorgelegt. Dies lag u.a. daran, dass der Verband auf dringende Bitte der ermittelnden Staatsanwaltschaft keine eigenen Gespräche mit Betroffenen geführt hatte. Der Schwäbische Turnerbund, der Berufung gegen die Urteile einlegte, holte dies nun nach.
Der STB-Geschäftsführer möchte bewusst nicht den Stab über die Trainerin und den Trainer brechen. "Wir trennen uns nicht von ihnen, weil sie per se schlechte Menschen sind. Sie haben aber in einer Art und Weise ihr Training wahrgenommen, wie es nicht zu dem passt, wie wir Spitzensport verstehen. Das haben sie dauerhaft gemacht. Die Dinge, die ausgesagt wurden, gehen so einfach nicht. Deshalb mussten wir diesen Schritt gehen." Zusätzlich wird der STB in naher Zukunft Akteneinsicht bei der ermittelnden Staatsanwaltschaft erhalten.
Ein Jahr Turnskandal "Man muss nerven": Die zähe Aufarbeitung des Machtmissbrauchs im Turnen
Vor einem Jahr sprachen Turnerinnen öffentlich über ihre Erfahrungen von Machtmissbrauch an den Stützpunkten Stuttgart und Mannheim. Wie geht es ihnen? Wie läuft die Aufarbeitung?
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft richten sich mittlerweile nicht mehr nur gegen das gekündigte bzw. freigestellte Trainerpersonal, sondern auch gegen Führungskräfte beim Schwäbischen Turnerbund. Anfang 2026 wurde bekannt, dass gegen ein aktuelles und ein ehemaliges Mitglied des Präsidiums sowie gegen drei weitere (teils ehemalige) Mitarbeiter in leitender Funktion ermittelt wird. Namen will der STB nicht nennen. Den Beschuldigten wird zum Teil vorgeworfen, ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen zu sein und körperlichen bzw. mentalen Missbrauch zugelassen zu haben.
STB unterscheidet zwischen Aktiv-Täter und Unterlassungs-Täter
Der STB wies die (vorläufige) Einschätzung der Staatsanwaltschaft zurück. Bis zum Abschluss der Ermittlungen gelte für die beschuldigten Personen die Unschuldsvermutung. Die Funktionsträger bleiben bis auf Weiteres im Amt. SWR Sport wollte vom Schwäbischen Turnerbund wissen, warum vor einem Jahr der Trainerin und dem Trainer gekündigt wurde, obwohl damals noch keine staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen liefen. Und warum die jetzt beschuldigten Funktionäre weiter ihr Amt ausüben, obwohl gegen sie Ermittlungsverfahren laufen. Der STB antwortete: "Aus unserer Sicht gibt es eine Aufteilung in Aktiv-Täter und Unterlassungs-Täter. Die Aktiv-Täter, darunter keine Funktionsträger, hat der STB freigestellt bzw. gekündigt."
Ein Jahr Turnskandal "Zeit, personelle Konsequenzen zu ziehen": Der DTB und die Aufarbeitung im Turnen
Vor einem Jahr machten Spitzenturnerinnen Machtmissbrauch öffentlich. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Führungskräfte des DTB. Wie läuft die Aufarbeitung des Verbands?
Der Regensburger Strafrechtler Jan Bockemühl erklärt hierzu: "Das Strafrecht kennt tatsächlich eine Unterscheidung von Aktiv- und Unterlassungs-Tätern [§ 13 Strafgesetzbuch]. Man wird durch Nichtstun nicht automatisch zum Verbrecher. Der Unterlassende macht sich nur dann strafbar, wenn er eine besondere Schutzpflicht (die sogenannte "Garantenpflicht") für jemanden hat. Eine weitere Voraussetzung ist, dass das Unterlassen genauso schlimm sein muss, wie eine aktive Tat."
Der STB-Geschäftsführer gibt sich zuversichtlich, dass es zu keiner Anklage gegen einen Mitarbeiter des Turnverbands kommen wird. "Nach allem, was uns vorliegt, glaube ich nicht, dass uns das passiert", sagte Ranke. Dennoch zeigt er sich in der Rückschau selbstkritisch. "Das Ganze kam vor 13 Monaten an die Öffentlichkeit. Wenn ich heute sehe, was ich alles erfahren habe, dann stelle ich mir häufiger die Frage: Wenn ich das damals gewusst hätte, hätte ich dann anders entschieden? Und ich sage klar: Ja, das hätte ich. Aber ich habe es damals nicht gewusst."
Trotzdem sei er mit sich im Reinen. "Ich bin für mich fein. Ich kann nicht sagen, dass ich an einer bestimmten Stelle essentiell hätte anders handeln müssen." Trotzdem sehe er die Verantwortung, die Dinge jetzt anders zu regeln.
Matthias Ranke: "Es weht ein anderer Geist durchs Kunst-Turn-Forum"
Unterdessen hat der Schwäbische Turnerbund im Herbst 2025 eine Task-Force gegründet. Diese ist interdisziplinär aktuell mit vier Frauen und vier Männern aus dem eigenen Verband besetzt. In der Zukunft sollen auch externe Expertinnen und Experten hinzustoßen. Diese Gruppe soll den Trainingsbetrieb begleiten und beobachten und konkrete Verbesserungsvorschläge machen. "Wir gehen diese Themen offen und ehrlich an", betont Ranke. "Es weht in Teilen schon ein anderer Geist durchs Kunst-Turn-Forum. Wir sind auf dem richtigen Weg."
Der Geschäftsführer hofft, dass das Thema Turnskandal mit dem Ende der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Mitte oder spätestens Ende 2026 beendet sein wird.
Schwierige finanzielle Situation
Personelle Veränderungen, Umstrukturierungsprozesse, intensive arbeits- und strafrechtliche Diskussionen – all dies reißt eine kräftige Lücke in die Kasse. Auf SWR-Anfrage teilte der Schwäbische Turnerbund mit, dass seit den Berichten über Missstände am Kunst-Turn-Forum im Jahr 2025 Rechtsanwaltskosten von 360.000 Euro entstanden seien.
In dieser finanziell angespannten Situation schmerzt besonders die Nachricht, dass der Energiekonzern EnBW ab diesem Jahr nicht mehr Namensgeber des DTB-Pokals in Stuttgart (19. bis 22. März) ist. Fast 20 Jahre war EnBW Hauptsponsor und Namensgeber der traditionsreichen Veranstaltung. Warum der Ausstieg gerade jetzt? Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, der Rückzug stehe "in keinem" Zusammenhang mit den öffentlich gemachten Missständen an den Turnstützpunkten Stuttgart und Mannheim. Man habe sich bereits 2024, also vor Bekanntwerden der Vorwürfe, darauf verständigt, dem Engagement eine neue Richtung zu geben: der Nachwuchsförderung. EnBW ist seit September 2025 neuer Hauptsponsor der KiSS-Kindersportschulen im STB.
Der DTB-Pokal muss in diesem Jahr also ohne Namensgeber auskommen. "Sie schaffen es nicht, innerhalb von zwei Jahren einen 1:1-Ersatz am Markt zu finden", sagte Ranke zur erfolglosen Suche nach einem möglichen Nachfolge-Sponsor. Man habe aber zuletzt viele Gespräche geführt und sei guten Mutes, im kommenden Jahr einen neuen Präsentationssponsor zu haben.
Regelmäßiges Training in Italien Olympia-Turnerin Helen Kevric: Kein Start beim DTB-Pokal in Stuttgart
Helen Kevric, eine der besten deutschen Turnerinnen, wird nicht beim DTB-Pokal im März in Stuttgart starten. Die 17-Jährige trainiert neuerdings regelmäßig in Italien.
Beiträge der Mitglieder sollen steigen
Die schwierige finanzielle Lage hat Konsequenzen für die etwa 750.000 Mitglieder in den knapp 1.800 Turn- und Sportvereinen, die sich unter dem Dach des STB befinden. Die Leute an der Basis müssen künftig tiefer in die Tasche greifen. Für 2027 hat der Verband eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge angekündigt. Begründet wird dies mit "Corona, steigenden Kosten und unvorhergesehenen Belastungen". Darunter fallen sicherlich auch die Rechtsanwaltskosten, die der STB zahlen muss.
Jene etwa 375.000 Mitglieder, die einer Turnabteilung zugerechnet werden, werden ab 2027 eine sogenannte "variable Umlage" aufbringen müssen. Durch diese Umlage werden künftig pro Mitglied 74 Cent jährlich an den Deutschen Turner-Bund fließen, das sind insgesamt etwa 275.000 Euro. Geld, das bisher der STB als Verband an die DTB-Zentrale nach Frankfurt überwiesen hatte.
Das mögliche Fehlverhalten verantwortlicher Trainerinnen und Trainer sowie einzelner Funktionäre hat nicht nur das Image der Tunverbände beschädigt. Es hat auch schmerzhafte finanzielle Konsequenzen.